Der Bosporus - ein schmaler Durchstich zwischen dem Marmarameer und dem Schwarzen Meer. War hier das Ventil, aus dem sich die Wassermengen der Sintflut ergossen haben?
Schlammiger Grund
2.244 Meter tief ist dieses Meer an seiner abgründigsten Stelle. Seine oberen Schichten sind klar und wenig salzig. Weiter unten aber ist der Salzgehalt erheblich; unvorstellbare Schlammmassen bedecken den Boden. Noch in der Antike brachten aufsteigende Gase manches Schiff, das sich auf die Wellen des Pontos wagte, in tödliche Gefahr. Im dunklen Schlamm nun liegt, glaubt man den Worten einiger geschichtsinteressierter Theoretiker, ein gewaltiges Mysterium verborgen: das Rätsel betrifft die Ursprünge unserer Kultur, die Wurzeln des eurasischen Menschen.Die Katastrophe bricht herein
Dabei hat das Schwarze Meer mal eher klein angefangen: als schlichter Süßwassersee nämlich. Um das Jahr 5500 v. Chr. kam es dann zur Katastrophe. Salzwasser brach aus dem Mittelmeer durch den Bosporus, die Siedlungen auf den Inseln und an den Ufern des Sees versanken. Flüchtlingsströme ergossen sich in alle Himmelsrichtungen.
Gigantische Flut
Diese Theorie einer gigantischen, plötzlich hereinbrechenden Flut als Entstehungsereignis des Schwarzen Meeres vertreten zwei US-amerikanische Marinegeologen, Walter Pitman und William Ryan. Was liegt näher, als jenes Geschehen in grauer Vorzeit mit einer der großen uns bekannten Menschheitserzählungen zu verknüpfen, ihr gleichsam geologisch untermauert einen Ort zuzuweisen: Sintflut - ein Rätsel wird entschlüsselt heißt daher das 1999 erschienene Buch der beiden Forscher.
Noahs Arche
Die Ansichten von Pitman und Ryan sind nicht unumstritten, gelten jedoch in Fachkreisen als ernsthafte Hypothese, für viele Experten sind sie sogar zweifelsfrei belegt. Wir könnten es damit bewenden lassen. Während die Geologen über Sedimentanalysen in Bohrkernen debattieren, erfreut der Laie sich an der Vorstellung, wie Noahs Arche über die Wellen des gerade entstandenen Schwarzen Meeres trieb.
Fragen über Fragen
Doch so simpel ist es nicht, denn gerade hier beginnen die spannenden Fragen: Wer mag wohl auf der Arche gewesen sein? Und wohin gelangte das sagenhafte Gefährt? Anders gefragt: Wer waren die Menschen, welche die große Flut vertrieb, und wie beeinflussten ihre Fluchtbewegungen den Fortschritt der Kultur auf zwei Kontinenten? Aus einer geologischen Hypothese wird auf solche Weise ein historisches Problem: Was ging unter in der katastrophalen Flut? Und mit welchen Folgen?
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Infobox
Die Meerengen des Bosporus und der Darda- nellen waren schon in vorchristlicher Zeit von großer strategischer Bedeutung. Siedlungen entlang der Wasserstraßen entwickelten sich zu wichtigen Warenumschlagund Handelsplätzen. Troja etwa kontrollierte aufgrund seiner Lage an den etwa 65 Kilometer langen Dardanellen schon im dritten Jahrtausend vor Christus den Zugang zum Schwarzen Meer. Reich wurde die Stadt, die durch Homers Dichtung Ilias Berühmtheit erlangte, durch Wegzoll sowie Lotsenund Schutzgebühren. Bis ins Mittelmeer, nach Europa und Kleinasien, reichten die Handelsund Kulturkontakte. Zu jeder Epoche strebten die an den Dardanellen und am Bosporus lebenden Völker die Kontrolle über die beiden Meerengen und damit den Zugang zum Schwarzen Meer an. Im 14. Jahrhundert erlangte das Osmanische Reich die Oberhoheit über das Gebiet und verbot rund ein Jahrhundert später jeglichen internationalen Handelsverkehr. Erst um 1800 waren fremde Handelsschiffe wieder zugelassen. Heute kontrolliert die Türkei wegen des 1936 beschlossenen Vertrags von Montreux die internationale Schifffahrt durch die beiden Meerengen.



