Das Mädchen und der Mythos
Den Erfolg hat das jüdische Mädchen nicht mehr erlebt: Andere gaben ihrem Tagebuch die letzte Form. So wurde die Geschichte der Anne Frank zur Vorlage für Theaterstücke - und feierte in Hollywood Triumphe."Es war alles durchsucht. Herausgerissene Schubladen, über den Fußboden verstreute Sachen ... Ein Bild der Verwüstung ... Auf dem Fußboden, inmitten von Papierbergen und Büchern, entdeckte ich einen rot-grün-grau-karierten Leineneinband - Annes Tagebuch ..." So erinnert Miep Gies, Sekretärin des Vaters und vertraute, ältere Freundin Anne Franks, jene Szene, als ihr die Notizen der Fünfzehnjährigen in die Hände fielen.
Am späten Nachmittag des 4. August 1944: Polizisten, der Wiener SS-Mann Karl Josef Silberbauer an der Spitze, heben das Versteck der Familie in der Amsterdamer Prinsengracht 263 aus. Ein Denunziant hatte den Fluchtort im Hinterhaus verraten.
Mutter Edith Frank, Vater Otto Frank, Anne und ihre ältere Schwester Margot, das Ehepaar Hermann und Auguste van Pels, deren sechzehnjährigen Sohn Peter, den Zahnarzt Dr. Fritz Pfeffer - die Menschen aus dem Versteck - verbringt man ins holländische Durchgangslager Westerbork. Für Anne und ihre Leidensgenossen beginnt jetzt der Weg in die Vernichtung. Die letzte Eintragung im Tagebuch stammt vom 1. August 1944, drei Tage vor der Katastrophe.
Lastende Drohung
Das Tagebuch der Anne Frank ist eben keine "Quelle des Wissens über den Holocaust", wie schlecht unterrichtete Rezensenten immer wieder behaupten. Der Mord an Abermillionen Juden ist dort nicht Thema, kann es nicht sein. Den Eingeschlossenen der Prinsengracht teilte sich das Schreckliche draußen nur schattenhaft mit, im Gefühl ewig lastender Drohung. Selbst alliierte Rundfunksender schwiegen seinerzeit still, über Gräuel, von denen ihre Regierungen längst wussten.
Mehr als zwei lange Jahre in der Enge des Verstecks, Leben am Abgrund, Spannung und Konflikt, manch Menschlich-Allzumenschliches - davon handeln die Blätter, um die es geht. Auch berichten sie von Fröhlichkeit, erster Liebe, körperlichem Wandel, vom Dasein in einer Extremsituation, die aber, vermeintlich, das Überleben garantierte.
Angefangen am 12. Juni 1942, von Anne mit höchst literarischem Ehrgeiz gefeilt, sind es Reflexionen einer Heranwachsenden, welche, intelligent und scharfzüngig, ihre Lage besser als mancher der Erwachsenen zu bewältigen scheint. Wäre Anne nicht - wie ihre Mutter in Auschwitz - schließlich in Bergen-Belsen ums Leben gekommen, hätte man ihr ein (fast) glückliches Schicksal bescheinigen müssen. Berühmt geworden wäre sie wahrscheinlich kaum.
Otto Frank redigiert
So aber kam alles anders: Nicht der Autorin, die einer Veröffentlichung nie zustimmen wollte, übergibt Miep Gies 1945 ihren Fund, sondern Otto Frank, dem Vater, der Auschwitz überstand. Der bereitet, nach Zureden von verschiedenen Seiten, die Herausgabe vor. Nun sind Väter selten die idealen Bearbeiter von Tagebüchern ihrer Töchter, vor allem, wenn auch Probleme der eigenen Ehe klarem, unverstelltem Blick nicht verborgen blieben. Otto Frank also redigiert.
Der Vater tilgt nicht bloß - verständlich! - persönliche Peinlichkeiten. Er hat es, bei seiner Korrektur, zum Überfluss mit zwei Originalen zu tun: Denn Anne arbeitete, als angehende Literatin, sorgsam parallel am tagesaktuellen Rohentwurf und am überarbeiteten Text. In niederländischer Sprache - Fremdsprache für sie - eine beachtliche Leistung!
Zudem ist Otto Frank, sobald der Erfolg des Buches sich abzuzeichnen beginnt, allerlei Ansprüchen von Verlegern ausgesetzt: Anne - die stilistischen Mittel von Ironie und Selbstironie sind ihr geläufig - hat für jede Art Mythisches wie Religiöses nur Sarkasmus übrig. Was damit tun? Welcher Verlag darf Gefühle seiner Kunden verletzen? ...
Seite
1
| 2
Dieser Artikel gehört zum Thema
| Jüdisches Leben | ![]() |
Infobox
Anne Frank - eigentlich Annelies Marie Frank, kam am 12. Juni 1929 in Frankfurt am Main als Tochter eines Bankkaufmanns zur Welt. Die gutbürgerliche, jüdische Familie emigrierte im zweiten Halbjahr 1933, nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten, nach Holland.
1940 überrannte die deutsche Wehrmacht auch dieses Land. Anne besuchte in Amsterdam, dem neuen Wohnort, zuerst die Montessori-Schule, bis sie wegen zunehmend härterer Rassebestimmungen auf das jüdische Lyzeum wechseln musste. Weil bald die Verhaftung drohte, tauchten die Franks im Juli 1942 unter und hielten sich über zwei Jahre im Hinterhaus der Fabrik des Vaters versteckt. Hier entstand das Tagebuch der Anne Frank.
Der Entdeckung durch Verrat, am 4. August 1944, folgten Festnahme und Überführung in holländische sowie deutsche Konzentrationslager. Allein Vater Otto Frank überlebte. Anne Frank starb im März 1945 im Lager Bergen-Belsen.
1940 überrannte die deutsche Wehrmacht auch dieses Land. Anne besuchte in Amsterdam, dem neuen Wohnort, zuerst die Montessori-Schule, bis sie wegen zunehmend härterer Rassebestimmungen auf das jüdische Lyzeum wechseln musste. Weil bald die Verhaftung drohte, tauchten die Franks im Juli 1942 unter und hielten sich über zwei Jahre im Hinterhaus der Fabrik des Vaters versteckt. Hier entstand das Tagebuch der Anne Frank.
Der Entdeckung durch Verrat, am 4. August 1944, folgten Festnahme und Überführung in holländische sowie deutsche Konzentrationslager. Allein Vater Otto Frank überlebte. Anne Frank starb im März 1945 im Lager Bergen-Belsen.



