Helden und Ignoranten
Eines der größten Abenteuer der Menschheitsgeschichte ist die Suche nach Wegen in den menschlichen Körper. Geradlinig verlief diese Entwicklung nicht. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts kam die Zeit der modernen Chirurgie.Aus dem Jahr 1890 - da war die lange Nacht der Chirurgie bereits vorüber - stammt diese Aufnahme eines New Yorker Operationssaals.
Wohl dem Patienten, den auf dem Operationstisch die rettende Ohnmacht umfing! Leben freilich ist Leiden. Weil Krankheit zum Leben zählt, zählt Schmerz zu ihrer Überwindung. Das galt den Chirurgen der "langen Nacht" als unerschütterlicher Grundsatz, als gottgegebene Regel.
Das Entsetzliche ertragen
Charakteristischer Vertreter des Zeitalters der "langen Nacht", jedoch schon an dessen Ende, ist John Collins Warren (1778 bis 1856), Professor der Anatomie und Chirurgie in Boston. Körperlich stark, scheinbar mitleidlos, vom Willen zum Helfen getragen, dazu eitel und stolz, die Augen im harten, schmalen Gesicht unter buschigen Brauen verborgen.
Warren verkörperte den Typ des Chirurgen, wie er bis heute prägend ist: "Ein Mann wie Warren erschien seinen Zeitgenossen nicht wie ein Folterknecht, sondern wie ein Mann, der stark und hart genug war, dem fürchterlichsten menschlichen Leiden ins Auge zu sehen", schreibt der Historiker Jürgen Thorwald. "Auch das Entsetzliche verliert viel von seiner Entsetzlichkeit, wenn es so wie damals als unabwendbares göttliches oder teuflisches Gesetz zum menschlichen Dasein gehört."
Risiko und brennender Ehrgeiz
Es ist fantastisch, wie weit es den Heroen der alten Zeit trotz Schmerz und trotz Wundbrand - der zweiten großen Barriere, die sie überwinden mussten - in die Tiefen des menschlichen Körpers vorzudringen gelang: Mittels narkosefreier Unterleibsoperationen glückte das Entfernen kindskopfgroßer Geschwüre,
Dem Zahnarzt Horace Wells wird 1844 schmerzfrei ein Zahn gezogen, nachdem er Lachgas eingeatmet hat. Horace Wells schuf die Basis der modernen Anästhesie.
Dem Heldentum des Operateurs mit den ungewaschenen, eiterbefleckten Händen - gepaart mit brennendem Ehrgeiz und der Bereitschaft, Grenzen zu überschreiten - stand der Lebenswille des Patienten zur Seite. Nur die Gewissheit des sonst nahen Todes konnte ein Motiv sein, sich solcher qualvollen Behandlung auszusetzen, bei der die Chancen des Überlebens oft kaum vierzig Prozent betrugen.
Scheitern und Erfolg
Der Chirurg wird in dieser Phase zum Künstler. Das Leiden des Patienten ist Teil seines Werks: des Weges, an dessen Ausgang - vielleicht - die Heilung steht. Hilfe gegen den Schmerz kann bei so viel Künstlertum nur von einem Außenseiter kommen: Horace Wells, ein Zahnarzt aus der amerikanischen Provinz, wendet Ende 1844 erstmals Lachgas zwecks Betäubung an.
Aber die Vorführung am Bostoner Hospital (Operateur ist der skeptische Warren) scheitert erbärmlich: Am "Demonstrationsobjekt", einem fetten, wahrscheinlich alkoholabhängigen Mann, wirkt die verabreichte Dosis nicht. Wells´ Kollege und Schüler William Thomas Green Morton wiederholt das Experiment am 16. Oktober 1846, nun mit Äther. Die erste Bresche für die moderne Chirurgie ist geschlagen. "Gentlemen, this is no humbug", bemerkt Warren.
16. Oktober 1846: erste Operation unter Narkose am Bostoner Massachussetts Grand Hospital. (Daguerrotypie)
Der Siegeszug der Anästhesie um die (westliche) Welt, wie er jetzt beginnt, ist gleichzeitig ein Streit gegen Zweifler und Ignoranten. Unrühmlichstes Beispiel ist ein gewisser Dr. John Hall, damals Generalarzt des britischen Expeditionskorps im Krimkrieg, zuständig für Tausende Verletzte: "Der elegante Gebrauch des Messers", befindet Hall noch 1854, "ist ein mächtiges Stimulans, und es ist viel besser, einen Mann aus vollem Halse brüllen zu hören als ihn schweigend ins Grab sinken zu sehen."
Wells, Held gegen die Ignoranz, wird kurze Zeit später süchtig bei Selbstversuchen mit Chloroform und endet, von Morton um den Entdeckerruhm gebracht, im Suizid.
Dreck, Eiter und Blut
Beinahe scheint es, als würden die Ignoranten Recht behalten. Zwar ist die Periode der grausigen Temposchnitte und schreienden Patienten so gut wie vorüber, doch eine zweite Barriere erhebt sich unheildrohend: Auch weil Operationen nun länger dauern und gründlicher ausgeführt werden, steigt das schon immer gefürchtete Risiko von Wundinfektionen.
Unerkannte Ursache sind die katastrophalen hygienischen Bedingungen in den Hospitälern: schmutzstarrende Tische, nicht gereinigte Instrumente, ungewaschene Hände - überall kleben Dreck, Eiter und Blut. Ärzte, die eben gerade Leichen untersuchten, führen danach komplizierteste Operationen wie etwa den Kaiserschnitt aus...
Seite
1
| 2
Dieser Artikel gehört zum Thema
| Chirurgie | ![]() |
Infobox
Ferdinand Sauerbruch
Die Chirurgie der Brustorgane erkor er zu seinem Lieblingsgebiet: Ferdinand Sauerbruch (1875 bis 1951) war der wohl bedeutendste Chirurg in der ersten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts. Seine Erfindung des Pneumothorax gestattete erstmals die operative Öffnung des Brustkorbs, in dem, wie Mediziner wissen, Unterdruck herrscht. Ohne Druckausgleich müssten die Lungen kollabieren, was den Tod des Patienten zur Folge hätte. Vom Pneumothorax führt der Weg zur heute angewendeten Intubationsnarkose.
Vor sowie während des Zweiten Weltkriegs entwickelte Sauerbruch bewegliche Prothesen und verbesserte eine Anzahl chirurgischer Techniken. Der politisch eher desinteressierte Arzt, für den seine chirurgische Arbeit Lebensinhalt war, nahm unter dem Nationalsozialismus hohe Ehrungen entgegen (1934 Staatsrat, 1937 Deutscher Nationalpreis) und leitete auch nach 1945 die nun unter ostdeutscher Verwaltung stehende Chirurgische Klinik der Berliner Charité. Hier nutzte ihn der Funktionärsapparat als Aushängeschild, dessen Reputation dem Regime dienen sollte.
Sauerbruch litt zum Ende seines Lebens vermutlich an Cerebralsklerose. Jürgen Thorwald hat in einer Monografie behauptet, dass die Krankheit, der durch sie ausgelöste Größenwahn und das Bestreben, Sauerbruch im Amt zu halten, zu tödlichen Fehlern bei Operationen führten. Nach seiner Entlassung arbeitete Sauerbruch kurze Zeit an einer Privatklinik in Berlin-Grunewald.
Die Chirurgie der Brustorgane erkor er zu seinem Lieblingsgebiet: Ferdinand Sauerbruch (1875 bis 1951) war der wohl bedeutendste Chirurg in der ersten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts. Seine Erfindung des Pneumothorax gestattete erstmals die operative Öffnung des Brustkorbs, in dem, wie Mediziner wissen, Unterdruck herrscht. Ohne Druckausgleich müssten die Lungen kollabieren, was den Tod des Patienten zur Folge hätte. Vom Pneumothorax führt der Weg zur heute angewendeten Intubationsnarkose.
Vor sowie während des Zweiten Weltkriegs entwickelte Sauerbruch bewegliche Prothesen und verbesserte eine Anzahl chirurgischer Techniken. Der politisch eher desinteressierte Arzt, für den seine chirurgische Arbeit Lebensinhalt war, nahm unter dem Nationalsozialismus hohe Ehrungen entgegen (1934 Staatsrat, 1937 Deutscher Nationalpreis) und leitete auch nach 1945 die nun unter ostdeutscher Verwaltung stehende Chirurgische Klinik der Berliner Charité. Hier nutzte ihn der Funktionärsapparat als Aushängeschild, dessen Reputation dem Regime dienen sollte.
Sauerbruch litt zum Ende seines Lebens vermutlich an Cerebralsklerose. Jürgen Thorwald hat in einer Monografie behauptet, dass die Krankheit, der durch sie ausgelöste Größenwahn und das Bestreben, Sauerbruch im Amt zu halten, zu tödlichen Fehlern bei Operationen führten. Nach seiner Entlassung arbeitete Sauerbruch kurze Zeit an einer Privatklinik in Berlin-Grunewald.
Infobox
Schmerz...
ist eine sehr persönliche Angelegenheit. Die Operationssäle des 18. und 19. Jahrhunderts aber waren öffentliche Stätten. Vor Bänken, die wie im Amphitheater angeordnet waren, agierten Virtuosen der Zunft, Schauspielern ähnlich. Ob am Berliner Charité-Spital, am Bostoner Massachussetts Grand Hospital oder am University College zu London, überall bot sich der fast gleiche Anblick: Chirurgen operierten im eleganten, blutbespritzten Frack, im Kopf immer die Uhr.
Tempo war das A und O, Kriterium des Erfolgs war die Präzision der Schnitte. 28 Sekunden für eine Unterschenkelamputation - so der Rekord des berühmten Arztes Sir Robert Liston. Fiel das kranke Bein rasch genug zu Boden, brandete Beifall von den Rängen.
ist eine sehr persönliche Angelegenheit. Die Operationssäle des 18. und 19. Jahrhunderts aber waren öffentliche Stätten. Vor Bänken, die wie im Amphitheater angeordnet waren, agierten Virtuosen der Zunft, Schauspielern ähnlich. Ob am Berliner Charité-Spital, am Bostoner Massachussetts Grand Hospital oder am University College zu London, überall bot sich der fast gleiche Anblick: Chirurgen operierten im eleganten, blutbespritzten Frack, im Kopf immer die Uhr.
Tempo war das A und O, Kriterium des Erfolgs war die Präzision der Schnitte. 28 Sekunden für eine Unterschenkelamputation - so der Rekord des berühmten Arztes Sir Robert Liston. Fiel das kranke Bein rasch genug zu Boden, brandete Beifall von den Rängen.



