Der politisierte Strom
Völker und Nationen erschaffen sich, indem sie Grenzen ziehen. Erst in der Abgrenzung zum Fremden und Andersartigen tritt Identität hervor, wird Gemeinsames erkennbar und Zusammenhalt möglich. Als im Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert im westlichen Europa der nationale Gedanke Gestalt annahm, trat die Frage der Grenzen auf den Plan.Natürliche Grenzen
Eher akademisch war zunächst die Diskussion um Unterschiede kultureller oder ethnischer Art - hingegen erwies sich das Problem der physischen Grenzen als erheblich handfester: Die im Entstehen begriffenen Nationalstaaten mussten ihr Territorium abstecken. "Natürliche Grenzen" kommen da gelegen, etwa ein Gebirge oder auch: ein Fluss. Ein solcher kann, weit über seine Bedeutung als Verkehrsweg hinaus, zum nationalen Symbol werden. So mancher Strom, von Naturkräften erschaffener Hort unpolitischen Wassers, wird gar zu nationalem Eigentum erklärt.
Der deutsche Rhein?
So widerfuhr es auch dem Rhein, um den zwei Nationen stritten, die sich, hervorgegangen aus gemeinsamen Wurzeln, in erbitterter Feindschaft gegenüberstanden. An seinem Ufer versammelten sich deutsche Patrioten zur "Wacht am Rhein", den es zu verteidigen galt gegen den Ansturm der Franzosen von der gegenüberliegenden Seite. Ansprüche aus grauer Vorzeit machte man geltend, stilisierte den Fluss zur Wiege germanisch-deutscher Zivilisation, den teutonische Recken einst den Römern abgetrotzt hätten.
Reger Austausch
Dabei hatte der Rhein seit geraumer Zeit verbunden, nicht getrennt: Händler trafen sich dort, stromauf und stromab bewegten sich Menschen und Waren. Vom 14. bis zum 16. Jahrhundert standen Intellektuelle und Künstler in den oberrheinischen Städten von Konstanz über Basel bis Straßburg in regem Austausch. Erasmus von Rotterdam kam den Fluss hinauf nach Basel, um humanistisches Gedankengut zu verbreiten.
Binnenschifffahrt auf dem Rhein bei Königswinter. (Bild: Landesregierung NRW)
Deutsche und Franzosen pflegten eine weitgehend friedliche Nachbarschaft. Im Laufe des 17. Jahrhunderts spitzte sich die Lage zu, als die Expansion des Herrschaftsbereichs der Dynastie der Habsburger zum Konflikt mit den Bourbonen führte. Der französische Monarch Louis XIII. und sein Premierminister, Kardinal Richelieu, sahen Frankreich "eingekreist", als die Habsburger sowohl das Heilige Römische Reich Deutscher Nation als auch Spanien, Ungarn, Burgund und die Niederlande unter dem Doppeladler vereint hatten.
Streit unter Nachbarn
Mit Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges (1618 bis 1648) war es mit der Ruhe im Gebiet des Oberrheins zu Ende. Die Kampfhandlungen wirkten sich verheerend aus: Siedlungen fielen in Schutt und Asche, die Verluste unter der Bevölkerung waren enorm. Der Frieden von Münster veränderte die politische Landkarte: Frankreich hatte das Elsass mitsamt den Festungsstädten Metz, Toul und Verdun sowie Straßburg gewonnen. Ab 1714 bildete der Oberrhein, nach weiteren französischen Vorstößen, die Grenze zum deutschen Herrschaftsgebiet...
Teil 1: Verbindender Strom
Teil 2: Deutsch-französische Grenze
Teil 3: Aufeinandertreffen und Annäherung
Teil 2: Deutsch-französische Grenze
Teil 3: Aufeinandertreffen und Annäherung
Infobox
Der Rhein gehört zu den bedeutendsten Wasserwegen Europas. Sein Name leitet sich aus dem keltischen Wort rhen für fließen her. Der Flussverlauf untergliedert sich von Süden nach Norden in Hochrhein, Oberrhein, Mittelrhein und Niederrhein, hinzu kommen Quell- und Nebenflüsse. Vom Ursprung im Sankt-Gotthard-Massiv in den Schweizer Alpen bis hin zur Mündung in die Nordsee am Hoek van Holland bei Rotterdam misst der Fluss 1.340 Kilometer, 838 Kilometer davon sind schiffbar. Der Rhein verbindet Rotterdam und Antwerpen mit den industriellen Zentren im Ruhrgebiet, mit Karlsruhe und Basel. Die Hälfte aller Binnenschifftransporte innerhalb der EU wird über den Rhein abgewickelt. Seit der Mannheimer Akte von 1868 ist der Rhein internationales Gewässer. Die Nutzung des Stromes regelt die Zentrale Kommission für die Rheinschifffahrt (ZKR) mit Sitz in Straßburg; in ihr sind die Niederlande, Deutschland, Frankreich, die Schweiz und Belgien vertreten


