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Erster Weltkrieg

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Wer hatte Schuld?
Kaum ein Text ist so bedeutsam für die spätere Entwicklung Europas wie der berühmte Kriegsschuldartikel (Artikel 231) des Versailler Vertrages. Eindeutig schreibt er die Alleinschuld des deutschen Kaiserreichs am Ausbruch des Ersten Weltkriegs fest. Die geschichtlichen Fakten - und die historische Forschung - sprechen allerdings eine andere Sprache: Der Krieg begann am 28. Juli 1914 mit der Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien, Kulminationspunkt der vom Attentat in Sarajevo ausgelösten dilplomatischen Krise. Zwei Tage darauf befahl der russische Zar die Generalmobilmachung seiner Truppen zur Unterstützung des serbischen Verbündeten. Frankreich, Großbritannien, Russland und Serbien waren durch Verträge beziehungsweise militärische Absprachen aneinander gebunden. Ebenso, auf der Gegenseite, Deutschland, Österreich-Ungarn und die Türkei.

Die Kriegserklärungen Deutschlands an Russland und Frankreich am 1. und 3. August 1914 erscheinen auf dem Hintergrund der Bündnissysteme zwingend - und waren es bis zu einem gewissen Grad auch. Der wirkliche Grund für die deutschen Kriegserklärungen liegt jedoch tiefer: Jahrzehntelang hatte das deutsche Kaiserreich ein Bündnis mit Großbritannien angestrebt. In London zog man es aus machttaktischen Erwägungen aber vor, sich den ernster zu nehmenden kolonialen Konkurrenten Frankreich und Russland anzunähern. Die deutsche politische Führung sah ihr Land in eine gefährliche Isolation gedrängt, und band sich auch deshalb über Gebühr an Österreich-Ungarn als den einzigen verbleibenden Partner.

Zudem befürchtete man deutscherseits, im Rüstungswettlauf überholt zu werden, da das wirtschaftliche Potenzial der Gegenseite die eigenen Möglichkeiten weit übertraf. Militärausgaben und Mannschaftsstärken lagen auch proportional zu den Bevölkerungsgrößen deutlich über den entsprechenden deutschen Zahlen. Mit der russischen Mobilmachung gewann der Alptraum einer Umklammerung durch überlegene Feindmächte konkrete Gestalt. Dem hatte der deutsche Generalstab nur den Schlieffenplan entgegenzusetzen: In einer kurzen Kampagne wollte man die französische Armee zerschlagen, um dann den Hauptteil der eigenen Streitkräfte gegen das langsamer mobilisierte Russland zu werfen. Mit dem russischen Befehl zur Mobilmachung begann die Uhr zu ticken. Die Offensive gegen Frankreich (über belgisches Territorium) war also im jahrelang detailliert ausgearbeiteten deutschen Mobilmachungsplan mit dem Aufmarsch im Osten untrennbar verknüpft.

Gerade diese in ungünstiger geostrategischer Lage und militärischer Unterlegenheit wurzelnde Starrheit wurde dem Kaiserreich zum Verhängnis: Der deutsche Einmarsch in Belgien provozierte das Eingreifen Großbritanniens. "Schuldig" am Kriegsausbruch sind nach Ansicht vieler Historiker folglich zwei Faktoren: erstens das ungebremste Wettrüsten bei Fehlen internationaler Ausgleichsmechanismen, das Deutschland in eine strategische Zwangslage brachte; zweitens die Verselbstständigung militärischer Konzepte. Europa "rutschte" in den Krieg wie ein muskelstrotzender Koloss, dessen Gehirn nicht ausreicht, um die wechselseitige Zerstörung seiner Teile abzuwenden.