Der Krieg, den Europa verlor
Alle waren Verlierer: Nach diesem Krieg hatte Europa seine bis dahin fast unbestrittene Führungsposition in der Welt eingebüßt. Historisch ist die Selbstzerfleischung eines ganzen Kontinents ohne Beispiel.Mehr als neun Millionen Menschenleben forderte der große Krieg, der im August 1914 begann, allein auf den Schlachtfeldern Europas. Brennpunkt war die Westfront auf belgischem und französischem Gebiet. Vom Scheitern der deutschen Offensive an der Marne im September 1914 bis zum November 1918 vegetierten hier Millionen von Männern hinter Drahtverhauen und in Schützengräben, oft metertief in der Erde - und oft zur Reglosigkeit verdammt.
Hilflose Führer
Denn sobald die Generale den Angriff befahlen, zeigten sich rasch alle Tücken des Stellungskriegs - im Verbund mit Maschinenwaffen, Artillerie und Eisenbahnen hinter der Front: Jeder Angreifer erlitt alsbald unerträgliche Verluste, jede Attacke blieb früher oder später stecken, weil der Verteidiger Reserven schneller heranführen konnte als die Gegenseite.
Jede Operation bedeutete den Tod Zehntausender, nicht selten für wenige Quadratkilometer Geländegewinn. Der Krieg hatte jene, die ihn führten, strategisch zu Gefangenen gemacht: Halbblind rannte man gegeneinander an; hilflose Führer warfen immer neue Massen ins Gefecht, deren tote Körper mancherorts in Schichten über den Leichen ihrer Vorgänger lagen.
"Stacheldrahtkauende" Offensiven
"Zermürbung" des Gegners sollte den Sieg garantieren: Nichts Klügeres als der Gedanke, den Feind "ausbluten" zu lassen, lag etwa dem deutschen Durchbruchsversuch bei Verdun zugrunde. Die "Abnutzungsschlacht" im Frühjahr und Sommer 1916 kostete auf beiden Seiten rund eine Million Gefallene. Letztlich glaubten nicht einmal mehr die Generale im frontfernen Chateau, Cognacglas und Telefonhörer in der Hand, an ihre "stacheldrahtkauenden" Offensiven.
Europa blutet aus
Gefangen im jahrelangen strategischen Patt, rann den ratlosen Politikern Europas der Reichtum des Kontinents durch die Finger: Nicht lediglich Armeen, Europa blutete aus! Experten beziffern die unmittelbaren Kosten des Krieges auf 208 Milliarden US-Dollar zum damaligen Wert. Hinzu kommen langfristig wirkende Folgeschäden: "Die ökonomische Misere der Nachkriegsjahrzehnte - eine Zeit von Deflation, Inflation und Arbeitslosigkeit, von abnehmendem Handel und Schuldenkrisen - stellte den Gegensatz zur Wirtschaftsblüte der Jahre 1896 bis 1914 dar", schreibt der britische Historiker und Ökonom Niall Ferguson: "Der Erste Weltkrieg zerstörte das erste goldene Zeitalter wirtschaftlicher 'Globalisierung'."
Verlorene Generation: Deutsche Soldaten schlagen aus fast eingeebneten Gräben einen französischen Angriff zurück.
Darüber hinaus zerstörte dieser "große Krieg der weißen Männer", so der Titel eines Romanzyklus' von Arnold Zweig, die Dominanz Europas im weltpolitischen Zusammenhang. Beispielhaft für den weltweiten Einflussverlust Europas sei hier der ab 1918 unaufhaltsame Niedergang des britischen Empire genannt.
Neben dem wirtschaftlichen Ruin - Großbritannien wurde vom größten Gläubiger der Welt zu einem der größten Schuldner - fielen personelle Ursachen ins Gewicht: Über mehr als ein Jahrhundert hinweg hatten wenige Hunderttausend britische Beamte und Militärs Millionenmassen fremder Völker verwaltet und beherrscht. Doch bereits im ersten Jahr des Weltkriegs war nahezu die gesamte britische Kolonialtruppe in Kämpfen auf belgischem Boden vernichtet.
Gentlemen unter Feuer
Im Verlauf des Krieges "verloren die Briten eine ganze Generation - eine halbe Million Menschen unter dreißig, die vor allem aus der Oberschicht stammten und zu Gentlemen erzogen worden waren … Ein Viertel der unter fünfundzwanzigjährigen Studenten aus Oxford und Cambridge, die im Jahr 1914 eingezogen worden waren, wurde getötet", hebt der Historiker Eric Hobsbawm hervor...
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Wer hatte Schuld?
Kaum ein Text ist so bedeutsam für die spätere Entwicklung Europas wie der berühmte Kriegsschuldartikel (Artikel 231) des Versailler Vertrages. Eindeutig schreibt er die Alleinschuld des deutschen Kaiserreichs am Ausbruch des Ersten Weltkriegs fest. Die geschichtlichen Fakten - und die historische Forschung - sprechen allerdings eine andere Sprache: Der Krieg begann am 28. Juli 1914 mit der Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien, Kulminationspunkt der vom Attentat in Sarajevo ausgelösten dilplomatischen Krise. Zwei Tage darauf befahl der russische Zar die Generalmobilmachung seiner Truppen zur Unterstützung des serbischen Verbündeten. Frankreich, Großbritannien, Russland und Serbien waren durch Verträge beziehungsweise militärische Absprachen aneinander gebunden. Ebenso, auf der Gegenseite, Deutschland, Österreich-Ungarn und die Türkei.
Die Kriegserklärungen Deutschlands an Russland und Frankreich am 1. und 3. August 1914 erscheinen auf dem Hintergrund der Bündnissysteme zwingend - und waren es bis zu einem gewissen Grad auch. Der wirkliche Grund für die deutschen Kriegserklärungen liegt jedoch tiefer: Jahrzehntelang hatte das deutsche Kaiserreich ein Bündnis mit Großbritannien angestrebt. In London zog man es aus machttaktischen Erwägungen aber vor, sich den ernster zu nehmenden kolonialen Konkurrenten Frankreich und Russland anzunähern. Die deutsche politische Führung sah ihr Land in eine gefährliche Isolation gedrängt, und band sich auch deshalb über Gebühr an Österreich-Ungarn als den einzigen verbleibenden Partner.
Zudem befürchtete man deutscherseits, im Rüstungswettlauf überholt zu werden, da das wirtschaftliche Potenzial der Gegenseite die eigenen Möglichkeiten weit übertraf. Militärausgaben und Mannschaftsstärken lagen auch proportional zu den Bevölkerungsgrößen deutlich über den entsprechenden deutschen Zahlen. Mit der russischen Mobilmachung gewann der Alptraum einer Umklammerung durch überlegene Feindmächte konkrete Gestalt. Dem hatte der deutsche Generalstab nur den Schlieffenplan entgegenzusetzen: In einer kurzen Kampagne wollte man die französische Armee zerschlagen, um dann den Hauptteil der eigenen Streitkräfte gegen das langsamer mobilisierte Russland zu werfen. Mit dem russischen Befehl zur Mobilmachung begann die Uhr zu ticken. Die Offensive gegen Frankreich (über belgisches Territorium) war also im jahrelang detailliert ausgearbeiteten deutschen Mobilmachungsplan mit dem Aufmarsch im Osten untrennbar verknüpft.
Gerade diese in ungünstiger geostrategischer Lage und militärischer Unterlegenheit wurzelnde Starrheit wurde dem Kaiserreich zum Verhängnis: Der deutsche Einmarsch in Belgien provozierte das Eingreifen Großbritanniens. "Schuldig" am Kriegsausbruch sind nach Ansicht vieler Historiker folglich zwei Faktoren: erstens das ungebremste Wettrüsten bei Fehlen internationaler Ausgleichsmechanismen, das Deutschland in eine strategische Zwangslage brachte; zweitens die Verselbstständigung militärischer Konzepte. Europa "rutschte" in den Krieg wie ein muskelstrotzender Koloss, dessen Gehirn nicht ausreicht, um die wechselseitige Zerstörung seiner Teile abzuwenden.



