Oktopusse sind scheue und friedliebende Tiere, die unprovoziert keine Menschen angreifen. (Bild: NOAA)
Bruchstückhaftes Wissen
Stück für Stück wuchs das Wissen über diese Tiere. 1861 sichteten Matrosen des französischen Kriegsschiffs Alecton vor Teneriffa eine im Wasser treibende Masse. Als das Schiff darauf zuhielt, gewahrte die Besatzung ein unbekanntes Lebewesen. Man beschloss, es an Bord zu hieven, doch verteidigte sich das tentakelbewehrte Tier nach Leibeskräften. Schließlich hatte man ein Tau um das Wesen herum geschlungen und wollte es hochziehen, da schnitt das Seil durch den gallertartigen Körper und trennte einen Teil des Rumpfes, Kopf und Arme ab. In Händen hielten die Männer, was später als Schwanzstück eines Riesenkalmars identifiziert wurde.
Sechs Meter lange Tentakel
1873 gerieten drei Heringsfischer vor Neufundland in eine ähnliche Lage. Auch sie erblickten etwas, das sie für Treibgut im Wasser hielten. Als sie es mit Enterhaken zur näheren Begutachtung heranziehen wollten, regte sich das Ding plötzlich und fuhr seine Fangarme aus, die das kleine Ruderboot umklammerten. Das Gewicht des Tintenfischs drohte, den Nachen zum Kentern zu bringen, doch hackte der Sohn des Fischers geistesgegenwärtig einen der saugnapfbestückten Greifer ab. Der Kalmar verschwand in der Tiefe; übrig blieb ein gut sechs Meter langes Stück Tentakel, das der ortsansässige Pfarrer Moses Harvey (1820 bis 1901) an sich nahm.
Vier Meter misst dieser Riesenkalmar. Die zwei Tentakel sind allerdings abgetrennt, sonst wäre er noch länger. (Foto: NASA)
Harvey war es auch, der kurz darauf als erster einen Riesenkalmar fotografierte, der in der Nähe gestrandet und verendet war. Die Vorgänge auf Neufundland erregten die Aufmerksamkeit von Addison Emery Verrill (1839 bis 1926), Zoologie-Professor an der Yale University.
In den nächsten Jahren leistete er Pionierarbeit bei der Erforschung des Riesenkalmars, wobei ihn ein glücklicher Umstand begünstigte: Gerade zu dieser Zeit wurden an den Küsten Neufundlands außergewöhnlich viele der Tiere angeschwemmt, darunter das mit knapp 18 Metern Gesamtlänge bis heute längste bekannte Exemplar. Verrills Publikationen entrissen den Größten der Tintenfische dem Reich der Legenden; nun war auch die Wissenschaft endgültig von der Existenz des Architeuthis überzeugt.
Bewohner anderer Sphären
Seither wurden immer wieder mal tote Riesenkalmare an Land gespült oder landeten in den Schleppnetzen von Fischkuttern. Große Fortschritte hat man bei ihrer Erforschung allerdings nicht gemacht, da man sie in ihrem natürlichen Lebensraum so gut wie nie zu Gesicht bekommt: Die Kopffüßer halten sich vorzugsweise in Tiefen von mindestens 300 Metern auf, zu viel für einen "normalen" Tauchgang. Nur mit speziellen Unterseebooten oder Kamerarobotern, die dem hohen Wasserdruck standhalten, kann der Mensch Einblick in diese Sphären gewinnen.
Schnappschuss vom Riesenkalmar
Es dauerte daher bis September 2005, um die ersten Fotos eines lebenden Riesenkalmars zu schießen. In neunhundert Metern Tiefe wurde auf Film gebannt, wie der Gigant nach einem angeleinten Köder angelte. Etwa acht Meter lang war dieses Exemplar.
Die Haut mancher Pottwale ist überzogen mit kreisförmigen Narben, Andenken an Kämpfe mit Riesenkalmaren, welche ihre scharfkantigen Saugnäpfe zu Jagd und Verteidigung nutzen.
Stoff für Schauermärchen
Angeblich wurden auf der Haut von Pottwalen, dem einzigen Fressfeind der Riesenkalmare, schon Narben gefunden, die von Saugnäpfen mit Durchmessern von über 25 Zentimetern herrühren - an die dreißig Meter müsste der dazugehörige Tintenfisch lang sein. Und mit letzter Sicherheit kann keiner sagen, ob nicht noch gigantischere Ungetüme in der Tiefsee lauern. Für weitere Schauergeschichten ist also Stoff vorhanden...
Kai Müller (14.10.2005)
Seite
1
| 2
Dieser Artikel gehört zum Thema
| Ozean | ![]() |
Infobox
Der Riesenkalmar...
lebt für gewöhnlich in der Tiefsee, wo er sich in der Zone zwischen 300 und 1.000 Meter Wassertiefe bewegt. Etwa 13 Meter wird er im Normalfall lang - inklusive Tentakel. Seine Augen, mit bis zu 40 Zentimetern Durchmesser, sind die größten im Tierreich.
Der Kalmar scheint ein aktiver Jäger zu sein; fraglich ist allerdings, ob er auch Pottwale angreift: Umgekehrt sehen die räuberischen Seesäuger eher in ihm einen Leckerbissen. Allerdings könnte ein fehlgeleiteter Jagdtrieb möglicherweise die unzähligen Geschichten erklären, die von Attacken auf größere und kleinere Schiffe berichten.
Als Nahrung für den Menschen taugt der Koloss nicht: Sein Fleisch enthält einen hohen Anteil Salmiak-Lösung, die für Auftrieb sorgt, ihn aber ungenießbar macht.
lebt für gewöhnlich in der Tiefsee, wo er sich in der Zone zwischen 300 und 1.000 Meter Wassertiefe bewegt. Etwa 13 Meter wird er im Normalfall lang - inklusive Tentakel. Seine Augen, mit bis zu 40 Zentimetern Durchmesser, sind die größten im Tierreich.
Der Kalmar scheint ein aktiver Jäger zu sein; fraglich ist allerdings, ob er auch Pottwale angreift: Umgekehrt sehen die räuberischen Seesäuger eher in ihm einen Leckerbissen. Allerdings könnte ein fehlgeleiteter Jagdtrieb möglicherweise die unzähligen Geschichten erklären, die von Attacken auf größere und kleinere Schiffe berichten.
Als Nahrung für den Menschen taugt der Koloss nicht: Sein Fleisch enthält einen hohen Anteil Salmiak-Lösung, die für Auftrieb sorgt, ihn aber ungenießbar macht.



