Erforschen vs. Erobern
Den Teilnehmern der Expedition, die der Athener Alkibiades 415 v. Chr. gen Sizilien führte, stand der Sinn nicht nach Erweiterung ihres Weltbildes - sie wollten Syrakus stürmen. Und was suchten die Konquistadoren in Amerika?Stich aus dem Jahr 1594: Ureinwohner legen dem spanischen Eroberer Nuñez de Balboa (1475 bis 1517) Goldschmuck zu Füßen.
Balboa wusste um die Bedeutung des Augenblicks, genoss ihn in vollen Zügen und trug dafür Sorge, dass sein Name auf ewig mit dieser Sternstunde der Menschheit (Stefan Zweig) verknüpft sein würde. Die Tat, soviel war ihm klar, würde in die Geschichte eingehen. Sein Aufbruch ins Unbekannte war von Erfolg bekrönt, die Expedition hatte ihr Ziel erreicht.
Traumgespinst und Sehnsucht
Vier Tage später ergriff Nuñez de Balboa, mittlerweile an die Ufer des Pazifiks herab gestiegen, im Namen der spanischen Krone von dem Ozean und allen seinen Küsten in feierlicher Zeremonie Besitz. Sogleich begannen er und seine Männer mit der Suche nach Gold und Perlen. Denn nicht das Weltmeer interessierte sie - sie hofften, endlich El Dorado, das Goldland, Traumgespinst und Sehnsucht aller Konquistadoren, gefunden zu haben. Entdecken und Ausbeuten war diesen Männern eins, legitimiert vor sich und der Welt durch die Verbreitung des Christentums.
Herr über das erforschte Gebiet? Henry Morton Stanley (1841 bis 1904).
Es ist ein noch junges Phänomen, dass Expeditionen aus reinem Erkenntnisstreben unternommen werden. Längste Zeit waren Reisen in unbekanntes Gebiet, war das Füllen der weißen Flecken auf den Landkarten selten nur der Neugierde des Entdeckers zuzuschreiben. Habgier bildete den stärkeren Antrieb, wenn es galt, das eigene Leben zu riskieren. Unbekanntes stachelte die Menschen zwar an, reizte ihren Forscherdrang - aber auch ihren Ehrgeiz, ihren Machttrieb, ihr Besitzstreben.
Kriegerische Komponente
Schon die Abkunft des Begriffs deutet an, dass Expeditionen oft Hand in Hand mit Gewalt, mit Beutejagd gingen. Er leitet sich aus dem Lateinischen expeditio her, was je nach Kontext entweder "Erledigung, Abfertigung" oder aber "Feldzug" bedeutet. Die kriegerische Komponente hat sich bis in unsere Zeit erhalten, etwa in dem Wort "Expeditionskorps". Häufiger sind mittlerweile jedoch Wendungen, die rein zivile Absichten unterstellen: Reiseveranstalter, die eine "Expedition in die Wüste" anbieten, haben sicher keine bewaffnete Invasion im Sinn.
Wenn Expeditionen nicht schon mit dem Vorsatz unternommen wurden, das entdeckte Gebiet in Besitz zu nehmen, schufen sie doch oft die Voraussetzungen dafür. Forschungsreisen ermöglichten Eroberungen; manchmal weckten sie erst das Interesse daran. Je mehr Wissen die Geographie anhäufte, je kleiner die als Terra incognita gekennzeichneten Stellen auf den Karten wurden, desto weiter drangen die europäischen Kolonialmächte vor. Die Frage "Folge oder Ursache?" ist nicht immer eindeutig zu beantworten.
Vorstoß ins Herz Afrikas
Im 19. Jahrhundert war das unbekannte Innere Schwarzafrikas die größte Herausforderung für Entdecker. Missionare, Händler, Abenteurer - viele versuchten sich an der gefährlichen Aufgabe, getrieben von den unterschiedlichsten Motiven. Die religiös begründete Sorge eines David Livingstone (1813 bis 1873) um das Seelenheil der Afrikaner traf hier auf den rücksichtslosen Imperialismus eines Henry Morton Stanley (1841 bis 1904), der als erster Weißer den afrikanischen Kontinent auf der Höhe des Äquators durchmaß...
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In der Erzählung Herz der Finsternis verarbeitete Joseph Conrad (1857 bis 1924) seine Eindrücke, die er während einer Kongo-Reise 1890 sammelte. Damals wurde der Kongo bereits zwölf Jahre im Namen des belgischen Königs Leopold II. ausgebeutet, von einer Gesellschaft, die eigens zu diesem Zweck gegründet worden und deren einziger Gesellschafter Leopold war.
Angefangen hatte alles damit, dass von 1878 bis 1884 Henry Morton Stanley das Gebiet in einer Reihe ungleicher Verträge von den ortsansässigen Stämmen mehr raubte als kaufte. Auf der Berliner Kongo-Konferenz 1885 sprachen es die europäischen Großmächte dem belgischen König zu, in dessen Privatbesitz das Territorium überging - und der es in diesem Sinne behandelte.
"In der blutigen Geschichte kolonialistischer Ausbeutung hat er sich die Hände blutiger als so ziemlich alle anderen gemacht", urteilt Urs Widmer über den Monarchen, der 1908 nach heftiger Kritik an den Zuständen im Kongo "seine" Kolonie dem belgischen Staat übereignen musste.
Angefangen hatte alles damit, dass von 1878 bis 1884 Henry Morton Stanley das Gebiet in einer Reihe ungleicher Verträge von den ortsansässigen Stämmen mehr raubte als kaufte. Auf der Berliner Kongo-Konferenz 1885 sprachen es die europäischen Großmächte dem belgischen König zu, in dessen Privatbesitz das Territorium überging - und der es in diesem Sinne behandelte.
"In der blutigen Geschichte kolonialistischer Ausbeutung hat er sich die Hände blutiger als so ziemlich alle anderen gemacht", urteilt Urs Widmer über den Monarchen, der 1908 nach heftiger Kritik an den Zuständen im Kongo "seine" Kolonie dem belgischen Staat übereignen musste.



