Reform und Reaktion
Die Spanier traf es absolut unvorbereitet: Am 22. November 1975 gab der neue spanische König, Juan Carlos I. aus der Dynastie der Bourbonen, gleich in seiner ersten Thronrede bekannt, er wolle das autoritäre Regime reformieren, an dessen Spitze mehr als 35 Jahre lang General Francisco Franco allein über Spaniens Schicksal bestimmte.Ziehsohn des Diktators
Gerade zwei Tage lag der Tod des Diktators zurück, als Juan Carlos den friedlichen Systemwechsel ankündigte, der Spanien eine demokratische Verfassung, den Rechtsstaat und schließlich, 1986, die Aufnahme in die EG bescherte. Und das, obwohl der Monarch als Ziehsohn des verstorbenen Diktators galt! Das enorme Prestige, das der König und seine Familie seit nunmehr dreißig Jahren in der Bevölkerung genießen, rührt aus diesem Mut zur Erneuerung - ein Prestige, welches seine Vorgänger auf dem Thron auf lange Zeit verspielt zu haben schienen. Dabei hatte die Geschichte der Bourbonen in Spanien überaus hoffnungsvoll begonnen.
Aufgeklärt und tatendurstig
Im Spanischen Erbfolgekrieg 1701 bis 1714 setzte Philipp von Anjou (1683 bis 1746) seinen Anspruch auf die spanische Krone durch. Er war der erste aus dem französischen Herrschergeschlecht derer von Bourbon, der in Spanien regierte - als Philipp V. Beseelt vom Geist der beginnenden Aufklärung und tatendurstig, ging er daran, das im Niedergang begriffene Land umfassend zu modernisieren. Dazu zählte für den jungen Monarchen vor allem, die Verwaltung zu vereinheitlichen und stärker als bisher zu zentralisieren. Das Herz der spanischen Politik schlug fortan in Madrid, allein in Madrid. Zentrale Steuerung half auch der leidenden Wirtschaft auf die Beine: Königliche Manufakturen und Handelsmonopole wurden eingerichtet, Binnenzölle abgebaut.
Spanischer Erbfolgekrieg: Am 23. Mai 1706 erfocht der Duke of Marlborough den Sieg bei Ramillies. (Druck von 1890)
Großmachtstatus bewahren
Letztlich zielten alle diese Bemühungen darauf ab, Spaniens Großmachtstatus zu bewahren und Spaniens Stimme im Kontext Europas wieder mehr Gewicht zu verleihen. Die ersten spanischen Bourbonen wussten wohl, dass das Land drauf und dran war, in jeder Hinsicht den Anschluss an Nationen wie Frankreich und England zu verlieren. Dem wollten sie entgegenwirken - am erfolgreichsten tat dies Karl III. (1716 bis 1788, König seit 1759), während dessen Regentschaft Spanien eine politische und wirtschaftliche Blüte erlebte.
Von einer Bredouille in die nächste
Sein einfältiger Sohn Karl IV. (1748 bis 1819), sechster spanischer Bourbone, verspielte das Erbe. Er überließ die Leitung der Politik Manuel Godoy, Staatsminister und graue Eminenz bei Hofe. Der manövrierte Spanien von einer Bredouille in die nächste. Anfangs als Waffengefährte Englands glücklos gegen das revolutionäre Frankreich kämpfend, wechselte Godoy später die Seiten: ohne, dass Spanien daraus Kapital hätte schlagen können.
Untergang bei Trafalgar
Vielmehr büßten die Spanier nun ein, was zumindest die Erinnerung an glorreiche Zeiten aufrechterhielt: ihre Flotte. Die ging in der Schlacht von Trafalgar 1805 unter. Spanien eine Seemacht? Das war einmal. Und die Wirtschaft lag am Boden, seit Karl IV. mit dem Liberalismus gebrochen und sämtliche Reformprojekte zu den Akten gelegt hatte. Aus Sorge vor einem Überschwappen der französischen Revolution auf die iberische Halbinsel hatte der König sich in die Arme der Reaktion geflüchtet...
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Infobox
Im Spanischen Erbfolgekrieg (1701 bis 1714) fochten die Staaten Europas um die Nachfolge des kinderlos verstorbenen Karl II., des letzten Habsburgers auf dem Thron in Madrid. Die Mächte scharten sich um zwei Kandidaten: Zum einen um den Bourbonen Philipp von Anjou, einen Enkel Ludwigs XIV. von Frankreich; zum anderen um den Habsburger Erzherzog Karl, den zweiten Sohn Kaiser Leopolds I. Auf Seiten des Bourbonen stand Frankreich, hinter dem Habsburger das Reich, England, Holland und Portugal. Auch durch Spanien verlief die Spaltung: Kastilien stellte sich hinter Philipp, der für eine zentralisierte Monarchie eintrat, Aragonien und Katalonien bevorzugten Karl, von dem sie sich die Sicherung ihrer Autonomie erwarteten. Nach mehrjährigem Ringen wurde Philipp von Anjou als spanischer König bestätigt.


