Vinetas Gold
Wohin man auch schaut, goldene Dächer und Straßen aus Marmor lassen sich in Barth nicht entdecken. Rund 9.000 Menschen wohnen in der kleinen Stadt am südlichen Ufer des Barther Boddens. Der historische Stadtkern hat seit der Wende einiges an Attraktivität gewonnen, dennoch - und trotz der Nähe zur Ostsee - verirren sich nur selten Touristen in diese Gegend, die zu den ärmsten Ostdeutschlands zählt. Von goldenen Dächern träumt man hier nur.Im Schlamm begraben
Genau das aber machen die Barther seit gut einem Jahrzehnt: Ende der 1990er Jahre warteten der Journalist Günter Wermusch und Dr. Klaus Goldmann vom Berliner Museum für Ur- und Frühgeschichte mit der kühnen These auf, das sagenumwobene Vineta mitsamt seinen Schätzen liege im Schlamm des Barther Boddens begraben. Eine Sensation, wurde doch das "Atlantis der Ostsee" bisher immer vor der Küste Usedoms vermutet. Die Berichte von Chronisten legten dies nahe: vor tausend Jahren habe das stolze, reiche Vineta an der wasserreichsten Mündung der Oder gelegen.
Falsch interpretierte Quellen
Eine Odermündung sucht man in Barth vergebens. Der Historiker Goldmann glaubt jedoch, auf Luftbildern und Satellitenaufnahmen das ausgetrocknete Flussbett eines Oderarms entdeckt zu haben, der einst westlich des heutigen Barth ins Meer mündete. Falsch interpretierte Quellen und ein über die Jahrhunderte verändertes Landschaftsbild sollen für die bisherige Verortung Vinetas verantwortlich gewesen sein. Der lange Streit um die Lage der Stadt (siehe Infokasten) geht in die nächste Runde.
Kultiviertes Land
An der einstigen Existenz des goldenen Vineta zweifelt heute kaum noch jemand. Die Frage ist nur, wie die einst "größte Stadt Europas, größer als Konstantinopel" so plötzlich verschwunden sein konnte. Entgegen dem weit verbreiteten Glauben, Vineta sei während einer Sturmflut im Meer versunken, behauptet Goldmann, die Stadt sei untergegangen, als ihr kompliziertes System aus Deichen und Kanälen brach. Denn statt der in römischen Quellen beschriebenen undurchdringlichen Sümpfe habe es hier kultiviertes, fruchtbares Land gegeben. Die Menschen der Region sollen, gar nicht rückständig, Flüsse begradigt, Kanäle gebaut und ein ganzes Netzwerk weit reichender Schifffahrtswege angelegt haben.
Markenzeichen Vineta
Ideale Bedingungen für den einst größten Marktplatz Europas, der Vineta seinerzeit gewesen sein soll. Nur, handfeste Beweise fehlen. Barths damaligem Bürgermeister schien das egal zu sein; für ihn war Goldmanns Theorie auch so eine Goldgrube. Der Mythos, so zeigten Erfahrungen andernorts, lässt sich gut vermarkten: Schnell wurde der Name Vineta beim Patentamt als Markenzeichen angemeldet, auf dem Ortsschild prangt seitdem der Zusatz "Vinetastadt" und das kleine Heimatmuseum heißt jetzt, natürlich, Vineta-Museum.
Ort der Sehnsucht
Es geht um viel Geld für die strukturschwache Region. Eben dies fehlt dem Historiker Goldmann aber, um eine langfristige Suche nach Beweisen im Schlamm des Barther Boddens finanzieren zu können. Doch mal ehrlich, wäre die Entdeckung Vinetas, egal wo, wirklich ein Gewinn? Hat der Mythos nicht weitaus stärkere Anziehungskraft als ein Ruinenfeld am Meeresboden? Vineta mag in den stürmischen Fluten der Ostsee versunken sein - als Ort des Schicksals und der Sehnsucht lebt es fort. Wird Vineta gefunden, dann verschwindet es - aus unserer Phantasie.
Ulrike Wolf (16.06.2009)
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Infobox
"Vineta, Vineta, du rieke Stadt, Vineta sall unnergahn, wieldeß Se hat väl Böses dahn!" Dieser Fluch besiegelte das Schicksal Vinetas. Ihr Reichtum und ihr Hochmut stürzten die einst blühende Handelsmetropole ins Verderben. Dabei fing alles so friedlich an: Allerlei Völker - Griechen, Slawen, Wenden, Sachsen - lebten in Harmonie und trieben erfolgreich Handel mit Kaufleuten aus aller Welt.
Die Bürger Vinetas waren so reich, dass sie verschwenderisch wurden: Sie tranken aus silbernen Bechern, aßen von goldenen Tellern, die Kinder spielten mit Talern auf der Straße und selbst die Futtertröge der Schweine waren aus edelstem Metall. Ob solcher Prunksucht verärgert, schickte der Gott der Meere eine schreckliche Sturmflut, die Vineta mitsamt seiner Bewohner in die Tiefe riss.
Wo sich die Katastrophe ereignete, ist bis heute umstritten. Karten und Geschichten aus dem 15. und 16. Jahrhundert verorten Vineta vielfach vor der Küste Usedoms. Im 19. Jahrhundert begeisterten sich deutsche Romantiker für das Thema und woben es in ihre Arbeiten ein - häufig wurde der Ort Koserow auf Usedom zum Schauplatz des Geschehens.
Auf Rudolf Virchow, einen herausragenden Anatomen, Pathologen und begeisterten Archäologen geht dagegen die Wollin-Theorie zurück. Ende des 19. Jahrhunderts entdeckte Virchow am rechten Mündungsarm der Oder zahlreiche Erdhügel, die sich als reich ausgestattete Gräber herausstellten. Virchow glaubte, hier Vineta gefunden zu haben.
In der Nähe fand der polnische Archäologe Wladislaw Filipowiak Mitte der 1950er Jahre Überreste einer slawischen Handelssiedlung: vier Häfen, mehrere Handwerkerviertel und Friedhöfe wurden in der Folgezeit freigelegt. Die mehr als 50.000 Fundstücke überzeugten Filipowiak, dass dies Vineta sei.
Ebenso überzeugt sind Dr. Klaus Goldmann und Günther Wermusch von ihrer Barth-Theorie. Mehr als eine heiße Spur haben aber auch sie nicht.
Die Bürger Vinetas waren so reich, dass sie verschwenderisch wurden: Sie tranken aus silbernen Bechern, aßen von goldenen Tellern, die Kinder spielten mit Talern auf der Straße und selbst die Futtertröge der Schweine waren aus edelstem Metall. Ob solcher Prunksucht verärgert, schickte der Gott der Meere eine schreckliche Sturmflut, die Vineta mitsamt seiner Bewohner in die Tiefe riss.
Wo sich die Katastrophe ereignete, ist bis heute umstritten. Karten und Geschichten aus dem 15. und 16. Jahrhundert verorten Vineta vielfach vor der Küste Usedoms. Im 19. Jahrhundert begeisterten sich deutsche Romantiker für das Thema und woben es in ihre Arbeiten ein - häufig wurde der Ort Koserow auf Usedom zum Schauplatz des Geschehens.
Auf Rudolf Virchow, einen herausragenden Anatomen, Pathologen und begeisterten Archäologen geht dagegen die Wollin-Theorie zurück. Ende des 19. Jahrhunderts entdeckte Virchow am rechten Mündungsarm der Oder zahlreiche Erdhügel, die sich als reich ausgestattete Gräber herausstellten. Virchow glaubte, hier Vineta gefunden zu haben.
In der Nähe fand der polnische Archäologe Wladislaw Filipowiak Mitte der 1950er Jahre Überreste einer slawischen Handelssiedlung: vier Häfen, mehrere Handwerkerviertel und Friedhöfe wurden in der Folgezeit freigelegt. Die mehr als 50.000 Fundstücke überzeugten Filipowiak, dass dies Vineta sei.
Ebenso überzeugt sind Dr. Klaus Goldmann und Günther Wermusch von ihrer Barth-Theorie. Mehr als eine heiße Spur haben aber auch sie nicht.



