Sieges-Zug
Die Erfindung der Eisenbahn löste im 19. Jahrhundert eine Revolution aus. Nicht länger langsam und strapaziös war die Fahrt des neuen mobilen Menschen. Wer etwas auf sich hielt, fuhr mit der Eisenbahn.Eine der ersten Dampflokomotiven: Die 1829 von Robert Stephenson erbaute Rocket.
Schon 1838 - die erste deutsche Eisenbahnstrecke von Nürnberg nach Fürth war gerade drei Jahre in Betrieb - ahnte Preußens Kronprinz Friedrich Wilhelm: "Diesen Karren, der durch die Welt rollt, hält kein Menschenarm mehr auf."
Metallenes Teufelswerk
Der Ausspruch Friedrich Wilhelms macht deutlich: bereits zu Beginn des Eisenbahnzeitalters war man sich der Epochenwende bewusst, die durch die Erfindung der mechanischen Ungetüme ausgelöst werden würde. Dämonisch aber und Angst auslösend wirkten die großen, rauchspeienden "Teufelsmaschinen" auf die vorindustrielle Gesellschaft. Doch dem Sieg der kapitalen Erfindung gab es nichts entgegenzusetzen; weder Bedenken von Ärzten, die meinten, Reisende müssten durch die hohen Geschwindigkeiten krank werden, noch die Sorge der Landbevölkerung, vorbeifahrende Züge könnten ihre Kühe schädigen, hielten die Entwicklung des metallenen Sinnbilds der Industrialisierung auf.
Im Postkutschen-Design
Baulich versuchten die Konstrukteure, der Angst vor dem automatisierten Unbekannten dadurch zu begegnen, dass sie die Waggons äußerlich wie auch von der Innenausstattung her an das Design der Postkutsche anpassten; das Coupé wurde direkt von der Kutsche übernommen. Die ebenfalls beim vorindustriellen Vorbild gebräuchliche Einteilung in Klassen sorgte nun auch auf den Schienen für einen hierarchisch gegliederten Reiseverkehr.
Fülle von Eindrücken
Ganz konnte freilich selbst das antiquierteste Zugdesign dem Reisenden nicht die Angst vor der Zugfahrt nehmen. Eine völlig neuartige psychische Belastung stellte das moderne Fortbewegungsmittel dar: die Geschwindigkeit und die Fülle von Eindrücken, die durch das Fenster ins Abteil drängte, befremdeten den Erstreisenden.
Der Künstler Ludwig Richter schreibt in Erinnerung an seine erste Bahnfahrt: "Bäume und Felder sausten wie ein Wassersturz vorbei. Nahe Gegenstände konnte man nicht erkennen, der ferne Hintergrund verschob sich langsamer, so dass man daran noch die Formen ins Auge fassen konnte."
Mörderische Zugfahrt
Beklemmend muss das Gefühl des Ausgeliefertseins an eine nicht beeinflussbare Technik gewesen sein. Die Eisenbahn, so ein geläufiges Bonmot der Zeit, verwandele den Menschen in ein lebendiges Paket. Derartige Gefühle der Ohnmacht sind immer dann besonders stark, wenn man um sein Leben fürchten muss. Ähnlich wie heute Flugzeugabstürze, machte damals der Gedanke an die katastrophalen Ausmaße eines Zugunglücks den Reisenden große Angst. Noch größer als die Befürchtung, in einem Flammenmeer umzukommen, war die Angst vor Verbrechen innerhalb des Zuges...
Seite
1
| 2
Dieser Artikel gehört zum Thema
| Eisenbahn | ![]() |
Infobox
Staats- oder Privatbahn?
Diese Frage stellte sich nicht erst in den letzten Jahren. Zu Beginn der Eisenbahngeschichte war sowohl der Aufbau des Schienennetzes als auch der Betrieb der Züge ausschließlich in privater Hand. Schnell überstiegen die hohen Bau- und Instandhaltungskosten aber die Einnahmen der privaten Betreiber.
Indem die Regierung finanzielle Beihilfen für bauliche Maßnahmen und den Lohn der Arbeiter bereitstellte, erwies sie sich als weitsichtig; der Erfolg der Eisenbahn, ihre Bedeutung für Handel und Gewerbe, ihre schnelle Ausbreitung und relative Zuverlässigkeit machten aus der Eisenbahn, wo man sie zur Staatsbahn machte, eine lukrative Einnahmequelle.
Arbeitsplätze bei den staatseigenen Bahnen waren krisenfest, prestigeträchtig und sie nahmen immer mehr zu: bereits 1907 waren über 75 Prozent aller preußischen Beamten bei der Bahn beschäftigt.
Diese Frage stellte sich nicht erst in den letzten Jahren. Zu Beginn der Eisenbahngeschichte war sowohl der Aufbau des Schienennetzes als auch der Betrieb der Züge ausschließlich in privater Hand. Schnell überstiegen die hohen Bau- und Instandhaltungskosten aber die Einnahmen der privaten Betreiber.
Indem die Regierung finanzielle Beihilfen für bauliche Maßnahmen und den Lohn der Arbeiter bereitstellte, erwies sie sich als weitsichtig; der Erfolg der Eisenbahn, ihre Bedeutung für Handel und Gewerbe, ihre schnelle Ausbreitung und relative Zuverlässigkeit machten aus der Eisenbahn, wo man sie zur Staatsbahn machte, eine lukrative Einnahmequelle.
Arbeitsplätze bei den staatseigenen Bahnen waren krisenfest, prestigeträchtig und sie nahmen immer mehr zu: bereits 1907 waren über 75 Prozent aller preußischen Beamten bei der Bahn beschäftigt.



