Krieg der Diagramme
Nicht um Menschenleben ging es in der erbitterten Schlacht auf dem Ozean. Was zählte, war die Vernichtung von Schiffsraum und Ladung - der Waffen und Rohstoffe also, welche England den Rücken stärkten.Zweiter Weltkrieg: Ein britischer Zerstörer wirft Wasserbomben im Nordatlantik - im Hintergrund der zu sichernde Geleitzug.
Diesen dramatischen Vergleich zieht Großbritanniens Premier Winston Churchill in seiner Autobiografie World War II. Im Kapitel Schlacht um den Atlantik lässt Churchill keinen Zweifel an der existenziellen, sogar tödlichen Gefahr, der das Königreich während jener Ereignisse ausgesetzt war.
Vor dem Schlimmsten bewahrt
Abhängig von Zufuhren, vor allem an Lebensmitteln, waren die britischen Inseln seit Jahrhunderten. Seemacht bewahrte sie in mehr als einem Konflikt vor dem Schlimmsten: vor der wirtschaftlichen Strangulation, falls es einem Gegner gelungen wäre, die atlantischen Verbindungen abzuschneiden.
Großbritanniens Insellage - sie schützte das Land im Spätsommer 1940 vor der geplanten deutschen Invasion - musste vor allem in der Anfangsphase des Zweiten Weltkriegs auch zum Schwachpunkt werden. Denn Rohstoffe, Waffen, jede Art von Kriegsmaterial, das den Briten die Fortsetzung des Kampfes gegen Hitlerdeutschland ermöglichte, galt es aus den USA und Kanada, Tausende Kilometer weit, über den Ozean zu bringen.
Nüchterne Statistik
In Häfen an der kanadischen und US-amerikanischen Ostküste mit Panzern, Geschützen, Flugzeugen, Treibstoff und vielem anderen mehr beladen, machten sich Konvois und Einzelfahrer auf den Weg. Die meist zivilen Besatzungen der Schiffe wussten, dass sie ihr Leben riskierten. Der Admiralität in London hingegen stellte sich die Zufuhr-Schlacht als ein Krieg der Diagramme und Statistiken dar, hinter denen jeder individuelle Heroismus verschwand: Wie groß sind die Mindestmengen der benötigten Güter? Wie schnell laufen die Geleitzüge? Welcher Schiffsraum steht zur Verfügung? Und vor allem: In welchem Verhältnis stehen die Neubauten zur versenkten Tonnage?
Frühe Erfolge
Tatsächlich zog sich der oft ungleiche Kampf zwischen Handelsschiffen, Geleitfahrzeugen, U-Booten und Flugzeugen im Atlantik über die gesamte Dauer des Krieges hin. Zwar begannen im September 1939 nur knapp fünfzig deutsche U-Boote den Kampf auf dem Ozean, doch sie erzielten rasch Erfolge: Bis Ende Mai 1940 versenkten die Jäger aus der Tiefe, bei 23 eigenen Verlusten, 260 Handelsschiffe mit insgesamt 1.136.926 Bruttoregistertonnen (BRT). Wenig, verglichen mit dem, was kommen sollte.
Der Einsatz der Deutschen Kriegsmarine um Norwegen brachte eine kurze Atempause, dann aber startete die heiße Phase: jene Atlantikschlacht im engeren Sinn, die Churchill auf den Zeitraum von Juli 1940 bis Juli 1941 datiert. Sie brachte England an den Rand der Niederlage.
Stars der Schlacht
Tonnagekrieg ist hier der korrekte und vielsagende Begriff. Höhepunkte, wie die Versenkung von 110.000 BRT in der letzten Augustwoche 1940, ließen den deutschen Marinestrategen den Sieg greifbar nahe erscheinen. Die Propaganda betonte freilich weniger Tonnen, sondern herausragende Einzelleistungen: "Asse", etwa die U-Boot-Kommandanten Prien, Schepke, Kretschmer und andere, wurden zu Stars hoch gejubelt; das Ritterkreuz (ab 50.000 Tonnen, rund sechs bis acht große Frachter, war es die Regel) zierte die erfolgreichsten unter ihnen. Auf den Western Approaches, den weiten Seegebieten westlich von Irland, neigte sich die Waagschale zu Ungunsten der Briten.
Wellington-Bomber der Royal Air Force: Auch vom Himmel drohte den U-Booten die Vernichtung.
Den organisierten, anfangs aber schlecht bewachten Geleitzügen setzte Konteradmiral Karl Dönitz, der Befehlshaber der U-Boote, seine Wolfsrudeltaktik entgegen: Gruppen aus vier bis zwölf Booten griffen die Konvois an, überforderten die zunächst wenigen Korvetten und Zerstörer, die zur Sicherung aufgeboten waren. Erst zum Jahresende, wegen der Schlechtwetterperiode im Nordatlantik, gingen die Verluste zurück. Ganze zwei Boote patrouillierten auf den Western Approaches.
Im Frühjahr 1941, bei erst einmal wieder steigenden Versenkungszahlen, setzten nun jene Ereignisse ein, die der Atlantikschlacht später die Wende gaben. Immer aktiver wurde die Beteiligung der USA an der Abwehr der U-Boot-Gefahr. Flugzeuge und Marine der Vereinigten Staaten sicherten bald alle Seegebiete westlich des 26. Längengrads - zur Entlastung ihrer faktischen britischen Verbündeten. Auch ohne Kriegserklärung nahmen die USA so am Kampf teil...
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Funkaufklärung,...
also das rechtzeitige Entschlüsseln des feindlichen Funkverkehrs, kann in jedem Krieg überragende Bedeutung besitzen. Entscheidend sind aber die materiellen Ressourcen für die Schlacht, denn einer prinzipiell unterlegenen Seite nutzen auch die besten Dechiffriermethoden wenig.
Nach Ansicht überlebender U-Boot-Kommandanten (siehe zum Beispiel F. Brustat-Naval, Ali Cremer: U 333) wird die Wirkung der britischen Dechiffriertätigkeit auf taktischer Ebene eher überschätzt, auf Kosten von Aufklärungs- und Ortungsmethoden wie Radar, Funkpeilung (das so genannte Huff/Duff) und Leighlights (Flugzeugscheinwerfer). Den Versuch, wechselnde Funkschlüssel des Gegners zu knacken, unternahmen auch während der Atlantikschlacht beide Seiten von Anfang an.
Sie taten es - der deutsche B-Dienst ebenso wie das legendäre Bletchley Park - meist mit Erfolg und leichtem Zeitverzug. Spätere alliierte Überlegenheit hier war wohl eher die Folge allgemeiner materieller Überlegenheit, etwa nach dem Kapern deutscher Schiffe und der Erbeutung von Dokumenten.
also das rechtzeitige Entschlüsseln des feindlichen Funkverkehrs, kann in jedem Krieg überragende Bedeutung besitzen. Entscheidend sind aber die materiellen Ressourcen für die Schlacht, denn einer prinzipiell unterlegenen Seite nutzen auch die besten Dechiffriermethoden wenig.
Nach Ansicht überlebender U-Boot-Kommandanten (siehe zum Beispiel F. Brustat-Naval, Ali Cremer: U 333) wird die Wirkung der britischen Dechiffriertätigkeit auf taktischer Ebene eher überschätzt, auf Kosten von Aufklärungs- und Ortungsmethoden wie Radar, Funkpeilung (das so genannte Huff/Duff) und Leighlights (Flugzeugscheinwerfer). Den Versuch, wechselnde Funkschlüssel des Gegners zu knacken, unternahmen auch während der Atlantikschlacht beide Seiten von Anfang an.
Sie taten es - der deutsche B-Dienst ebenso wie das legendäre Bletchley Park - meist mit Erfolg und leichtem Zeitverzug. Spätere alliierte Überlegenheit hier war wohl eher die Folge allgemeiner materieller Überlegenheit, etwa nach dem Kapern deutscher Schiffe und der Erbeutung von Dokumenten.



