Paradiesisch
Die Palmen im ägyptischen Hurghada werden bewässert, der Sandstrand ist nur aufgeschüttet und das orientalische Dekor ist auch bloße Kulisse. Überhaupt: warum muss ein Paradies umzäunt sein?Blick vom All aufs Rote Meer: damit hier erquickliche Wohlfühloasen entstehen können, bedarf es manchen Kraftakts. (Bild: NASA)
Über Jahrzehnte hinweg ist die Rotmeerküste nämlich potenzielles Frontgebiet gewesen; der Konflikt zwischen Ägypten und Israel hinterließ auf ägyptischer Seite unzählige Minen an den nördlichen Stränden des Roten Meeres, von denen Räumungsarbeiter nur einen Teil wiederfanden.
Vom Fischerdorf zur Urlaubsoase
Über die kriegsbedingten Aufräumarbeiten hinaus galt es noch Probleme ganz anderer Art zu bewältigen, um künftigen Urlaubern ihr tropisches Domizil zu schaffen: das Fischerdorf, das Hurghada einst war, und das nur aus ein paar Hütten und windschiefen Baracken bestand, musste man mit einer Infrastruktur sowie die ärmliche Kulisse mit orientalischem Dekor versehen.
Einheimische müssen weichen
Zunächst sollte der Ortskern ein anderes Aussehen bekommen; der eilig berufene Tourismusminister in Kairo mutmaßte, dass die verfallenen, schmutzigen Häuser wohl eher abschreckend auf Urlauber wirken dürften. Also wurden die armseligen Hüttchen planiert und ihre Bewohner bekamen moderne Wohnungen zugewiesen. Schließlich lebt es sich in einem Fertigbetonhaus doch besser als in so einer schäbigen Fischerhütte!
Allzu nah an den touristischen Zentren allerdings durften die neuen Unterkünfte auch nicht stehen: wie befremdlich muss eine Ägypterin, die voll bekleidet schwimmen geht, auf den Westeuropäer wirken. So ein restaurierter Ortskern und ein paar gefällige Ureinwohner sind dem Erlebnistouristen freilich noch nicht genug: zum Abenteuerurlaub gehören Wasserski und Tiefseetauchen, für tropisches Flair sind Palmen unabdingbar, und zum Wie-zu-Hause-fühlen braucht man einfach ein klimatisiertes Hotelzimmer und eine gut funktionierende Trinkwasserversorgung.
800.000 Übernachtungen pro Jahr
Das Wohl des Touristen im Auge, seine Devisen schon fast in der Tasche, erbauten die ägyptische Regierung und ausländische Investoren rasch zahllose Hotels, installierten ein paar Palmen und eröffneten etliche Tauchstationen. Und tatsächlich hat sich das ehemalige Fischerdorf inzwischen zum größten Bade- und Wassersportort am Roten Meer entwickelt: als einer der wichtigsten Devisenbringer Ägyptens verzeichnet Hurghada rund 800.000 Übernachtungen pro Jahr, zum Urlauberghetto gibt es zwanzig Kilometer umzäunten Badestrand inklusive.
Großer Aufwand - kleine Wirkung
Erst moderne Technik macht heute die Rotmeerküste und Touristenhochburgen wie Hurghada, was sie einst mangels Infrastruktur - zumindest für den westlichen Menschen - nie waren: bewohnbar. Der Urlauber freilich merkt wenig von dem Aufwand, den das künstliche Paradies verursacht. Während er sich in den Hotelboutiquen mit Figuren von Tutanchamun und Kleopatra eindeckt oder tauchend die Unterwasserwelt des Roten Meeres erkundet, schaffen riesige Tanker Wasser heran und bringen Dutzende LKWs Lebensmittel aus dem Nildelta. Nicht einmal Palmen halten es hier aus: mehrmals täglich muss der Hotelgärtner sie bewässern.
Überfüllt und kommerziell
Ägyptenkenner haben Hurghada als Reiseziel indes längst abgeschrieben. Zu überfüllt und "kommerziell" ist ihnen die Urlaubsmetropole geworden. Auch das Kapital der Investoren zieht es jetzt eher zu verschlafenen Küstenstädtchen und -dörfern. Freilich aus ganz anderen Gründen: hier sollen in Zukunft neue Touristenziele der gehobenen Klasse entstehen.
Kathleen Niebl (15.12.2005)
Dieser Artikel gehört zum Thema
| Rotes Meer | ![]() |
Infobox
Ist das Rote Meer rot?
Gleich vier mögliche Erklärungen für den Namen des Roten Meeres gibt es: Biologen machen eine Algenart namens Trichodesmium Erythraeum für den leichten Rotschimmer verantwortlich - er könnte durch das alljährliche Verblühen der Pflanze entstehen. Andere behaupten, dass die Namensgebung aus der altiranischen Gepflogenheit resultiert, Himmelsrichtungen durch Farben zu bezeichnen; rot - so die Theorie - bezeichnete Süden. Im Süden nun befand sich aus der Sicht früher iranischer Völker das fragliche Gewässer.
Ein dritter Deutungsversuch bezieht sich auf die rötlichen, mineralreichen Felsen, die das Meer stellenweise begrenzen; antike Seefahrer seien von den roten Gebirgszügen so beeindruckt gewesen, dass sie das Meer nach der dominanten Farbe benannten. Dass ein mächtiges, an der Rotmeerküste beheimatetes Volk Namenspatron des Roten Meeres gewesen sein könnte, davon sind einige Altertumsforscher überzeugt: die Himjaren kontrollierten schon in vorchristlicher Zeit den Handel am Roten Meer. Ihr Name geht im Arabischen auf dieselbe Wurzel zurück wie die Bezeichnung für rot.
Gleich vier mögliche Erklärungen für den Namen des Roten Meeres gibt es: Biologen machen eine Algenart namens Trichodesmium Erythraeum für den leichten Rotschimmer verantwortlich - er könnte durch das alljährliche Verblühen der Pflanze entstehen. Andere behaupten, dass die Namensgebung aus der altiranischen Gepflogenheit resultiert, Himmelsrichtungen durch Farben zu bezeichnen; rot - so die Theorie - bezeichnete Süden. Im Süden nun befand sich aus der Sicht früher iranischer Völker das fragliche Gewässer.
Ein dritter Deutungsversuch bezieht sich auf die rötlichen, mineralreichen Felsen, die das Meer stellenweise begrenzen; antike Seefahrer seien von den roten Gebirgszügen so beeindruckt gewesen, dass sie das Meer nach der dominanten Farbe benannten. Dass ein mächtiges, an der Rotmeerküste beheimatetes Volk Namenspatron des Roten Meeres gewesen sein könnte, davon sind einige Altertumsforscher überzeugt: die Himjaren kontrollierten schon in vorchristlicher Zeit den Handel am Roten Meer. Ihr Name geht im Arabischen auf dieselbe Wurzel zurück wie die Bezeichnung für rot.



