Weitab vom Ziel
Die einfachste Variante ist leider nicht immer die beste: Mit Wut, Dolch und Revolver gegen das Unrecht dieser Erde kämpfen, oder gegen das, was man dafür hält - es schlägt im Allgemeinen fehl.Attentate gibt es, seit es Geschichte gibt. Die Motive wechseln mit Epochen und Tätern, liegen zwischen persönlicher Rache, krankhaftem Antrieb und hehrem Ideal. Auch im Rückblick - nichts ist so veränderlich wie die Vergangenheit - variieren Wertungen je nach historischem Standort des Betrachters: Statuen, sei es für den Attentäter oder dessen Opfer, werden errichtet, zerstört und wieder errichtet.
Bestie und Heldin
Noch Dante sperrte in seiner Göttlichen Komödie die Caesarmörder in den hintersten Kreis der Hölle, das Frankreich der Revolution sah in Brutus & Co. hingegen Tyrannen-Vernichter und Heroen; nur wenige Jahre dauerte es, bis aus dem idealisierten Attentats-Opfer Marat eine blutige Bestie geworden war, man seine Mörderin Charlotte Corday aber als Heldin auf den Sockel hob.
Der Attentäter ist demnach nicht immer und immerfort böse, das Opfer nicht immer und immerfort beklagenswert und gut. Wir wollen es damit sein Bewenden haben lassen, im Wissen, dass solcher Geschichts-Relativismus - wie üblich - auf Gegenwart und jüngste Vergangenheit nicht anwendbar ist.
Zweckmäßiges Mittel?
Eine Frage aber beschäftigt uns wirklich: Kann das Attentat ein zweckmäßiges Mittel sein? Marxisten haben diese Möglichkeit, unter leichtem Augenzwinkern, entschieden abgelehnt: Wo Volksmassen die Geschichte machen, bleibe für "individuellen Terror" kein Raum. Er sei der verfehlte, letztlich aus Verzweiflung oder Unkenntnis geborene Akt.
Steht jedoch das Individuum, die große Persönlichkeit im Zentrum, dann fällt die Antwort schwerer: Der Tod des wüsten Tyrannen wie des weisen Gesetzgebers kann offenbar der Geschichte eine neue Richtung geben. Selbst "unbedeutende" Opfer, sofern ihr Tod nur symbolhaft genug ist, ändern den Gang der Dinge.
Der Staatsrat von Kotzebue etwa - ein Student namens Sand erstach ihn 1819 - war sicher nicht das, was man eine welthistorische Persönlichkeit nennt. Eher ein Seichbeutel auf dramatischem Gebiet, auf dem er heftig, aber erfolgreich, dilettierte. Zu seinem Unheil verspottete Kotzebue dabei Deutschtümelei (damals progressiv) und Burschenschaften - und mancherlei völkisches, revolutionäres Ideal. Was ihn für Patrioten noch mehr zum Buhmann machte, war gelegentliche Spitzelarbeit für den russischen Zaren.
Metternichs Idee
Kein Mann war das, sollte man meinen, dessen Tod den Lauf der Welt allzu sehr aufhält oder beschleunigt. Fast noch unbedeutender wirkt der Täter, Karl Ludwig Sand: frustrierter armer Studiosus aus Jena, mittleren Intellektes wegen selbst unter Seinesgleichen wenig beachtet, dafür - oder daher - radikal. Sofern Geist in Kotzebues letztes Drama kam, verdanken wir dies einem tatsächlich Großen: dem österreichischen Kanzler Clemens Fürst von Metternich.
"Ich hege keinen Zweifel, dass der Mörder nicht aus eigenem Antrieb, sondern infolge eines geheimen Bundes agierte. Meine Sorge geht dahin, der Sache die feste Folge zu geben, die möglichste Partie aus ihr zu ziehen...." So spricht der Staatsmann. Und der Kanzler handelte rasch.
Schon Brutus...
Resultat waren die Karlsbader Beschlüsse, die mit Zensur und Polizeigewalt alles, was nach Freiheit roch, rigoros unterdrückten. Die Herrschenden, immer paranoid, sind für ein passendes Ereignis eben dankbar. Tapfer war Student Sand überdies, spielte vor Gericht dann, trotz bescheidener Rednergabe, den gefährlichen Helden bis aufs Schafott.
Abraham Lincoln, im April 1865 während eines Theaterbesuchs erschossen, war der erste, aber nicht der letzte unter den US-Präsidenten, die einem Attentat zum Opfer fielen.
Das Attentat also zeigte Wirkung. Nur, was Sand wollte, das hat wohl anders ausgesehen, als den Unterdrückern die Steilvorlage liefern. Dabei musste Studiosus Sand es doch besser wissen: Schon Brutus, dem mit dem "Dolch im Gewande", war es ja ähnlich ergangen.
Ein fatales Prinzip?
Retter der römischen Republik, der Freiheit, wollte dieser sein, als er (glaubt man den Quellen: mit 39 anderen) seinen Patron Julius Caesar meuchelte. Die Republik freilich kam nicht wieder, stattdessen versank das Imperium im Bürgerkrieg - an dessen Ende der "Princeps" Augustus stand.
Steckt dahinter ein fatales Prinzip? Wie kommt es, wenn Absicht und Wirkung so weit auseinander klaffen? Überschätzt da die Persönlichkeit ihr Gewicht? Waltet in der Geschichte doch ein Gesetz, das dem Täter selbst nach gelungener Tat die Waffe stumpf zu machen pflegt? Nein. Meist sind Attentäter im Chaos dieser Welt nur etwas vermessen, wenn sie die Dinge, fest wie einen Dolch, im Griff zu haben wähnen.
Michael Schmittbetz (20.11.2003)


