Schon ist sie weg: Die Reise mit der Bahn hat das Zeitgefühl verändert.
Stückweise zum Wagen heraus
In Heusinger von Waldeggs 1870 erschienenem Handbuch für Spezielle Eisenbahntechnik heißt es: "Der Passagier ist glücklich, ein unbesetztes Coupé zu erhalten, aber er ist so unglücklich, noch einen Mitreisenden zu bekommen, der ihn bestiehlt, wenn er schläft oder gar ermordet und stückweise zum Wagen herausbefördert." So sehr ängstigten sich Reisende, dass Wohlhabende mit einem Platz in der Dritten Klasse vorlieb nahmen. Die war nämlich bereits seit 1860 als Durchgangswagen angelegt.
Neues Zeitgefühl
Eine weniger gefährliche, aber umso umfassendere Erfahrung der Bahnreisenden war das Schrumpfen von Raum und Zeit: brauchte etwa der Reisende für die Fahrt von München nach Berlin mit der Postkutsche beschwerliche fünf Tage beziehungsweise 106 Stunden, konnte er dieselbe Strecke mit dem Zug in entspannten 25 Stunden bewältigen.
Die neuen Möglichkeiten der überregionalen Mobilität förderten innerhalb des deutschen Gebiets, das noch in viele Kleinstaaten zerrissen war, gegenseitiges Kennenlernen und Verstehen. Nicht unwesentlich trug die Eisenbahn dazu bei, dass sich eine Basis auch für die politische Einheit bildete. In gefestigteren Staatsgefügen wie Russland und Frankreich beschleunigte der Bahnverkehr Zentralisierungsprozesse.
Fahrplanchaos
Konnte man nun auch wesentlich bequemer und schneller reisen, blieb doch bis Ende des 19. Jahrhunderts das Problem der unterschiedlichen Zeitzonen bestehen. Selbst bei Fahrten innerhalb Deutschlands, die nur wenige Stunden andauerten, mussten Taschenuhren teilweise bis zu viermal umgestellt werden.
Die Berechung von Fahr- oder Ankunftszeiten für den Reisenden oder das Aufstellen von Fahrplänen geriet zur hochkomplexen Aufgabe. Ab 1891 begannen die Eisenbahnverwaltungen eine einheitliche, die mitteleuropäische Zeit, einzuführen. Schon 1893 wurde sie zum gesetzlich fixierten Standard der bürgerlichen Zeitmessung.
Immer schneller
Der Mensch musste sich auch den zeitökonomischen Konsequenzen des Maschinenzeitalters beugen. Denn aus Friedrich Wilhelms "Karren" ist ein hochmodernes Fortbewegungsmittel geworden, das sich inzwischen aber gegen das Flugzeug behaupten muss. Trotzdem ist der Wunsch nach schnelleren Zügen nach wie vor ungebrochen; fraglich bleibt, ob unser Mobilitätsdrang es ist, der die Konstrukteure zu immer neuen technischen Höchstleistungen treibt, oder ob die Eisenbahn es war, die unserem Leben ihr Tempo aufgedrängt hat.
Kathleen Niebl (24.11.2005/aktualisiert 27.11.2009)
Seite
1
| 2
Dieser Artikel gehört zum Thema
| Eisenbahn | ![]() |
Infobox
Jagd nach Rekorden
In den 1930er Jahren erlebte der Schnellzugverkehr in Deutschland eine erste Hochphase. Der Schienenzeppelin etwa, ein propellerbetriebenes Gefährt, raste im Juni 1931 mit 230 Kilometern pro Stunde über die Schienen. Allerdings kam die Konstruktion nie über den Prototyp hinaus.
Anders erging es da dem Fliegenden Hamburger: Dieser Dieselschnelltriebwagen verkehrte ab Mai 1933 regelmäßig zwischen Hamburg und Berlin. 138 Minuten benötigte der Schnellzug für die Strecke - eine Zeit, die erstmals wieder ein ICE im Jahr 1997 unterbot. Von der Konkurrenz in Bedrängnis gebracht, schlug die Dampflokindustrie zurück und schickte 1936 ebenfalls einen Schnellzug aufs Gleis: In gerade einmal hundert Minuten bewältigte der Henschel-Wegmann-Zug die Strecke Berlin-Dresden. Bis heute steht dieser Rekord.
Dass Dampfloks nach und nach von der Schiene verschwanden, hatte dennoch gute Gründe: Ihr Wirkungsgrad lag nur bei rund zehn Prozent; Bedienung, Wartung und Reparatur waren dafür sehr aufwändig. Nach den rasanten 1930er Jahren geriet der Schnellzugverkehr in Deutschland für Jahrzehnte in den Hintergrund. Die nächste Generation Schnellzüge - der mit Elektroantrieb versehene ICE - ging 1991 an den Start.
In den 1930er Jahren erlebte der Schnellzugverkehr in Deutschland eine erste Hochphase. Der Schienenzeppelin etwa, ein propellerbetriebenes Gefährt, raste im Juni 1931 mit 230 Kilometern pro Stunde über die Schienen. Allerdings kam die Konstruktion nie über den Prototyp hinaus.
Anders erging es da dem Fliegenden Hamburger: Dieser Dieselschnelltriebwagen verkehrte ab Mai 1933 regelmäßig zwischen Hamburg und Berlin. 138 Minuten benötigte der Schnellzug für die Strecke - eine Zeit, die erstmals wieder ein ICE im Jahr 1997 unterbot. Von der Konkurrenz in Bedrängnis gebracht, schlug die Dampflokindustrie zurück und schickte 1936 ebenfalls einen Schnellzug aufs Gleis: In gerade einmal hundert Minuten bewältigte der Henschel-Wegmann-Zug die Strecke Berlin-Dresden. Bis heute steht dieser Rekord.
Dass Dampfloks nach und nach von der Schiene verschwanden, hatte dennoch gute Gründe: Ihr Wirkungsgrad lag nur bei rund zehn Prozent; Bedienung, Wartung und Reparatur waren dafür sehr aufwändig. Nach den rasanten 1930er Jahren geriet der Schnellzugverkehr in Deutschland für Jahrzehnte in den Hintergrund. Die nächste Generation Schnellzüge - der mit Elektroantrieb versehene ICE - ging 1991 an den Start.



