Heuschrecken in Afrika
Seinen schlimmsten Sündenfall erlebte das deutsche Kolonialregime mit der Reaktion auf den Herero-Aufstand 1904. Völkermord waren die Schlächtereien des Generals von Trotha.Militärs hatten den Hut auf - gerade auch in Südwestafrika. 1904 aber verursachten Spekulanten dort Völkermord.
Die Hereros, in der Presse bald als grausame Wilde und Schänder weißer Frauen dargestellt - wer waren sie? Was rief die Ereignisse hervor, in deren Verlauf der afrikanische Stamm praktisch ausgelöscht wurde? Wie kam es zum ersten Völkermord des Zwanzigsten Jahrhunderts?
Land und Eigentum
Seit fast zwanzig Jahren hatte Südwestafrika den Status eines deutschen Schutzgebiets. Gouverneur Theodor Leutwein - ab 1895 im Amt - beendete blutige Konflikte verfeindeter Volksgruppen und weitete, durch geschickte Taktik, den deutschen Einfluss aus. Leutwein erwarb die Loyalität der wichtigsten Stammesführer: Samuel Maharero, Kapitän der Hereros, und Hendrik Witbooi, vom Stamm der Nama.
Für die beiden Rinderzüchter-Völker spielte Land eine herausragende Rolle: Land, auf dem Rinderherden weideten, Land, das man nicht besaß (im Sinne europäischer Eigentumsbegriffe), aber doch nutzte in nomadischer Lebensweise.
Kolonie Deutsch-Südwestafrika im Jahr 1900: Blick auf die Lüderitzbucht.
Die katastrophale Rinderpest des Jahres 1897 ließ ganze Herden krepieren, den eingeborenen Hirten schwand die Existenzgrundlage dahin. Steigende Fleischpreise aber weckten das Interesse europäischer Kapitalanleger. Anfangs billiges Weideland wurde zur Gewinn versprechenden Investitionsmöglichkeit: für den Verkauf an deutsche Siedler zu künftiger, rationell betriebener Rinderzucht oder schlicht als Objekt, auf dessen allmählichen Wertzuwachs man setzte.
Ergebnis war eine brisante Konstellation: die Kolonialverwaltung, gestützt auf scheinbar stabile Pakte mit einheimischen Stammesführern - und ihrerseits an Verträge mit Privatinvestoren gebunden, andererseits verelendende, zunehmend landlose Massen von Eingeborenen, deren Würde zudem der Rassismus der weißen Neusiedler bedrohte.
Aufruf zum Kampf
Schleichend unterhöhlt von den immer landgierigeren Kapitalgesellschaften, brach das "System Leutwein" - die Taktik des vorsichtigen Interessenausgleichs - am 12. Januar 1904 schlagartig zusammen. Samuel Mahareros Aufruf zum Kampf - der Häuptling hatte sich letztlich auf die Seite seiner verarmenden Stammesgenossen gestellt - bildete den Wendepunkt: Mit großer zahlenmäßiger Übermacht attackierten Tausende Herero-Krieger die Höfe der Siedler, belagerten sogar das Verwaltungszentrum Okahandja.
Die deutsche Schutztruppe, 36 Offiziere und 729 Mann über ganz Südwestafrika verteilt, konnte nur wenige befestigte Punkte im Aufstandsgebiet halten.
Kolorierte Postkarte (1904) aus Deutsch- Südwestafrika: der Schutztruppensoldat, zum Ideal stilisiert.
Man muss an die damals in Europa üblichen Denkmuster erinnern, um jene Empörung zu verstehen, die rasch weite Kreise nicht nur der deutschen Öffentlichkeit erfasste: Was wir heute - zu Recht - als puren Rassismus verurteilen würden, war Anfang des Zwanzigsten Jahrhunderts europäische Normalität.
Der Ruf nach Strafe für "ungezogene Kinder" mischte sich mit Visionen vom Existenzkampf der weißen Rasse. Das globale, universalistische Projekt der Zivilisation schien durch wilde, zu zähmende "Hottentotten" in Gefahr gebracht...
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Gouverneur Theodor Leutwein...
schrieb kurz vor dem Ersten Weltkrieg eine Analyse der Situation in der deutschen Kolonie. Ausführlich geht er darin auf die Bedeutung der Kapitalgesellschaften ein: "In Südwestafrika bilden die Gesellschaften noch immer einen Pfahl im Fleische... In letzterer Zeit ist es immerhin der Regierung gelungen, mit allen Gesellschaften Verträge über Landverkäufe abzuschließen ... Damit ist wenigstens der bisherigen spekulativen Besiedlungshinderung der Landgesellschaften ein Ziel gesetzt, aber der schon angerichtete Schaden konnte nicht wieder gut gemacht werden."
Weiter: "Wenn auch andererseits anzuerkennen ist, dass von vornherein versucht werden musste, Privatkapital und Privatunternehmungen für unsere Kolonien zu gewinnen, durfte das niemals mit derartigen Zugeständnissen verbunden sein. Trotzdem die Landgesellschaften anfangs erhebliche Verluste hatten, ist doch ihr Wagnis nicht sonderlich hoch anzuschlagen, da ihnen mit zunehmender Besiedlung endlich große Gewinne zufallen mussten."
Bekannte Tatsache war offenbar auch die internationale Zusammensetzung der Gesellschaften: "An der South West Afrika Comp. und der Otavigesellschaft sind englisches Kapital stark beteiligt, bei einer anderen Gesellschaft, der South African Territorries Limited, spielt englisches Kapital die führende Rolle, und diese Gesellschaft hat sich als die bedenklichste unter allen Landgesellschaften erwiesen."
schrieb kurz vor dem Ersten Weltkrieg eine Analyse der Situation in der deutschen Kolonie. Ausführlich geht er darin auf die Bedeutung der Kapitalgesellschaften ein: "In Südwestafrika bilden die Gesellschaften noch immer einen Pfahl im Fleische... In letzterer Zeit ist es immerhin der Regierung gelungen, mit allen Gesellschaften Verträge über Landverkäufe abzuschließen ... Damit ist wenigstens der bisherigen spekulativen Besiedlungshinderung der Landgesellschaften ein Ziel gesetzt, aber der schon angerichtete Schaden konnte nicht wieder gut gemacht werden."
Weiter: "Wenn auch andererseits anzuerkennen ist, dass von vornherein versucht werden musste, Privatkapital und Privatunternehmungen für unsere Kolonien zu gewinnen, durfte das niemals mit derartigen Zugeständnissen verbunden sein. Trotzdem die Landgesellschaften anfangs erhebliche Verluste hatten, ist doch ihr Wagnis nicht sonderlich hoch anzuschlagen, da ihnen mit zunehmender Besiedlung endlich große Gewinne zufallen mussten."
Bekannte Tatsache war offenbar auch die internationale Zusammensetzung der Gesellschaften: "An der South West Afrika Comp. und der Otavigesellschaft sind englisches Kapital stark beteiligt, bei einer anderen Gesellschaft, der South African Territorries Limited, spielt englisches Kapital die führende Rolle, und diese Gesellschaft hat sich als die bedenklichste unter allen Landgesellschaften erwiesen."



