Wunder der Welt
Unvorstellbare Gefahren nahmen sie auf sich, um das Wissen über bisher unbekannte Teile der Welt zu erweitern. Einer jener Unerschrockenen soll über 24 Jahre im Fernen Osten geweilt haben - Marco Polo.Marco Polo, sein Vater und sein Onkel kehren 1295 nach Venedig zurück. Die Illustration entstand im 14. Jahrhundert.
Venedig des Ostens
Von unermesslichen Reichtümern ist dort zu lesen; vom Gewimmel der Menschen in riesigen Städten; von prächtigen Palästen, deren Wände mit Gold und Silber ausgeschlagen sind und in deren Sälen Tausende Personen tafeln können; von Hangtschou, dem "Venedig des Ostens", mit seinen 12.000 Brücken und einem Hafen, in dem eine mächtige Flotte aus 15.000 Dschunken vor Anker liegt.
Bis heute rätselhaft
Bei Marco Polos - teils flüchtigen, teils äußerst detailreichen - Schilderungen handelt es sich um den bedeutendsten Reisebericht des späten Mittelalters. Generationen europäischer Abenteurer diente er als Inspiration - obwohl bereits zu Lebzeiten des Autors an der Wahrhaftigkeit seiner Angaben Zweifel bestanden. Der Inhalt des Buches, wie die Geschichte von dessen Entstehung, geben der Nachwelt bis heute Rätsel auf.
Messer Milione
Als die berühmte Reisegesellschaft im Jahr 1295 wieder in Venedig ankam, waren die Menschen hungrig nach Berichten aus dem bis dahin weitgehend unbekannten Teil der Welt. Immer und immer wieder mussten die weit gereisten Männer von ihren Erlebnissen und den Wundern Asiens erzählen. Doch bei aller Neugier - geglaubt wurde ihnen nicht alles. Bald schon hatte Marco den Spitznamen Messer Milione ("Herr Millionen") bei seinen Landsleuten weg. Städte mit mehreren Millionen Einwohnern waren für Europäer, deren größte Siedlungen kaum mehr als vierzigtausend Bewohner zählten, einfach unvorstellbar.
Der Kublai Khan empfängt Marco, Niccoló und Matteo Polo. (zeitgenössisches Bild)
Bis zu seinem Tod im Jahre 1324 sollte Marco Polo der Ruf begleiten, es mit der Wahrheit nicht immer genau zu nehmen. Und hätte ihn das Schicksal nicht 1298 in genuesische Gefangenschaft geführt - Marco beteiligte sich am Seekrieg Venedigs gegen den westlichen Konkurrenten und teilte dann mit einem Schriftsteller aus Pisa die Zelle -, wäre der "Aufschneider" und "Wichtigtuer" wohl bald nach seinem Tod in Vergessenheit geraten.
Aus der Erinnerung
Marco Polo hat Die Wunder der Welt nicht selbst verfasst, sondern soll seine Erlebnisse - auf der Basis einiger Notizen, das meiste aber lediglich aus der Erinnerung - dem Mitgefangenen Rustichello da Pisa diktiert haben. Als Autor von Ritterromanen erkannte da Pisa bald das Potenzial der faszinierenden Reiseberichte und schmückte sie seinen Fähigkeiten entsprechend aus: Während er manches Detail einfach unter den Tisch fallen ließ, füllte er bei Marcos Erzählungen von kriegerischen Auseinandersetzungen Seite um Seite.
Dinge, die ihm unwahrscheinlich vorkamen - eine Mauer von dreitausend Meilen Länge? - fanden keine Erwähnung, wohingegen da Pisa ihm langweilig erscheinende Beschreibungen von sich aus um das eine oder andere Detail ergänzte. So schlichen sich beim Entstehen des Buches zahlreiche Fehler ein - Resultat ist eine verwirrende Mischung aus Tatsachen und Erfindungen. Dem Erfolg des Buches hat das nie Abbruch getan. Bereits kurz nach seinem Erscheinen war es in ganz Europa bekannt; es wurde vervielfältigt - das heißt, zunächst von Hand abgeschrieben, später gedruckt -, übersetzt und immer wieder verändert. Neue Fehler und Zusätze drangen in den Text ein, welche das Werk schon früh unter Verdacht brachten, lediglich eine erfundene Geschichte zu erzählen.
Auf Geheiß des Khans
Noch heute steht Marco Polos Glaubwürdigkeit im Zentrum zahlreicher Forschungsprojekte. Deren Interesse richtet sich häufig aber nicht auf das, was das Buch wiedergibt, sondern auf Dinge, von denen der Weltenbummler - der ja immerhin rund zehn Jahre auf Geheiß des Khans im Land herumgereist sein soll - nicht berichtet. So fehlen Beschreibungen der Chinesischen Mauer - die zwar zu Marco Polos Zeiten noch nicht fertig gestellt, aber in weiten Teilen bereits errichtet worden war -, der chinesischen Schriftzeichen, des Buchdrucks, des Teegenusses und der geschnürten Lilienfüße chinesischer Frauen.
Wissenschaftler zweifeln
Der Mangel an solch charakteristischen Einzelheiten stellt die Authentizität des Buches für viele Kritiker immer wieder in Frage. So vertreten einige Wissenschaftler, wie die britische Historikerin Frances Wood oder der deutsche Autor der Enzyklopädie der Entdecker und Erforscher der Erde, Dietmar Henze, sogar die These, dass Marco Polo selbst nie in China gewesen sei und nur das zusammengetragen habe, was er im Orient von anderen Chinareisenden aufgeschnappt hatte.
Kolossaler Schwindel?
Handelt es sich bei den Wundern der Welt um einen Augenzeugenbericht oder, so Dietmar Henze, um den "kolossalsten Schwindel der globalen Entdeckungsgeschichte"? Ist die vielleicht einflussreichste Reisebeschreibung der Welt lediglich das Werk eines Geschichtenerzählers, der so gar nicht dem Ideal eines Entdeckers entspricht, nämlich ein Forschender zu sein, der das Neue selbst betreten, in Augenschein genommen, vermessen und kartografiert hat?
In unbekannte Welten
Selbst wenn es den Forschern gelänge, die Wunder der Welt als Fälschung zu entlarven - an der Tatsache, dass es gerade Marco Polos "Erinnerungen" waren, die in den letzten Jahrhunderten weitere Abenteurer anspornten, sich in unbekannte Welten zu wagen und die Errungenschaften fremder Völker Europa zugänglich zu machen, lässt sich nicht rütteln. Marco Polo selbst ist zum Mythos geworden - ein Mythos, ohne den es wohl manche reale Entdeckungsfahrt nie gegeben hätte.
Ulrike Wolf (10.05.2005)
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Infobox
Nachdem die Brüder Niccoló und Matteo Polo zwischen 1260 und 1269 das Reich der Mongolen schon einmal bereist und dort erste Kontakte mit Kublai Khan geknüpft hatten, brachen sie 1271 als offizielle Gesandte des Papstes erneut auf und wurden diesmal von Niccolós 17-jährigen Sohn Marco begleitet. Allein die Hinreise dauerte über drei Jahre und führte die Männer unter anderem durch Palästina, Persien, die Wüste Gobi und an der Seidenstraße entlang bis nach China.
In Schangdu, der Sommerresidenz des Khans, wurden die Polos freundlich empfangen und genossen bald das Vertrauen des Herrschers - während Vater und Onkel Geschäfte betrieben, wurde Marco mit diversen Missionen betraut, die den Venezianer in die entlegensten Teile des riesigen Reichs führten. Auf diesen Reisen gelangte er südwärts sogar bis nach Burma, Tibet und Indien.
Bis 1292 lebten die Polos unter der Obhut des Khans in dessen Reich. Als unruhige Zeiten drohten, entschieden sie, nach Venedig zurückzukehren. Die Heimreise führte sie - diesmal auch auf dem Seeweg - vorbei an den Küsten Vietnams, Malaysias und Sumatras ins persische Hormus und endlich über Konstantinopel nach Venedig, wo sie 1295, mit Reichtümern beladen, nach 24 Jahren Abwesenheit eintrafen. Es verwundert kaum, dass selbst Angehörige die Totgeglaubten zunächst nicht erkannten. So weit die Legende...
In Schangdu, der Sommerresidenz des Khans, wurden die Polos freundlich empfangen und genossen bald das Vertrauen des Herrschers - während Vater und Onkel Geschäfte betrieben, wurde Marco mit diversen Missionen betraut, die den Venezianer in die entlegensten Teile des riesigen Reichs führten. Auf diesen Reisen gelangte er südwärts sogar bis nach Burma, Tibet und Indien.
Bis 1292 lebten die Polos unter der Obhut des Khans in dessen Reich. Als unruhige Zeiten drohten, entschieden sie, nach Venedig zurückzukehren. Die Heimreise führte sie - diesmal auch auf dem Seeweg - vorbei an den Küsten Vietnams, Malaysias und Sumatras ins persische Hormus und endlich über Konstantinopel nach Venedig, wo sie 1295, mit Reichtümern beladen, nach 24 Jahren Abwesenheit eintrafen. Es verwundert kaum, dass selbst Angehörige die Totgeglaubten zunächst nicht erkannten. So weit die Legende...



