Der globale Tag
Der "internationale Kampftag" 1. Mai basiert auf der Idee, dass die Arbeiter aller Länder gleiche Interessen hätten. International ist auch heute das Problem, dem Vertreter von Arbeitnehmerinteressen gegenüber stehen.Wenn der 1. Mai auf einen Sonntag fällt, gibt es keinen Streit mit der SPD: Das galt zumindest 1891, als deren Funktionäre den Aktionstag auf den ersten Sonntag im Monat verlegen wollten.
Forderung und Realität
Eben um solche Verträge ging es damals den Streikenden: Der Acht-Stunden-Tag sollte zur Regel bei allen Neuabschlüssen werden. Im Kontrast dazu stand die Wirklichkeit: Arbeitszeiten von elf bis dreizehn Stunden, willkürlich festgesetzte Löhne, Antreiberei... Es brodelte im Land.
Dass jener erste 1. Mai blutig endete, jedenfalls auf dem Haymarket von Chikago, war irgendwie kein Wunder: Anarchisten, so heißt es, hätten eine Bombe auf Polizisten geschleudert, der sieben Beamte zum Opfer fielen. Massive Gewalt, ungerechtfertigte Todesurteile gegen anarchistische Arbeiterführer folgten. Von Beginn spielte Ideologie ihre mitunter verhängnisvolle Rolle - auf beiden Seiten der Barrikade.
Verknüpft mit der Farbe Rot
Drei Jahre später dann, am 14. Juli 1889 - zum hundertsten Jahrestag des Sturmes auf die Bastille - trafen mehr als vierhundert Abgesandte sozialistischer Parteien und Gewerkschaften in Paris zusammen. Mit der Annahme eines Resolutionsentwurfs des Franzosen Raymond Felix Lavigne machten sie den 1. Mai zum internationalen Tag des Arbeitskampfes. Und das sollte er, eng verknüpft mit der Farbe Rot, über anderthalb Jahrhunderte bleiben.
Wie ferne Blitze
Heute hat der 1. Mai viel von seiner einstigen Bedeutung verloren: Ist das Wetter schön, fährt der Arbeitnehmer ins Grüne; ein paar Zehntausend Unentwegte halten die Fahne der Gewerkschaften oben. Die Zeit großer, organisierter Kämpfe scheint so gut wie vorüber. Wie ferne Blitze eines abziehenden Gewitters wirken vereinzelte, spektakuläre Massenstreiks der letzten Jahre, etwa bei Opel in Deutschland. Der reguläre Arbeitskampf, mit seinen eingespielten Ritualen, ist offenbar nach Ansicht vieler nicht mehr die Hauptfront, an der Entscheidungen über die Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums fallen.
Hire and Fire
Milliarden Menschen, überall auf der Welt, arbeiten heute außerhalb jeglichen Schutzes durch Arbeitnehmervertretungen, sie sind hinsichtlich des Preises ihrer Arbeitskraft dem "freien" Spiel von Angebot und Nachfrage unterworfen. Es sieht so aus, als sei die kapitalistische Wirtschaftsform zu ihrem von mancher Brutalität gezeichneten Ausgangspunkt zurückgekehrt: befristete Verträge, Scheinselbständigkeiten, das Prinzip des Hire and fire lassen auch hierzulande das hart erkämpfte Geflecht von Tarifen, Betriebsverfassungsgesetzen und mehr erodieren.
An den Rändern
In den Sonderwirtschaftszonen Chinas, in Lateinamerika, in anderen Teilen Asiens, in Osteuropa, kurz: an den breiten Rändern des "globalen Dorfes", kann von ausgewogenen Arbeitskämpfen ohnehin nicht die Rede sein. Den geringen Anteil am dort erwirtschafteten Reichtum, der in die Hände der Arbeitnehmer gelangt, bestimmen fast durchweg anonyme, internationale Firmenzentralen.
Ein "weißer Revolutionär"
Obwohl dies so ist, erinnern wir uns, dass der Niedergang des mächtigen, organisierten Arbeitskampfes als Gegenkultur nicht erst mit dem Einsetzen der "Globalisierung", sondern weitaus früher seinen Anfang nahm. Um die Wurzel zu finden, müssen wir nur den - für amerikanische Verhältnisse - kurzen Weg von Chikago nach Detroit gehen: denn Detroit, die traditionelle Stadt der Automobilbauer, ist verbunden mit dem Namen eines Mannes, auf den die Bezeichnung "weißer Revolutionär" präzise passt: Henry Ford (1863 bis 1947)...
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Infobox
Die Nationalsozialisten erklärten den Tag des Arbeitskampfes ab 1933 zum Tag der Nationalen Arbeit. Mit der "Gleichschaltung" auch der Gewerkschaften widmeten sie den Tag um zur Kulisse von Demonstrationen des "deutschen Volkswillens" und der Idee der "Volksgemeinschaft", die den Gegensatz von Arbeit und Kapital einebnete. Wichtiger Bestandteil des Konzepts war neben dem Propagieren nationalsozialistischer Ziele die Aufwertung des "Arbeiters der Faust" gegenüber dem "Arbeiter der Stirn"; den manuell Tätigen sollte in der "Volksgemeinschaft" ein höheres Selbstgefühl vermittelt werden.


