Die Bombe im Bierlokal
Oft sind Attentäter zu bedauern: Gelingt der Anschlag, ist das Resultat Wasser auf fremde Mühlen. Doch beginnen wir mit einem Attentat, das knapp daneben ging: Was wäre gewesen, wenn...?Die Deutsche Post gab 2003, anlässlich des einhundertsten Geburtstags von Georg Elser, eine 55-Cent-Briefmarke heraus.
Feld der Möglichkeiten
Je weiter ein Ereignis zurückliegt, umso größer ist der Spielraum unserer Phantasie, vor allem, was denkbare Auswirkungen auf die Gegenwart betrifft. Geschichte ist nun einmal das Feld der Möglichkeiten. So auch im Fall eines Anschlags, der zum Zeitpunkt der Tat nur wenig öffentliches Aufsehen erregte:
Ein einsamer Maulwurf
Fast alle Oktobernächte des Jahres 1939 verbringt ein unauffälliger Mann allein im Münchner Bürgerbräukeller. Sind die letzten Gäste gegangen, lässt er sich unbemerkt in dem riesigen Raum einschließen, holt Hammer und Meißel hervor und pickt an einer Säule herum. Seine Tage sind, bis auf wenige Stunden Schlaf, ausgefüllt mit dem Bau einer Bombe.
Weitere sechs Nächte, vom 1. bis zum 6. November, braucht der einsame Maulwurf, um die gefährliche Konstruktion in der ausgehöhlten Säule zu verbergen und den Zeitzünder anzubringen. Am Abend des 8. November detoniert der Sprengkörper wie geplant: Sieben Menschen sterben, mehr als sechzig liegen verletzt zwischen Schutt und Möbeltrümmern. Über den alten Nazi-Kämpfern, die gerade noch einer Rede ihres "Führers" lauschten, lastet lähmendes Entsetzen.
Nach dem gescheiterten Putschversuch von 1938 engagierte sich Ludwig Beck in der Gruppe um Carl Friedrich Goerdeler, neben dem er zum Kopf des Widerstands wurde.
Doch ausgerechnet der, dem das Attentat des Schreiners Georg Elser galt, hat das Gebäude zehn Minuten zuvor verlassen: Adolf Hitler ist bereits wieder auf dem Weg nach Berlin, als der Detonationsdruck seinen frühen Kameraden die Gläser aus der Hand reißt. Was wäre gewesen, wenn... Georg Elsers Anschlag auf den "Führer und Reichskanzler" gelungen wäre?
Deutschland befand sich zu dieser Zeit schon im Krieg. Seit dem 1. September 1939 donnerten die Geschütze. Polen war nach wenigen Wochen besiegt, England und Frankreich hatten den Angriff auf ihren Verbündeten mit der Kriegserklärung an Deutschland gekontert. Bis zur letzten Minute lag die Hoffnung der Nazi-Führung darin, die beiden westlichen Mächte aus dem Krieg herauszuhalten. Schließlich war Hitlers Blick ja gen Osten gerichtet, auf das sowjetische Riesenreich...
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Infobox
Ungelöste Rätsel
War es die CIA, war es gar der KGB oder Amerikas Erzfeind Castro? Oder wollten Exil-Kubaner einen Kriegsgrund liefern? Noch heute ist unklar, ob nicht eine Verschwörung hinter dem Attentat auf Präsident Kennedy am 22. November 1963 in Dallas steckte. Wir dürfen also immer noch jederzeit auf Überraschungen gefasst sein.
Solche Überraschungen aber sind, sofern es um Attentate geht, normal. Schuldzuweisung und Deutungen wechseln nämlich im Laufe der Zeit permanent: Was tat die populäre Kaiserin Elisabeth ("Sissi") eigentlich am 10. September 1898 in Genf, als sie ihrem Mörder ins Messer lief? War der Anschlag auf das österreichische Thronfolger-Paar am 28. Juni 1914 in Sarajevo tatsächlich Auslöser des Ersten Weltkriegs? Moderne Historiker bestreiten dies, hätte doch die Regierung der k. u. k. Monarchie die nach dem Attentat einsetzende internationale Solidarisierung mit dem Wiener Herrscherhaus ebenso zur Entspannung der Lage nützen können.
Außerdem: Wie ist die wirklich ungeheure Schlampigkeit der Polizei an jenem Tag zu erklären? Warum atmete Kaiser Franz Joseph spürbar auf, als sein unbeliebter, aber nun einmal festgelegter Nachfolger der Schussverletzung erlegen war? Fragen über Fragen. Kein Wunder, denn Attentate haben fast immer etwas mit Macht und mit ihrer Verteilung zu tun. Da ist auch die Nachwelt noch interessiert, jeweils ihre Interpretation durchzusetzen.
Solche Überraschungen aber sind, sofern es um Attentate geht, normal. Schuldzuweisung und Deutungen wechseln nämlich im Laufe der Zeit permanent: Was tat die populäre Kaiserin Elisabeth ("Sissi") eigentlich am 10. September 1898 in Genf, als sie ihrem Mörder ins Messer lief? War der Anschlag auf das österreichische Thronfolger-Paar am 28. Juni 1914 in Sarajevo tatsächlich Auslöser des Ersten Weltkriegs? Moderne Historiker bestreiten dies, hätte doch die Regierung der k. u. k. Monarchie die nach dem Attentat einsetzende internationale Solidarisierung mit dem Wiener Herrscherhaus ebenso zur Entspannung der Lage nützen können.
Außerdem: Wie ist die wirklich ungeheure Schlampigkeit der Polizei an jenem Tag zu erklären? Warum atmete Kaiser Franz Joseph spürbar auf, als sein unbeliebter, aber nun einmal festgelegter Nachfolger der Schussverletzung erlegen war? Fragen über Fragen. Kein Wunder, denn Attentate haben fast immer etwas mit Macht und mit ihrer Verteilung zu tun. Da ist auch die Nachwelt noch interessiert, jeweils ihre Interpretation durchzusetzen.


