Ritt durch die Wüste
Als Nomaden ziehen die Tuareg mit ihren Viehherden durch die Zentralsahara in Nordafrika, immer auf der Suche nach frischem Wasser und Weideland. Folgen wir ihnen auf ihrer Wüstenreise.Ein Lächeln für den Gast. Die Frauen der Tuareg sind stolz und unabhängig - ihre Ehemänner wählen sie selbst.
100 Liter für den großen Durst
Schritt für Schritt durchqueren die "Wüsten-Schiffe" die schier unendliche Weite. Vor acht Tagen haben die Kamele das letzte Mal getrunken. Bis zu zwei Wochen können sie ohne Wasser auskommen. Dann trinken sie aber fast 100 Liter auf einmal. Der Führer der Karawanen, Dachi, weiß das. Er gehört zu einem Stamm der Tuareg, der seine Heimat in den Aïr-Bergen der Zentralsahara hat.
Genaue Kenntnis
Schon seit Monaten ist er von seiner Familie getrennt. Während er als Familienoberhaupt mit der Handelskarawane unterwegs ist, ziehen seine Söhne mit den Kamel- und Schafherden von Weideland zu Weideland. Nur mit genauer Kenntnis von Wasserstellen und Weideflächen können die Berber, zu denen die Tuareg gehören, in der Wüste überleben. Zuhause kümmern sich seine Frau Houlan und die Töchter um Ziegen und Vorratshaltung.
Nächte voller Musik und Tanz
Doch bald wird Dachi sie wiedersehen, wenn er, beladen mit den Waren aus der Oase, nach Hause zurückkehrt. Voller Vorfreude zieht er am Cheich, seinem Gesichtsschleier, herum, als er an die Nächte voller Musik und Tanz denkt, die ihn erwarten. Bestimmt sind auch einige seiner Verwandten da. Besuche und gemeinsame Feste sind bei den Nomadenvölkern Tradition, sie halten die Familien-Bande aufrecht. Denn ohne die Unterstützung der Familie könnte keiner in der Wüste überleben, alle brauchen einander. "In der echten Wüste können nicht einmal Schakale überleben. Dort finden sich nur die Addaxantilopen und der Wüstenfuchs, die Gott schuf, um den Menschen an seinen eigenen beschränkten Fähigkeiten zu erinnern." (Sidati Ag Sheik)
Eine Handvoll Datteln
Auch auf die Oasenbauern ist der Tuareg angewiesen. Im Tausch gegen Tiere, Felle und Häute wird er Weizen, Datteln, Melonen, Bohnen und Werkzeug erhalten. Doch bis zur Oase ist es noch ein Stück Weg. Bis dahin muss der Flüssigkeitsvorrat reichen. Dachis Körper hat sich an das Leben in der Wüste angepasst. Eine Handvoll Datteln am Tag reichen ihm, um nicht zu verdursten.
Zuerst sieht man Häuser
Plötzlich schreit ein Mitreisender auf: Am Horizont sind Palmen zu sehen. Dachi muss leise lachen. Es ist nur eine Fata Morgana - eine Luftspiegelung, die hier ihre Scherze mit den Menschen treibt. Er kennt die Entfernung bis Tamanrasset, so oft hat er den Weg bereits zurückgelegt.
Genau wie seine Vorfahren "schwimmt" er in diesem weglosen Gelände. Ihm dienen Sterne und andere Kennzeichen entlang des Karawanenweges als Orientierung. Würde ihm ein Fehler unterlaufen, wäre es das sichere Todesurteil für die gesamte Karawane. Dachi weiß aber auch, dass zuerst die Häuser zu sehen sind, die immer außerhalb der eigentlichen grünen Oase liegen.
Salz gegen Gold
Einst brachten die Karawanen den Oasen Reichtum. Als sie noch die einzige Möglichkeit waren, Güter von einem Ort zum anderen zu bringen, dienten Oasen neben großen Städten wie Timbuktu zum Horten von Waren.
In der "Goldenen Stadt" am Niger pulsierte einst das Leben. Ihre Universität war das Zentrum islamischer Kultur und Weisheit. Auf den Märkten wurde Salz gegen Gold getauscht. Es war eine Zeit, als die Tuareg nicht nur als Hirten und Händler ihren Lebensunterhalt bestritten. "Raubritter der Wüste" wurden sie noch bis ins 19. Jahrhundert hinein genannt, weil sie reiche Oasen und Karawanen überfielen.
Teurer Wegzoll
Der Deutsche Heinrich Barth, der als erster Europäer die Sahara durchquerte, schreibt in seinen Tagebuchaufzeichnungen über eine "rezzou", wie die Tuareg die Überfalle in ihrer Sprache Tamashek nennen. Im August 1850 müssen er und zwei weitere Christen teuren Wegzoll an einen Trupp bewaffneter Reiter zahlen, die ihrer Karawane seit Tagen gefolgt waren.
In Frieden wandeln
Für Dachi vergehen die Stunden hingegen ohne Abwechslung, während seine Karawane über die bis zu zweihundert Meter hohen Dünen zieht. Unbarmherzig brennt die Sonne vom wolkenlosen Himmel. "Wüste ist der Garten Allahs, aus dem dieser alles überflüssige menschliche und tierische Leben entfernt hat, damit es einen Ort gebe, wo er in Frieden wandeln könne", schrieb einst der Schriftsteller Elias Canetti.
Nur zehn Prozent der Sahara bestehen aus Sand, dennoch sind das knapp über eine Million Quadratkilometer Sandwüste - eine unvorstellbar große Fläche. "Bahr bela ma'" - "Meer ohne Wasser" - nennen die Nomaden Nordafrikas die Sahara. Sie birgt unendlich viele Geheimnisse. Denn von Zeit zu Zeit bläst der Wind den Sand weg und deckt dann Obstgärten, ummauerte Städte, Paläste und Burgen auf. Die Ruinen sind Zeugen einer vergangenen, besseren Zeit.
Noch heute ist die Wüste Lebensraum von Hirten und Jägern, wie bereits seit vielen tausend Jahren. Wird ihre Kultur dennoch aussterben?
Dachi denkt an die Felsmalereien in seinen Heimatbergen, die Männer und Frauen beim Hüten von Rindern auf üppigen Weiden zeigen. Sogar einen Dinosaurier-Friedhof fanden Forscher bereits mitten im Sandmeer. Die Funde und Zeichnungen bestätigen die These, wonach die Sahara vor Jahrmillionen ein üppiger Regenwald war. Noch bis vor zehntausend Jahren war das Klima sehr regenreich. Damals zogen Elefanten- und Rinderherden durch die weiten Grasebenen vorbei an riesigen Seen und Flüssen.
Grenzenlose Weite
Heute bringt der stetige Nordostwind nur heiße und trockene Luft. Dennoch kann sich Dachi nicht vorstellen, woanders zu leben. In der grenzenlosen Weite ist er frei: "Ich kann in der Wüste gehen wohin ich will, mit wem ich will, wann ich will. Wir planen nicht, wir nehmen, was der Tag uns bringt." Dennoch ist sein traditionelles Leben vom Untergang bedroht. Die Regierungen der einzelnen Wüstenländer versuchen, die Nomaden sesshaft zu machen. Auch die Jüngeren überlegen immer öfter, ob sie nicht dem entbehrungsreichen Leben den Rücken kehren sollen, um in den Städten eine neue Existenz aufzubauen.
Christiane Nienhold (03.09.2003)
Infobox
Die Sahara
Sie umfasst ein Drittel des Afrikas. Achtzig Prozent von Europa wären unter Sand und Steinen verschwunden, würde sie unseren Kontinent bedecken. Die Sahara ist mit neun Millionen Quadratkilometern die größte Wüste der Welt.
"Unfruchtbares Land" bedeutet Sahara im Arabischen. Sie dehnt sich sechstausend Kilometer von der Atlantikküste bis zum Roten Meer aus und ist vom Atlasgebirge im Norden bis zum Sudan im Süden zweitausend Kilometer breit. An ihren südlichen Rand schließt sich die Sahel-Zone an, die mehr Regen erhält.
Knapp 2,5 Millionen Menschen leben in der Sahara, die meisten in der Sahel-Zone. Reisende sind immer wieder fasziniert von der landschaftlichen Vielfalt der Sahara, denn entgegen allen Klischees besteht die Sahara nur zu fünfzehn Prozent aus Sandwüsten (Erg). Sie vereint auf ihrer Fläche die verschiedensten Wüstentypen, zu denen Felswüsten (Hammada), Kies- (Serir) und Geröllwüsten (Reg), Lehmwüsten und Salzwüsten (Sebcha) gehören.
Der einzige Dauerfluss ist der Nil. Oasen aber werden vom Grundwasser gespeist. Trockene Flussbetten, so genannte Wadis, füllen sich nach heftigen Regengüssen. Das Wasser kommt so plötzlich, dass es nicht verwundert, wenn die Legende besagt, dass bereits mehr Menschen in der Wüste ertrinken als verdursten.
Sie umfasst ein Drittel des Afrikas. Achtzig Prozent von Europa wären unter Sand und Steinen verschwunden, würde sie unseren Kontinent bedecken. Die Sahara ist mit neun Millionen Quadratkilometern die größte Wüste der Welt.
"Unfruchtbares Land" bedeutet Sahara im Arabischen. Sie dehnt sich sechstausend Kilometer von der Atlantikküste bis zum Roten Meer aus und ist vom Atlasgebirge im Norden bis zum Sudan im Süden zweitausend Kilometer breit. An ihren südlichen Rand schließt sich die Sahel-Zone an, die mehr Regen erhält.
Knapp 2,5 Millionen Menschen leben in der Sahara, die meisten in der Sahel-Zone. Reisende sind immer wieder fasziniert von der landschaftlichen Vielfalt der Sahara, denn entgegen allen Klischees besteht die Sahara nur zu fünfzehn Prozent aus Sandwüsten (Erg). Sie vereint auf ihrer Fläche die verschiedensten Wüstentypen, zu denen Felswüsten (Hammada), Kies- (Serir) und Geröllwüsten (Reg), Lehmwüsten und Salzwüsten (Sebcha) gehören.
Der einzige Dauerfluss ist der Nil. Oasen aber werden vom Grundwasser gespeist. Trockene Flussbetten, so genannte Wadis, füllen sich nach heftigen Regengüssen. Das Wasser kommt so plötzlich, dass es nicht verwundert, wenn die Legende besagt, dass bereits mehr Menschen in der Wüste ertrinken als verdursten.


