Der Nationalismus blüht auf: Pakistanische Frauen sind stolz auf die nuklearen Tests ihre Landes. (Bild: www.msu.edu)
Die zweite Phase
Wieder mal sind der Welt ein paar beruhigende Gewissheiten abhanden gekommen. Erstens: Atomare Waffen würden der Abschreckung dienen, ihr tatsächlicher Einsatz sei also unwahrscheinlich. Zweitens: Mit dem Ende des Kalten Krieges habe die atomare Bedrohung ein für allemal aufgehört. Und drittens: Nur wirtschaftlich potente Staaten, vor allem Großmächte, könnten sich Atomwaffen leisten, deren Verbreitung sei folglich begrenzt und kontrollierbar.Eingeschläfert
Drei Sätze - drei Irrtümer! Vielleicht aber handelt es sich um Thesen, an die wir glauben sollten. Denn sowohl das Abschreckungsargument, als auch die lange Zeit übliche Kopplung der atomaren Gefahr an die Auseinandersetzung zwischen den Systemen und die Illusion von der konsequenten Nichtweiterverbreitung haben uns eingeschläfert. Anhängerschaft und Gegner kamen den Friedensbewegungen abhanden.
Drittweltstaaten und Desperados
Im Schatten der Illusionen hat das Gespenst, fast unbemerkt, seine Gestalt verändert. Es tritt uns heute in einer Form entgegen, die es gefährlicher macht denn je: Längst ist das Atommonopol der Supermächte gebrochen, längst halten selbst Drittweltstaaten, wie Indien oder Pakistan, die ultimative Waffe bereit. Politische Desperados, wie Nordkorea, können die Welt erpressen, und terroristische Gruppen geraten - nicht ganz zu Unrecht - in den Verdacht, kurz vor dem Erwerb von Atomtechnologie zu stehen. Die Bombe ist uns näher gekommen. Wie konnte das geschehen?
In der Grauzone
Eine Antwort findet sich in den Grauzonen der politischen Kulturen, da, wo Entscheidungen meist getroffen werden. Denn noch gibt es ihn ja nicht offiziell, den atomaren Supermarkt, in dem jeder, der über das nötige Geld verfügt, die erforderlichen Bestandteile kaufen kann. Doch halblegale, oft staatlich tolerierte Vorformen sorgen schon für Aufsehen: Ein Schmuggelring unter Abdul Qadeer Khan, dem "Vater der islamischen Bombe", habe Atomtechnologie für wenige Dollarmillionen an Iran und Libyen verkauft, berichten westliche Medien. Auch Nordkoreas Kim Il Sung dürfte sein Know-how wohl kaum aus eigener Grundlagenforschung, eher aus pakistanischen und chinesischen Quellen bezogen haben. Schwarzmarkt-Dealer, vernetzt mit Wirtschaft, Wissenschaft und politischem Establishment, scheinen an die Stelle von regierungsamtlichen Institutionen, von Generälen, von Geheimdiensten und Diplomaten getreten zu sein.
Pakistans Marschflugkörper Babur: Wer ernst genommen werden will, besorgt sich die Bombe. (Foto von 2006)
Das geschieht in einer Welt, die nach dem Versiegen der Ost-West-Konfrontation nicht stabiler, sondern unsicherer geworden ist. Besitz von Atomwaffen gilt zunehmend als Garant politischer Autonomie, sei es für arme, wirtschaftlich schwache Länder, für Diktatoren oder für religiöse Bewegungen. Wer ernst genommen werden will, der besorgt sich die Bombe. Die Supermächte selbst haben es vorgemacht, über Jahrzehnte hinweg. Zu den Folgen gehört mehr als lediglich neue Unkalkulierbarkeit: Der Drang nach Atomwaffen erzeugt mafiöse Strukturen, lässt Gelder in die Rüstung abfließen, prägt Ideologien und strategische Doktrinen. "Die größte Narrheit ist es, zu glauben, Atomwaffen seien nur bei Gebrauch tödlich. Allein die Tatsache ihrer Existenz, ihre bloße Gegenwart in unserem Leben, wird sich verheerender auswirken, als wir je ahnten", konstatiert die indische Autorin Arundhati Roy.
Kriterium: Beschaffungspreis
Das Zeitalter der Atomwaffen ist nicht vorüber. Es hat gerade seine zweite Phase erreicht. Diese Phase ist gekennzeichnet durch viele kleinere Machtzentren neben der verbliebenen Supermacht, die im oder gegen den Prozess der Globalisierung ihren Platz zu behaupten suchen. Für diverse potenzielle Interessenten liegt der Unterschied zwischen Rohrbombe, Plastiksprengstoff, Dirty Bomb, Atomgranate und Wasserstoffbombe bloß noch in der Höhe des Beschaffungspreises. Kein Abkommen kann unter solchen Umständen den Besitz atomarer Waffen regeln, weil es keine vertragschließenden Seiten mehr gibt. Helfen kann nur der kollektive Instinkt der Selbsterhaltung. Und eine elementare Erkenntnis: Wir sind schon radioaktiv - im Denken, Handeln und in den Zielen. Auch wenn der Krieg, die atomare Steigerung, noch gar nicht begonnen hat.
Michael Schmittbetz (akt. 15.02.2010)
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Infobox
Globale Null
Dem Iran sei es gelungen, Uran auf zwanzig Prozent anzureichern, erklärte Präsident Mahmud Ahmadinedschad im Februar 2010 - sein Staat sei nun ein "Atomstaat". Die Weltgemeinschaft ist besorgt. Erstmals im Jahr 2002 wurde bekannt, dass der Iran Atomanlagen unterhält. Seitdem bemühen sich die USA, ein EU-Dreigestirn aus Großbritannien, Frankreich und Deutschland, und die Internationale Atomenergiebehörde IAEO, Einblick in das Atomprogramm zu erlangen und Irans nukleare Ambitionen zu dämpfen. Ahmadinedschad verweist auf den Atomwaffensperrvertrag, der seinem Land das Recht gibt, friedliche Atomforschung zu betreiben und Kernkraft zur Energiegewinnung einzusetzen. Im Westen fragt man sich: Bastelt Teheran an der Bombe?
So paradox es klingt: Irans Atomprogramm könnte die Chancen auf atomare Abrüstung steigern! Anfang 2007 nahm in den USA die Initiative Global Zero ihren Anfang. Deren Initiatoren sind nicht romantisierende Pazifisten, sondern knallharte Realpolitiker: die ehemaligen US-Außenminister Henry Kissinger und George P. Shultz, der frühere Verteidigungsminister William Perry sowie der Ex-Senator Sam Nunn. Sie verlangen, die Anzahl der Atomwaffen weltweit auf Null zu reduzieren. Begründung: Die alte Strategie der gegenseitigen Abschreckung funktioniere nicht mehr, vielmehr steige die Gefahr eines Atomwaffeneinsatzes dramatisch. "Kräfte der Desintegration" gefährdeten das Gleichgewicht des Schreckens. "Die Zeit ist nicht auf unserer Seite. Die Dinge könnten uns entgleiten", fasst George P. Shultz die Aussichten zusammen.
Vielleicht bewegt sich ja tatsächlich etwas. Russlands Präsident Dmitrij Medwedjew jedenfalls unterstützt Forderungen nach atomarer Abrüstung, und US-Präsident Barack Obama hat sich 2009 zum Ziel einer atomwaffenfreien Welt bekannt. Die USA und Russland verfügen zusammen über mehr als neunzig Prozent der Atomwaffen weltweit und feilen derzeit an einem Abkommen, das ihren Arsenalen eine strikte Obergrenze auferlegt. Ein solcher Vertrag wäre die erste Abrüstungsvereinbarung in fast zwei Jahrzehnten. Dass sich Global Zero verwirklichen lässt, halten manche Experten dennoch für unwahrscheinlich. Die Erfindung der Atombombe ließe sich eben nicht rückgängig machen und es werde immer Staaten geben, die sich bedroht fühlten und darum auf die Bombe vertrauten. Nach Ansicht von Rüstungsexperten würde in einer atomwaffenfreien Welt zudem das konventionelle Wettrüsten angeheizt und das Risiko konventioneller Kriege steigen.
Dem Iran sei es gelungen, Uran auf zwanzig Prozent anzureichern, erklärte Präsident Mahmud Ahmadinedschad im Februar 2010 - sein Staat sei nun ein "Atomstaat". Die Weltgemeinschaft ist besorgt. Erstmals im Jahr 2002 wurde bekannt, dass der Iran Atomanlagen unterhält. Seitdem bemühen sich die USA, ein EU-Dreigestirn aus Großbritannien, Frankreich und Deutschland, und die Internationale Atomenergiebehörde IAEO, Einblick in das Atomprogramm zu erlangen und Irans nukleare Ambitionen zu dämpfen. Ahmadinedschad verweist auf den Atomwaffensperrvertrag, der seinem Land das Recht gibt, friedliche Atomforschung zu betreiben und Kernkraft zur Energiegewinnung einzusetzen. Im Westen fragt man sich: Bastelt Teheran an der Bombe?
So paradox es klingt: Irans Atomprogramm könnte die Chancen auf atomare Abrüstung steigern! Anfang 2007 nahm in den USA die Initiative Global Zero ihren Anfang. Deren Initiatoren sind nicht romantisierende Pazifisten, sondern knallharte Realpolitiker: die ehemaligen US-Außenminister Henry Kissinger und George P. Shultz, der frühere Verteidigungsminister William Perry sowie der Ex-Senator Sam Nunn. Sie verlangen, die Anzahl der Atomwaffen weltweit auf Null zu reduzieren. Begründung: Die alte Strategie der gegenseitigen Abschreckung funktioniere nicht mehr, vielmehr steige die Gefahr eines Atomwaffeneinsatzes dramatisch. "Kräfte der Desintegration" gefährdeten das Gleichgewicht des Schreckens. "Die Zeit ist nicht auf unserer Seite. Die Dinge könnten uns entgleiten", fasst George P. Shultz die Aussichten zusammen.
Vielleicht bewegt sich ja tatsächlich etwas. Russlands Präsident Dmitrij Medwedjew jedenfalls unterstützt Forderungen nach atomarer Abrüstung, und US-Präsident Barack Obama hat sich 2009 zum Ziel einer atomwaffenfreien Welt bekannt. Die USA und Russland verfügen zusammen über mehr als neunzig Prozent der Atomwaffen weltweit und feilen derzeit an einem Abkommen, das ihren Arsenalen eine strikte Obergrenze auferlegt. Ein solcher Vertrag wäre die erste Abrüstungsvereinbarung in fast zwei Jahrzehnten. Dass sich Global Zero verwirklichen lässt, halten manche Experten dennoch für unwahrscheinlich. Die Erfindung der Atombombe ließe sich eben nicht rückgängig machen und es werde immer Staaten geben, die sich bedroht fühlten und darum auf die Bombe vertrauten. Nach Ansicht von Rüstungsexperten würde in einer atomwaffenfreien Welt zudem das konventionelle Wettrüsten angeheizt und das Risiko konventioneller Kriege steigen.
Infobox
Schmutzige Bomben (engl: dirty bombs) sind Explosivkörper aus konventionellem Sprengstoff, dem radioaktive Substanzen beigefügt sind. Weil man sie mit einfachsten Mitteln herstellen kann, könnten sie zur idealen Waffe für Terroristen werden. Den Verdacht, dass es sich da um eine vor allem medial aufgebauschte Bedrohung handelt, legt eine Einschätzung des Bundesamtes für Strahlenschutz nahe. Die Gefahr liege eher in "großer Besorgnis und Überreaktionen der Bevölkerung", heißt es.



