Bombe im Kopf
Für viele beginnt mit Hiroshima die Epoche der atomaren Gefahr. Man kann das jedoch auch anders sehen: Schon die Idee der totalen Vernichtung ist radioaktiv. Der Rest ist bloß Technik - und Angst.Colonel Paul W. Tibbets kommandierte den B29-Bomber Enola Gay, August 1945.
Vorschlag Nummer zwei: der 16. Juli desselben Jahres: An ebendiesem Tag zündeten Forscher und Generäle unter dem Codewort Trinity in der Wüste von Almogordo (New Mexico) den ersten atomaren Sprengkörper. Nach dem Test war klar: Das funktioniert!
Warum nicht Coventry?
Vielleicht wäre ein dritter Vorschlag angebracht, der den Punkt noch weiter vorverlegt: Das Zeitalter der Atomwaffen begann, als Menschen die totale Vernichtung des Gegners in ihre Kalkulationen einbezogen, sie für vertretbar und zweckmäßig hielten. Es begann, als nicht mehr nur Sieg, sondern die Auslöschung bei Politikern und Militärs Vorrang bekam.
Alle Anfänge stecken im Kopf. Und so war das Denken radioaktiv, lange vor verstrahlten Städten und verstrahlten Körpern. Wieso nicht den Anfang des neuen Zeitalters schrankenloser Brutalität auf das "Ausradieren" der englischen Stadt Coventry durch Görings Luftwaffe oder auf den alliierten Luftterror gegen deutsche Zivilisten datieren?
Von da an war nämlich offenbar: Es wird kommen! Der Rest ist bloß Technik - und Angst. Angst ist das Leitmotiv, von der Geburt der Bombe über ihre Perfektionierung zu immer schrecklicheren Formen bis hin zum atomaren Terrorismus der Gegenwart. Zur Angst gesellte sich wie so oft auch Liebe. Denn die mächtige Waffe schien einfache Lösungen zu bieten: Ein Knall, und das Problem ist ausgelöscht.
"Das ist doch so schöne Physik!" - Enrico Fermi 1942.
Angst vor der deutschen Atombombe war Auslöser des Manhattan-Projekts, in dessen Strukturen ab Sommer 1942 die technische Entwicklung voranschritt: Aus Deutschland emigrierte Physiker, US-Bürger, Briten, Kanadier - zeitweise weit mehr als hunderttausend Menschen arbeiteten in Site Y, der Forschungsstadt bei Los Alamos. General Leslie Groves, militärischer, und Robert Oppenheimer, wissenschaftlicher Leiter des Unternehmens, wirkten fruchtbar zusammen.
Die Angst vor Deutschland war unbegründet. Ein amerikanisches Spezialkommando, bekannt als Alsos-Mission, entdeckte im November 1944 im besetzten Straßburg Akten, die zweifelsfrei belegten: Mit der deutschen Atombombe war nie zu rechnen. Schon 1942 hatten Hitlers Physiker alle Forschungen eingestellt. Alsos' Resultate, obwohl geheim, sickerten in die Manhattan-Labors durch. Während Trinity, am 16. Juli 1945, erfolgreich über die Bühne ging, wusste schon jeder Bescheid.
Weil Deutschland den Krieg rechtzeitig verloren hat, blieb Europa vom atomaren Schrecken verschont. Anders sah es im Osten aus: Der Sturm auf Okinawa, die letzte Bastion Japans vor den Heimatinseln, hatte mit seinen hohen Verlusten bei den amerikanischen Militärs ein Trauma hinterlassen. Was würde erst geschehen, müsste Japan selbst auf konventionelle Art erobert werden?
Der Atomphysiker Robert Oppenheimer im Gespräch mit General Leslie Groves: Zwei Charaktere finden zueinander.
Immerhin waren Japans Soldaten für Todesverachtung und Fanatismus bekannt. Andererseits: Längst liefen Drähte zur japanischen Führung. Eine Kapitulation schien erreichbar - wenn auch nicht bedingungslos. Was den neuen US-Präsidenten Truman dazu brachte, den Bombenabwürfen zuzustimmen, darüber wurde viel spekuliert.
Die Drohung mit dem "großen Knüppel" gegen das kommunistische Russland spielte eine Rolle; die Absicht, US-amerikanische Menschenleben zu schonen, mag ein weiterer Faktor gewesen sein. Vielleicht war Angst auch schon in Liebe umgeschlagen, in Liebe zur Bombe mit der "atemberaubenden" Wirkung.
Um 7 Uhr morgens, am 6. August 1945, ertönen in Hiroshima die Alarmsirenen. Nach der Entwarnung - es ist ja nur ein einziges Flugzeug - blitzt Punkt 8:15 Uhr der Himmel auf. Die Uranbombe Little Boy vollzieht ihr Vernichtungswerk. Drei Tage später - Japan hat schon seine Bereitschaft zur Kapitulation erklärt - ereilt Nagasaki das gleiche Schicksal. Diesmal ist es die Plutoniumbombe Fat Man. 120.000 Menschen sterben in beiden Städten. Ground Zero nennen die Militärs den Detonationspunkt ihrer Bomben. 600 Meter über dem Boden liegt er beim Angriff auf Hiroshima.
Das Feuerwerk
Was dann kommt - und unter dem Stichwort "Kalter Krieg" in die Geschichte eingeht - ist ein Feuerwerk nuklearer Explosionen: In der hohen Zeit des Ost-West-Konflikts, Anfang der 1960er Jahre, detoniert im Schnitt alle drei Tage eine Atombombe, inzwischen mit der vielfachen Stärke des über Hiroshima eingesetzten Little Boy. Auf die Atommacht USA folgt die Atommacht UdSSR (29. August 1949); in deren Fußstapfen treten bald Großbritannien (3. Oktober 1952), Frankreich (13. Februar 1960), China (16. Oktober 1964) und Indien (18. Mai 1974).
Den Feind vernichten: Radioaktiv ist zuerst der Gedanke. Atomexplosion über Nagasaki am 9. August 1945. (Bild: DoD)
Die Liebe zur Bombe hat derweil einen qualitativen Sprung getan, hat die mächtige Waffe sozusagen aufblühen lassen: Wasserstoffbomben, ihr Prinzip ist die Fusion von Atomkernen, verbannen das alte Uran- oder Plutonium"bömbchen" ins Museum des Grauens.
Ein "thermonukleares Zeitalter" beginnt mit der Zündung der ersten Wasserstoffbombe durch die USA am 1. November 1952 auf dem Eniwek-Atoll im Pazifik ein. Rasch ziehen andere Mächte nach.
Gleichgewicht des Schreckens
Die Welt schien erstarrt zu sein im Gleichgewicht des Schreckens. Die Angst war so alltäglich, dass sie aus dem Alltag verschwand. Inzwischen hatten sich auf allen Seiten, sei es in den USA, der Sowjetunion, China, oder anderswo, Legionen produktiver Menschen in ihre Leidenschaft für die Bombe verstrickt: Ob Militärs, Forscher, Ingenieure oder Bürokraten - ihnen allen gab sie Brot, Lebensaufgabe und Sicherheit.
Der Zustand dauerte Jahrzehnte. Das Objekt der Sehnsucht steckte in den Köpfen, formte Ideen, das Schwarz-Weiß-Denken jener Zeit, und die Strategien. Warum hätte es noch auf die Köpfe fallen sollen?
Michael Schmittbetz (aktualisiert 16.04.2012)
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Infobox
Skrupel ohne Effekt
Der deutsche Feind war im Mai 1945 geschlagen, eine atomare Bedrohung ging von ihm niemals aus. Mit dem Beweis des Letzteren begann die Moral der Forscher im Manhattan-Projekt brüchig zu werden.
Sollte man die Arbeit beenden? Tatsächlich zog sich nicht ein einziger Wissenschaftler aus dem Projekt zurück. Allerdings gab es Einwände und Sorgen, festgehalten in Denkschriften, die meist auf dem "Dienstweg" versackten.
So forderte etwa der Franck-Report vom 11. Juni 1945 zwar nicht den Verzicht, aber er riet dringend, die langfristigen Folgen nuklearer Waffen zu analysieren. Leo Szilard, gebürtiger Ungar mit deutschem Universitätsabschluss, warnte vor Konflikten mit Russland und nannte die Atombombe "ein Mittel zur unbarmherzigen Zerstörung von Städten".
Typisch war der Weg der Oak-Ridge-Petition vom 13. Juli 1945: General Groves ließ das Dokument als geheim klassifizieren. So blieb es im Safe. Typisch war auch die Haltung des führend am Projekt beteiligten Enrico Fermi: "Lasst mich in Ruhe mit euren Gewissensbissen, das ist doch so schöne Physik!"
Der deutsche Feind war im Mai 1945 geschlagen, eine atomare Bedrohung ging von ihm niemals aus. Mit dem Beweis des Letzteren begann die Moral der Forscher im Manhattan-Projekt brüchig zu werden.
Sollte man die Arbeit beenden? Tatsächlich zog sich nicht ein einziger Wissenschaftler aus dem Projekt zurück. Allerdings gab es Einwände und Sorgen, festgehalten in Denkschriften, die meist auf dem "Dienstweg" versackten.
So forderte etwa der Franck-Report vom 11. Juni 1945 zwar nicht den Verzicht, aber er riet dringend, die langfristigen Folgen nuklearer Waffen zu analysieren. Leo Szilard, gebürtiger Ungar mit deutschem Universitätsabschluss, warnte vor Konflikten mit Russland und nannte die Atombombe "ein Mittel zur unbarmherzigen Zerstörung von Städten".
Typisch war der Weg der Oak-Ridge-Petition vom 13. Juli 1945: General Groves ließ das Dokument als geheim klassifizieren. So blieb es im Safe. Typisch war auch die Haltung des führend am Projekt beteiligten Enrico Fermi: "Lasst mich in Ruhe mit euren Gewissensbissen, das ist doch so schöne Physik!"
Infobox
Arsenal des Schreckens
Die meisten Atommächte halten sich bedeckt, was den Umfang ihrer nuklearen Bewaffnung angeht. Darum gibt es zur Menge der Atomwaffen weltweit lediglich Schätzungen: Die Stiftung Carnegie Endowment for International Peace bezifferte 2009 die Gesamtzahl nuklearer Gefechtsköpfe auf etwa 25.275; die Federation of American Scientists (FSA) zählte mehr als 23.000.
Eine Vorstellung über deren globale Verteilung gibt folgende Übersicht der FSA:
Russland: 12.000 (davon 4.650 einsatzfähig)
USA: 9.400 (davon 2.636 einsatzfähig)
Frankreich: 300 (davon etwa 300 einsatzfähig)
China: 240 (davon etwa 180 einsatzfähig)
Vereinigtes Königreich: 185 (davon weniger als 160 einsatzfähig)
Israel: 80
Pakistan: 70-90
Indien: 60-80
Nordkorea: <10
Für fast zweitausend russische und US-amerikanische Gefechtsköpfe gilt höchste Alarmbereitschaft - das heißt, sie können kurzfristig eingesetzt werden.
Die meisten Atommächte halten sich bedeckt, was den Umfang ihrer nuklearen Bewaffnung angeht. Darum gibt es zur Menge der Atomwaffen weltweit lediglich Schätzungen: Die Stiftung Carnegie Endowment for International Peace bezifferte 2009 die Gesamtzahl nuklearer Gefechtsköpfe auf etwa 25.275; die Federation of American Scientists (FSA) zählte mehr als 23.000.
Eine Vorstellung über deren globale Verteilung gibt folgende Übersicht der FSA:
Russland: 12.000 (davon 4.650 einsatzfähig)
USA: 9.400 (davon 2.636 einsatzfähig)
Frankreich: 300 (davon etwa 300 einsatzfähig)
China: 240 (davon etwa 180 einsatzfähig)
Vereinigtes Königreich: 185 (davon weniger als 160 einsatzfähig)
Israel: 80
Pakistan: 70-90
Indien: 60-80
Nordkorea: <10
Für fast zweitausend russische und US-amerikanische Gefechtsköpfe gilt höchste Alarmbereitschaft - das heißt, sie können kurzfristig eingesetzt werden.





