Die Landung der Sonne
Das Prinzip der Sterne: eine lange unbekannte Art der Energieproduktion. Tief drinnen in den Himmelskörpern fusionieren Atomkerne, bei höchsten Drücken und Temperaturen. Das macht den Sternen keiner nach, oder?Diese Aufnahme des Hubble-Teleskops zeigt einen explodierenden Stern in der Milchstraße. (Bild: NASA)
Es geht - auf der Erde!
Was klingt wie die reichlich verrückte Utopie weltfremder Kosmologen hat Hand und Fuß: Energiespendende Kernfusionen lassen sich tatsächlich auf der Erde initiieren, freilich mit hohem Aufwand an Wissen, Technik und Material. Dieser Aufwand ist derart immens, dass er von einer einzelnen Nation unmöglich erbracht werden kann. Daher kooperieren viele führende Industriestaaten bei dem Versuch, auf der Fusion von Wasserstoffkernen basierende Kraftwerke zu bauen.
Erstes zündendes Experiment
Die USA, Japan, Großbritannien, Russland, Frankreich, Deutschland, auch China und Südkorea tragen mit wissenschaftlichen Resultaten und Geld zu dem Vorhaben bei, zerstreiten sich und finden wieder zueinander. Wie viel politisches Gewicht das Projekt hat, zeigt zum Beispiel die Tatsache, dass es 1986 zur Agenda der Gorbatschow-Reagan-Konferenz von Reykjavik gehörte. Heute steht eine milliardenteure, eventuell wirklich zündende erste Experimentalmaschine vor der Realisierung.
Komplex und unpopulär
Dass die übergroße Mehrheit der Fernsehzuschauer und Zeitungsleser wenig über das vielleicht wichtigste Mega-Projekt am Beginn des Jahrtausends erfährt, hat eine ganze Reihe von Gründen: Erstens sind staatliche Ausgaben für wissenschaftliche Zwecke im Milliarden-Dollar-Bereich meist unpopulär - vor allem dann, wenn sie auf ein derart mit Tabus belegtes Gebiet wie die Atomforschung gelangen. Zweitens setzt die Vermittlung von Wissen Fachkenntnisse voraus und ist schwer mit eingängigen Parolen zu meistern. Und drittens berührt die Kernfusion nicht nur wissenschaftliche, sondern ebenso massive wirtschaftliche und politische Interessen.
Flaggschiff der europäischen Experimente - der Fusionsreaktor JET (Joint European Torus) im englischen Culham.
Hinzu kommen Gründe, die aus dem weiten Zeithorizont und den gewaltigen technischen Schwierigkeiten des Projekts Fusionsenergie resultieren. In unseren Tagen an seiner Umsetzung arbeitende Wissenschaftler - es sind Tausende, fast überall auf der Welt - dürfen oft kaum darauf hoffen, noch effiziente Fusionskraftwerke zu erleben: Erst etwa 2050 soll es soweit sein. Viel Raum bietet sich da Kritikern, die in dem Ziel eine Art Fata Morgana zu sehen meinen: Deren Eigenschaft ist es bekanntlich, um so weiter zurückzuweichen, je näher man ihr zu kommen scheint.
Mit Atomkernen basteln
Worum geht es bei der irdischen Kernfusion? Längst sind sich Physiker darüber einig, dass das Zusammenfügen von Atomkernen am günstigsten mit Wasserstoff - genauer: mit seinen schweren Isotopen Deuterium und Tritium - erfolgen kann. Die Sonne macht es vor. Produkt einer solchen Reaktion ist das Edelgas Helium und, bezogen auf die einzelne atomare Vereinigung, ein frei werdendes Neutron. Besonders letzteres besitzt nach der Fusion enorme Bewegungsenergie, Grundlage der Energieerzeugung im Kraftwerk. Die Crux liegt nun darin, positiv geladene, also sich abstoßende, Wasserstoffkerne wirklich zur Fusion zu zwingen. Dazu müssen sie, einfach gesagt, mit extrem hohem Tempo aufeinander zufliegen...
Seite
1
| 2
Infobox
Energie - woher nehmen?
Über neun Zehntel des Weltenergiebedarfs werden heute aus fossilen Energiequellen gedeckt. Die gegenwärtige Versorgungssicherheit lässt uns leicht vergessen, dass Klimaproblematik, Brennstoffvorräte und politische Instabilitäten auf längere Sicht ein neues Energiesystem verlangen. Hinzu kommen der steigende Energiebedarf in den Schwellenländern und die schnell wachsende Bevölkerung.
Auch wenn es den Industrieländern gelingt, in bedeutenden Mengen Energie zu sparen, wird der Bedarf weltweit ansteigen. Die Auswahl an ausreichend ergiebigen Energiequellen, die Kohle, Erdöl und Erdgas in Zukunft ersetzen könnten, ist jedoch sehr begrenzt: Neben Kernspaltung und Sonnenenergie bleibt als dritte Variante die Fusion. (Quelle: MPI für Plasmaphysik, Garching)
Über neun Zehntel des Weltenergiebedarfs werden heute aus fossilen Energiequellen gedeckt. Die gegenwärtige Versorgungssicherheit lässt uns leicht vergessen, dass Klimaproblematik, Brennstoffvorräte und politische Instabilitäten auf längere Sicht ein neues Energiesystem verlangen. Hinzu kommen der steigende Energiebedarf in den Schwellenländern und die schnell wachsende Bevölkerung.
Auch wenn es den Industrieländern gelingt, in bedeutenden Mengen Energie zu sparen, wird der Bedarf weltweit ansteigen. Die Auswahl an ausreichend ergiebigen Energiequellen, die Kohle, Erdöl und Erdgas in Zukunft ersetzen könnten, ist jedoch sehr begrenzt: Neben Kernspaltung und Sonnenenergie bleibt als dritte Variante die Fusion. (Quelle: MPI für Plasmaphysik, Garching)


