Massen und Funktionäre
Hunderttausende einstige DDR-Bürger erinnern sich an das Ereignis: Berlin, Mai 1989 - letztes Pfingsttreffen der FDJ. Dafür schien den Parteioberen kein Aufwand zu hoch. War es das wert?Die Begeisterung der Anfangsjahre war rasch vorüber: Plakat der Weltfestspiele 1951. (Bild: DHM)
Auf Linie gebracht
Vergebliche Mühe der Herrschenden war der enorme Aufwand für die FDJ schon von Beginn an: Zwar gelang in den Anfangsjahren, nach der Gründung im März 1946, mit viel Aufbaupathos und demokratischen Phrasen eine gewisse Mobilisation. Immerhin wollte man damals einfach Frieden, vertrat pazifistische Prinzipien und präsentierte sich offen für jeden, nahezu unabhängig von Weltanschauung und Religion.
FDJ-Szene aus den 1980er Jahren: 'Wahl' zum FDJ-Sekretär. Auf das blaue Hemd war sowieso keiner mehr stolz.
An den Köpfen abgeprallt
Wer war die FDJ? Ganz sicher nicht die nach Millionen zählenden Mitgliedermassen. Die traten der FDJ bei, weil es ums Abi ging, um den Studienplatz, weil man dem Druck der Lehrer nachgab und Karrierenachteile vermeiden wollte. Überdies lockten Freizeitangebote, Berlin-Ausflüge und Urlaubsreisen. Da nahm man Lästiges, wie "Studienjahr" und Gruppenversammlungen, eben in Kauf. Die Indoktrination, der stalinistisch verwässerte Marxismus der DDR-Ideologie, prallte ab an den Köpfen der allermeisten. Und auf das blaue Hemd war spätestens ab den 1970ern sowieso keiner mehr stolz.
XII. FDJ-'Parlament', Mai 1985: Die blaue Masse bejubelt pflichttreu den Apparat. (Bild: Bundesarchiv, Creative Commons)
Irgendwer muss die Seifenblase FDJ jedoch am Schillern gehalten haben. Von irgendwem muss das Minimum an Aktivität ausgegangen sein, das die Potemkinschen Dörfer der Massenzustimmung aufrichten half. Wie bei allen politischen Organisationen des Realsozialismus finden wir die Antwort im Funktionärsapparat: Auf den Apparat, nicht auf die normalen Mitglieder, traf das Schlagwort zu, die FDJ sei die "Kampfreserve der Partei".
Damit sind nicht nur die rund fünfhundert Funktionsträger in den Rängen des FDJ-Zentralrats gemeint. Hauptamtliche Kader, so genannte Berufsjugendliche, gab es auf allen Ebenen: vom Zentralrat über den Bezirk, den Kreis, bis hinunter zur einzelnen Schule, zum Betrieb oder zur Fakultät. Deren Anzahl wurde nirgends veröffentlicht und kann auch heute nur Gegenstand von Spekulationen sein. Zu gut wussten die Funktionsträger, welcher Sprengstoff so eine Information gewesen wäre: War doch den Werktätigen im Land längst klar, dass sie den unproduktiven Wasserkopf aus Apparatschiks wirtschaftlich tragen mussten!
Einleuchtendes Ende
Bürokratische Erstarrung, Formalismus und der Trend zu inhaltsleeren Zahlenspielen sind - ohne öffentliche, demokratische Kontrolle - unvermeidbar gewesen. Weil es sich um eine Funktionärsorganisation handelte, wird auch das plötzliche Ende verständlich: Funktionäre funktionieren nur, so lange das System, das ihnen Funktionen zuweist, funktioniert. Den einfachen Mitgliedern ging der Zusammenbruch ohnehin nicht nahe; die Berufsjugendlichen von einst gingen - vielleicht - andere Wege...
Michael Schmittbetz (aktualisiert 23.02.2011)
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Agitation und Propaganda
Das so genannte FDJ-Studienjahr fiel in diese Kategorie, ein lästiger Pflichtlehrgang, honoriert mit dem Abzeichen für Gutes Wissen. Agitation und Propaganda trieb auch das "Organ des Zentralrats der FDJ", die Junge Welt, als auflagenstärkste Tageszeitung der DDR. Nicht zuletzt hatte die FDJ Einfluss auf das Jugendfernsehen.
Darüber hinaus qualifizierte sich kulturelle Aktivität als Agitation und Propaganda: "Singebewegung", mit dem Festival des Politischen Liedes, Oktoberklub, Rock für den Frieden. Zuallererst aber sollte die Indoktrination im Alltag, also "an der Basis" greifen.
Agitation und Propaganda wurden üblicherweise zusammengefasst in dem Kunstwort Agitprop. Warum aber gab es überhaupt zwei Begriffe für diesen einheitlichen und zentral geregelten Vorgang? Antwort: Unter Agitation verstand man die Mobilisierung von Massen, etwas durch Aufrufe und dergleichen, während Propaganda die "Aufklärung" über Kernthesen der sozialistischen Staatsideologie meinte.
Haupt- oder nebenamtliche "Sekretäre für Agitation und Propaganda" - die maskuline Form fand übrigens auch für weibliche Funktionsträger Anwendung - entfalteten ihre Aktivität auf allen Ebenen der FDJ-Hierarchie. Übte der Sekretär seine Funktion im Nebenamt aus, stellte man ihn von seiner beruflichen Tätigkeit anlassgebunden frei.
Klar, dass nicht immer die professionell angesehensten Personen in den Genuss solcher Freistellungen kamen: Arbeitskollektive in DDR-Betrieben neigten dazu, jeweils einen einzelnen Mitarbeiter möglichst viele zeitraubende Funktionen (nicht nur der FDJ) "sammeln" zu lassen. Im inoffiziellen Jargon hieß so ein Mitarbeiter, der für die eigentliche Arbeitsaufgabe wertlos geworden war, "Schwarzer Husar".
Darüber hinaus qualifizierte sich kulturelle Aktivität als Agitation und Propaganda: "Singebewegung", mit dem Festival des Politischen Liedes, Oktoberklub, Rock für den Frieden. Zuallererst aber sollte die Indoktrination im Alltag, also "an der Basis" greifen.
Agitation und Propaganda wurden üblicherweise zusammengefasst in dem Kunstwort Agitprop. Warum aber gab es überhaupt zwei Begriffe für diesen einheitlichen und zentral geregelten Vorgang? Antwort: Unter Agitation verstand man die Mobilisierung von Massen, etwas durch Aufrufe und dergleichen, während Propaganda die "Aufklärung" über Kernthesen der sozialistischen Staatsideologie meinte.
Haupt- oder nebenamtliche "Sekretäre für Agitation und Propaganda" - die maskuline Form fand übrigens auch für weibliche Funktionsträger Anwendung - entfalteten ihre Aktivität auf allen Ebenen der FDJ-Hierarchie. Übte der Sekretär seine Funktion im Nebenamt aus, stellte man ihn von seiner beruflichen Tätigkeit anlassgebunden frei.
Klar, dass nicht immer die professionell angesehensten Personen in den Genuss solcher Freistellungen kamen: Arbeitskollektive in DDR-Betrieben neigten dazu, jeweils einen einzelnen Mitarbeiter möglichst viele zeitraubende Funktionen (nicht nur der FDJ) "sammeln" zu lassen. Im inoffiziellen Jargon hieß so ein Mitarbeiter, der für die eigentliche Arbeitsaufgabe wertlos geworden war, "Schwarzer Husar".
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"Berufsjugendliche" in der FDJ
So begann die Karriere einer beachtlichen Anzahl später prominenter SED-Funktionäre: Erich Honecker, Egon Krenz, der "Wende"-Politiker Wolfgang Berghofer - um nur einige bekanntere Namen zu nennen. Das konnte relativ weit unten anfangen, in einer der FDJ-Kreisleitungen. Gewiss war der eher niedrige Status des Sekretärs einer Kreisleitung keine Aufstiegsgarantie: Viele Jungkader scheiterten, verloren das Interesse, oder wurden wegen "Fehlverhaltens" geschasst.
Die Zahl der FDJ-Kreisleitungen, mit jeweils vier bis sieben Sekretären, entsprach der Anzahl der Kreise in der DDR, hinzu kamen Kreisleitungen in besonderen Betrieben, Institutionen und in Ministerien. Über den Kreisleitungen standen die Bezirksleitungen der FDJ, diesen übergeordnet war der Zentralrat mit 120 bis 140 "Wahl"-Mitgliedern. Zum Funktionärsapparat allein des Zentralrats gehörten noch einmal ungefähr 400 hauptamtliche Mitarbeiter.
Die Gesamtzahl der hauptamtlichen FDJ-Funktionäre ist unbekannt. Ebenso unbekannt, und kaum zu erfassen, ist die Zahl der Arbeitsstunden, die für nebenamtliche Tätigkeiten draufgingen. DDR-Soziologen sprachen hinter vorgehaltener Hand vom "fliegenden Scheunentor": ein gewaltiges, unproduktives Gewicht, das eben zu schwer ist, um wirklich "fliegen" zu können.
Die Zahl der FDJ-Kreisleitungen, mit jeweils vier bis sieben Sekretären, entsprach der Anzahl der Kreise in der DDR, hinzu kamen Kreisleitungen in besonderen Betrieben, Institutionen und in Ministerien. Über den Kreisleitungen standen die Bezirksleitungen der FDJ, diesen übergeordnet war der Zentralrat mit 120 bis 140 "Wahl"-Mitgliedern. Zum Funktionärsapparat allein des Zentralrats gehörten noch einmal ungefähr 400 hauptamtliche Mitarbeiter.
Die Gesamtzahl der hauptamtlichen FDJ-Funktionäre ist unbekannt. Ebenso unbekannt, und kaum zu erfassen, ist die Zahl der Arbeitsstunden, die für nebenamtliche Tätigkeiten draufgingen. DDR-Soziologen sprachen hinter vorgehaltener Hand vom "fliegenden Scheunentor": ein gewaltiges, unproduktives Gewicht, das eben zu schwer ist, um wirklich "fliegen" zu können.



