Wolf unter Wölfen
Den US-Truppen bot sich am 11. April 1945 ein grausiger Anblick: Leichen, Verhungernde, Kranke. Hier Helden und Gequälte, auf der anderen Seite brutale Täter - die Scheidelinie zwischen Gut und Böse schien klar.Detail aus dem Mahnmal des Bildhauers Fritz Cremer auf dem Ettersberg: unbeirrt und kompromisslos. (Bild: Florida Center for Instructional Technology)
So wurde Buchenwald, auf dem Ettersberg nahe bei Weimar, zum antifaschistischen Gründungsmythos der DDR, der "sozialistischen" deutschen Republik. Von diesem Geschichtsbild kündet das Mahnmal des Professors Fritz Cremer: Stein gewordene heroische Legende, ohne Widersprüche und ohne unangenehme Tatsachen, die nicht ins Geschichtsbild passten.
Fünfzigtausend Tote
Knapp eine Viertelmillion Menschen gingen durch die Hölle auf dem Ettersberg. Mehr als fünfzigtausend fanden dort den Tod - überwiegend sowjetische Kriegsgefangene und Juden, meist in der Endphase 1945, auf den Todesmärschen. Buchenwald war dennoch kein Vernichtungslager, kein Auschwitz. Wer dort inhaftiert war, sollte nicht unbedingt sterben. Das Arbeitslager Buchenwald galt als wichtiger Teil des Wirtschaftsimperiums der SS.
Unter den Häftlingen bildete sich bald eine Rangordnung heraus. Diejenigen, die oben standen, hatten weniger zu befürchten. Ihr Risiko war geringer: Von der selbsternannten Elite, den deutschen Kommunisten, kamen in acht Lagerjahren (1937 bis 1945) genau 72 um, darunter 17 durch unmittelbare Gewalt.
Hingerichtet in Workuta
796 Genossen überlebten das KZ. Nicht alle überlebten die frühen Jahre der DDR - etwa der kommunistische Buchenwaldhäftling Ernst Busse, der ab 1946 erster Innenminister des Landes Thüringen war. Es ist dieser Ernst Busse, 1952 erschossen als Kriegsverbrecher im Lager Workuta in der UdSSR, der wenige Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung Anlass eines Historikerstreits um Buchenwald werden sollte. Was war geschehen?
Verlorener Mythos
Mit dem Ende der DDR ging auch der Mythos vom ausnahmslos heldenhaften, kompromisslosen Widerstand in Buchenwald seiner staatlichen Stützen verlustig: Parteioffizielle Historiker verloren ihr Deutungsmonopol. Das KZ auf dem Ettersberg sorgte noch einmal für Schlagzeilen, als 1994 eine "Geheimakte Buchenwald" an die Presse gelangte.
Diese Akte, lange unter Verschluss, hatten 1946 Parteistellen der KPD/SPD angelegt: Korruption, Machtmissbrauch, Zusammenarbeit mit der SS, Privilegien, sogar Mord. Busse und weitere Mitgefangene hätten im Lager ein angenehmes Leben geführt, auf Kosten anderer, darauf lief es hinaus. Der Kommunist Ernst Busse, Kopf des illegalen Lagerkomitees, Revierkapo im Krankenbau - war er, nach heutigen Maßstäben, ein Verbrecher?
1994, einige Zeitungen schrieben schon: "Kommunisten mordeten gemeinsam mit der SS", ist auch Erscheinungsjahr des Buches Der gesäuberte Antifaschismus, verfasst vom Jenaer Historiker Lutz Niethammer. Untertitel: "Die SED und die roten Kapos von Buchenwald". Dort ist die moralisch schwierige Situation der einstigen Helden und die offizielle Geschichtsfälschung zu DDR-Zeiten im Detail dargestellt.
Was zu erwarten war
Niethammer, versehen mit dem frisch entdeckten Material der "Geheimakte", berichtet im Grunde Bekanntes. Überraschend sind seine Enthüllungen kaum, über das Schreckliche, das tagtäglich in Buchenwald passierte. Es passierte nur, was zu erwarten war: dass Menschen unter dem Knüppel eben nicht solidarisch werden, dass solidarisches Verhalten unter schrecklichen Bedingungen die Ausnahme ist, nicht die Regel...
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Jorge Semprún,...
spanischer Kommunist aus großbürgerlicher Familie und in der französischen Résistance aktiv, kam 1943 ins KZ Buchenwald. Die KP-Führung im Lager verschaffte dem damals zwanzigjährigen und perfekt deutsch sprechenden Funktionär einen Posten in der "Arbeitsstatistik".
spanischer Kommunist aus großbürgerlicher Familie und in der französischen Résistance aktiv, kam 1943 ins KZ Buchenwald. Die KP-Führung im Lager verschaffte dem damals zwanzigjährigen und perfekt deutsch sprechenden Funktionär einen Posten in der "Arbeitsstatistik".
Damit saß Semprún als Privilegierter dicht an den Schalthebeln der offiziellen kommunistischen Häftlingsselbstverwaltung, aber auch des illegalen Internationalen Lagerkomitees ILK. 1980 erschien Semprúns Roman Was für ein schöner Sonntag!, in dem der nunmehrige "Renegat" einen Sonntag im KZ Buchenwald schildert, verbracht an der Seite vor allem kommunistischer Kameraden.
Günstlingswirtschaft und Privilegien machten den Sonntag eben "schön", so weit das unter Lagerbedingungen möglich war. Lesern des mittlerweile prominenten Romanciers sagte also weder die ab 1992 zugängliche "Geheimakte" grundsätzlich Neues, noch, bei allen informativen Details, das Buch des Jenaer Historikers Lutz Niethammer über die "roten Kapos von Buchenwald".
Günstlingswirtschaft und Privilegien machten den Sonntag eben "schön", so weit das unter Lagerbedingungen möglich war. Lesern des mittlerweile prominenten Romanciers sagte also weder die ab 1992 zugängliche "Geheimakte" grundsätzlich Neues, noch, bei allen informativen Details, das Buch des Jenaer Historikers Lutz Niethammer über die "roten Kapos von Buchenwald".
Augenzeugenberichte zur Lagerhierarchie und zu ihren Auswirkungen gibt es übrigens bereits in Eugen Kogons Werk Der SS-Staat, das ab 1946 in diversen Auflagen veröffentlicht wurde.
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Das Bordell in Buchenwald...
entstand 1942 auf Weisung des Reichsführers SS Heinrich Himmler. "Arische" Häftlinge sollten dort, gegen den Preis von einer Reichsmark, auf ihre Kosten kommen. Praktisch standen die bis zu zehn "diensttuenden" Prostituierten, ebenfalls Gefangene, fast ausschließlich den privilegierten Funktionshäftlingen im Lager zur Verfügung.
Zu den in der "Geheimakte" festgehaltenen Vorwürfen gegen Ernst Busse gehört auch, dass er sich eine Prostituierte in seinem Dienstraum gehalten habe, welcher ihm als Kapo des Krankenbaus zugewiesen war. Später ist nur noch von "Geschenken" die Rede.
entstand 1942 auf Weisung des Reichsführers SS Heinrich Himmler. "Arische" Häftlinge sollten dort, gegen den Preis von einer Reichsmark, auf ihre Kosten kommen. Praktisch standen die bis zu zehn "diensttuenden" Prostituierten, ebenfalls Gefangene, fast ausschließlich den privilegierten Funktionshäftlingen im Lager zur Verfügung.
Zu den in der "Geheimakte" festgehaltenen Vorwürfen gegen Ernst Busse gehört auch, dass er sich eine Prostituierte in seinem Dienstraum gehalten habe, welcher ihm als Kapo des Krankenbaus zugewiesen war. Später ist nur noch von "Geschenken" die Rede.



