Alles rosig?
"Was laut nicht der Mund, der bewachte darf sagen, das wagt die Huld sich in Blumen zu klagen", heißt es in Franz Schuberts Lied Die Blumensprache. Doch nicht immer erzählen Blumen nur von Liebe und Freude.Blumen schenken Freude. Jede zweite der in Deutschland verkauften Blumen kommt aus der Ferne.
Durchschnittlich dreißig Euro gibt jeder Bundesbürger im Jahr für die Blütenpracht aus; der deutsche Blumenhandel freut sich über einen jährlichen Umsatz von rund vier Milliarden Euro. Nirgendwo in Europa werden so viele Sträuße verkauft wie in Deutschland.
Blumen eimerweise
Das Geschäft mit den Blumen floriert. Verkauft werden sie nicht nur im Blumenladen um die Ecke; längst haben auch Supermärkte, Drogerien, Baumärkte und Tankstellen die blühende Ware im Sortiment. Discounter bieten eimerweise Blumenbunde an - für gerade mal ein bis zwei Euro pro Stück. Wie kommen solche Preise zustande - speziell, wenn man bedenkt, dass das ganze Jahr über frische Rosen, Nelken und Tulpen zu haben sind?
Knallhartes Business
Wohl die wenigsten Verbraucher machen sich Gedanken darüber, "dass Blumen schon lange keine Produkte mehr sind, die ein Gärtner mit grüner Schürze und schwarzem Fingernagel gemütlich züchtet, erntet und verkauft. Blumen sind internationaler Herkunft, werden mit intensiven Anbaumethoden erzeugt und gelangen über effiziente logistische Systeme in den Fachhandel und zum Verbraucher."
Sätze wie diese auf der Website des deutschen Blumengroß- und Importhandelsverbandes (BGI) lassen aufhorchen. Hinter den "intensiven Anbaumethoden" und den "effizienten logistischen Systemen" steckt das knallharte Business der internationalen Blumenindustrie.
Auf Umwegen
Der Bedarf deutscher Blumenfreunde kann aus heimischer Produktion längst nicht mehr gedeckt werden - im Winter schon gar nicht. Jede zweite der bei uns verkauften Schnittblumen stammt heute nicht aus deutschen Gewächshäusern, sondern wird auf riesigen Plantagen in Afrika oder Lateinamerika kultiviert und gelangt per Flugzeug - entweder direkt oder auf dem Umweg über holländische Blumenbörsen - auf den deutschen Markt.
Dufte Gewinne
Günstige Produktionsbedingungen machen auch die längste Reise rentabel: Die Blumenindustrie entwickelte sich während der letzten drei Jahrzehnte vor allem in Entwicklungsländern in Äquatornähe. Dort erlaubt das Klima einen Anbau mit geringstem Energieaufwand für Heizung und Beleuchtung. Das allein würde aber noch nicht die "duften" Gewinne für Produzenten und Exporteure garantieren: Denn vor allem minimieren niedrige Löhne, fehlende Sozialleistungen sowie mangelhafte Gesundheits- und Umweltschutzauflagen die Herstellungskosten.
Hier herrschen ideale Bedingungen für den Blumenanbau: Arbeiterin auf einer Plantage in Tansania. (Bild: FIAN)
Schamlos ausgenutzt
Ideal für die Unternehmen ist vor allem die schlechte soziale Stellung der Frauen: Viele haben weder eine schulische noch berufliche Ausbildung. Blumenfarmen bieten ihnen die einzige Chance, etwas zum Lebensunterhalt der Familie beizutragen. Diese Situation nutzen zahlreiche Arbeitgeber schamlos aus. So verdient eine mujera en flores, eine Blumenarbeiterin in Ecuador, weniger am Tag, als eine einzelne Rose bei uns kostet. Feste Verträge gibt es selten, und wenn, schützen auch sie nicht vor willkürlicher Entlassung.
Der Druck wächst
Gewerkschaften sind unerwünscht; wer protestiert, riskiert den Job. Die hohe Arbeitslosigkeit in den Erzeugerländern garantiert den Unternehmen immer neuen Nachschub an Arbeitskräften, die sich dem Druck beugen. Und der Druck steigt: Während die Löhne niedrig gehalten werden, sich oft unter der gesetzlichen Mindestgrenze bewegen, wird das Arbeitspensum immer höher geschraubt - zur Blütezeit liegt es nicht selten bei über achtzig Stunden in der Woche...
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Infobox
Die Sprache der Blumen
Anfang des 18. Jahrhunderts reiste Lady Mary Wortley Montagu mit ihrem Gatten in diplomatischer Mission gen Osten. In ihren 1763 veröffentlichten Briefen aus dem Orient berichtete sie von der Kommunikation per Blüten in orientalischen Harems - und löste damit eine neue Mode in Europa aus. Bis ins kleinste Detail wurde die Sprache der Blumen nun verfeinert.
Jede Blumensorte, jede Schleifenbindung am Strauß, ob hängende Blüten oder aufrecht stehende - alles erhielt eine Bedeutung. Trug die Herzensdame die übersandte Blume im Haar, war es das Aus. Trug sie die Antwort am Busen, hieß das Ja. Chrysanthemen bedeuteten, dass das Herz noch frei war. Bei einer Dahlie war die junge Frau bereits vergeben. Ein Krokus forderte Bedenkzeit. Schickte er ihr eine Iris, wollte er um sie kämpfen.
Bei einer Lavendelblüte war er sich sicher, dass er sein Ziel erreichen würde. Und die Sonnenblume fragte, ob ihr Stolz gar nicht zu brechen sei. Schickte er Tulpen, zog er sich enttäuscht von ihr zurück. Gab die Herzensdame ihm mit einer weißen Nelke zu verstehen, dass sie noch zu haben sei, konnte man bereits ein Rendezvous vereinbaren. Verwelkende Rosen zeigten dabei die erste Stunde an, Vanilleblüten die zweite.
Anfang des 18. Jahrhunderts reiste Lady Mary Wortley Montagu mit ihrem Gatten in diplomatischer Mission gen Osten. In ihren 1763 veröffentlichten Briefen aus dem Orient berichtete sie von der Kommunikation per Blüten in orientalischen Harems - und löste damit eine neue Mode in Europa aus. Bis ins kleinste Detail wurde die Sprache der Blumen nun verfeinert.
Jede Blumensorte, jede Schleifenbindung am Strauß, ob hängende Blüten oder aufrecht stehende - alles erhielt eine Bedeutung. Trug die Herzensdame die übersandte Blume im Haar, war es das Aus. Trug sie die Antwort am Busen, hieß das Ja. Chrysanthemen bedeuteten, dass das Herz noch frei war. Bei einer Dahlie war die junge Frau bereits vergeben. Ein Krokus forderte Bedenkzeit. Schickte er ihr eine Iris, wollte er um sie kämpfen.
Bei einer Lavendelblüte war er sich sicher, dass er sein Ziel erreichen würde. Und die Sonnenblume fragte, ob ihr Stolz gar nicht zu brechen sei. Schickte er Tulpen, zog er sich enttäuscht von ihr zurück. Gab die Herzensdame ihm mit einer weißen Nelke zu verstehen, dass sie noch zu haben sei, konnte man bereits ein Rendezvous vereinbaren. Verwelkende Rosen zeigten dabei die erste Stunde an, Vanilleblüten die zweite.
Infobox
Tulpenmanie...
nennt man die erste gut dokumentierte Spekulationsblase: Sie platzte am 7. Februar 1637 in den Niederlanden und riss tausende Menschen in den Ruin. Tulpen, ursprünglich im Raum der heutigen Türkei beheimatet, gelangten erstmals 1560 mit Händlern nach Europa. Ende des 16. Jahrhunderts kam die Blume auch nach Holland – und fand hier betuchte Liebhaber, welche die orientalische Neuheit für ihre Gärten oder als Accessoire für Ballabende kaufen wollten.
Schnell überstieg die Nachfrage nach Tulpen das Angebot, die Preise schossen in die Höhe. Züchter verkauften Tulpen bereits als Zwiebeln in der Erde. Um ihr späteres Aussehen zu zeigen, ließen Händler handgemalte Blumenkataloge anfertigen: die Niederlande wurden zum Anziehungspunkt für hunderte Maler aus ganz Europa. Nicht selten wechselten Tulpenzwiebeln mehrmals am Tag ihren Besitzer – auf dem Papier. Die wertvollsten Züchtungen kosteten schließlich bis zu 10.000 Gulden. Zum Vergleich: Ein Handwerksmeister verdiente 250 Gulden im Jahr.
Die Tulpenspekulationen nahmen noch zu, als Händler Optionsscheine auf Anteile von Blumenzwiebeln anboten. Im Februar 1637 folgte schließlich der Kollaps: Tausende Händler wollten verkaufen, doch niemand konnte länger die verlangten Preise zahlen. Händler, die untereinander nicht mit Geld sondern mit Optionen und Krediten gehandelt hatten, blieben auf ihrem fiktivem Vermögen und echten Schulden sitzen. Die Erholung vom Crash sollte Jahrzehnte dauern.
nennt man die erste gut dokumentierte Spekulationsblase: Sie platzte am 7. Februar 1637 in den Niederlanden und riss tausende Menschen in den Ruin. Tulpen, ursprünglich im Raum der heutigen Türkei beheimatet, gelangten erstmals 1560 mit Händlern nach Europa. Ende des 16. Jahrhunderts kam die Blume auch nach Holland – und fand hier betuchte Liebhaber, welche die orientalische Neuheit für ihre Gärten oder als Accessoire für Ballabende kaufen wollten.
Schnell überstieg die Nachfrage nach Tulpen das Angebot, die Preise schossen in die Höhe. Züchter verkauften Tulpen bereits als Zwiebeln in der Erde. Um ihr späteres Aussehen zu zeigen, ließen Händler handgemalte Blumenkataloge anfertigen: die Niederlande wurden zum Anziehungspunkt für hunderte Maler aus ganz Europa. Nicht selten wechselten Tulpenzwiebeln mehrmals am Tag ihren Besitzer – auf dem Papier. Die wertvollsten Züchtungen kosteten schließlich bis zu 10.000 Gulden. Zum Vergleich: Ein Handwerksmeister verdiente 250 Gulden im Jahr.
Die Tulpenspekulationen nahmen noch zu, als Händler Optionsscheine auf Anteile von Blumenzwiebeln anboten. Im Februar 1637 folgte schließlich der Kollaps: Tausende Händler wollten verkaufen, doch niemand konnte länger die verlangten Preise zahlen. Händler, die untereinander nicht mit Geld sondern mit Optionen und Krediten gehandelt hatten, blieben auf ihrem fiktivem Vermögen und echten Schulden sitzen. Die Erholung vom Crash sollte Jahrzehnte dauern.




