Seit Jahrhunderten haben die Feluken ihre Segel am Wind. Der Fluss unter den Kielen ist aber längst nicht mehr der Nil von einst.
Gift und Ewigkeit
Über 6.671 Kilometer fließt dieser Strom, vom Quellfluss südlich des Victoriasees zum Delta am Mittelmeer. Steinzeitkulturen, die Reiche der Ägypter, alles hat der Nil gesehen und überdauert. Immer prägte er das Leben an seinen Ufern - und weit darüber hinaus. Millionen Jahre lebten die Menschen mit dem Nil. Von seinen Launen hing ihr Schicksal ab: zu wenig Wasser bedeutete Hunger; ein zu hoher Wasserpegel bedeutete es ebenfalls. Kamen Besucher von weit her, unterlagen sie einer Magie: Wer vom Wasser des Nil trinkt, der kommt wieder ...... der kommt um!
Kein Reiseunternehmen wirbt heute mit diesem Spruch. Ägypten-Touristen, die auf komfortablen Nilschiffen fahren, haben eine bündige Warnung im Hinterkopf: Wer vom Wasser des Nil trinkt, der kommt um! Bereits Baden birgt extreme Gefahr. Dabei, der August ist heiß, nur Verrückte reisen jetzt dort, oder wer nicht anders kann. Träge, wie geschmolzenes Blei, fließt das giftige Wasser dahin. Mühelos bringen die Maschinen das Schiff auf Kurs, gegen die Strömung, von Luxor nach Assuan ...
12. August 1898
Kaum jemand denkt, zwischen Verdauungsproblemen und nächstem Drink, an einen anderen, früheren Gast des Nil. Immerhin, es ist der 12. August 2004, in der Mittagsglut: Fast auf die Stunde genau 106 Jahre zuvor steht ein junger britischer Leutnant, knapp hinter Luxor, an Deck eines nach Süden fahrenden Heckraddampfers - beinah wie die Touristen unserer Tage. Zugestiegen ist der vor Abenteuerlust fiebrige Offizier mit seinem Trupp Kavalleristen in Assiut. Das Ziel: Wadi Halfa, jenseits der Grenze zum Sudan. Den ersten Nilkatarakt, heute überspült von den Wassermassen des Nasser-Sees, müssen die Reiter noch mühsam umgehen. Der Leutnant heißt Winston Churchill, kommandiert zu den 21. Lancers, auf dem Weg zu Kitcheners Armee vor Omdurman...
Das Heer des Mahdi
Was die Abschweifung soll? 1898 ist für den Nil ein Schicksalsjahr: Vor Omdurman, da, wo Weißer Nil und Blauer Nil zusammentreffen, wartet das Heer des Mahdi: Zehntausende Gotteskrieger in weißen, langen Gewändern, beseelt vom Geist des Islam. Am Morgen des 2. September stürmt diese fanatische Menge gegen die Linien gut gedrillter ägyptischer und britischer Regimenter unter General Herbert Kitcheners Befehl. Geschütze und - damals eine nette Neuigkeit - Maschinengewehre richten unter den mittelalterlichen Kämpfern ein Blutbad an. Der Aufstand des Mahdi wird niedergeschlagen...


