Ungebetene Gäste
In Schlesien, diesem Berührungsgebiet verschiedener Kulturen, lebten die Menschen jahrhundertelang mehr oder weniger friedlich nebeneinander. Am Ende des Zweiten Weltkriegs aber standen Flucht und Vertreibung.Fast 12 Millionen Menschen mussten ihre Heimat im Osten verlassen. (Bild: DHM)
Das letzte Kapitel
Gegen Ende des Krieges, im Frühjahr 1945, begann dann das zweite und letzte Kapitel der großen Tragödie: Stalin verschob ein ganzes Land, Polen, rigoros um einige hundert Kilometer gen Westen. Dessen Ostterritorien gelangten in russischen Besitz; im Westen sollte sich der bereits von der Sowjetunion abhängige Staat an Gebieten des besiegten Deutschland schadlos halten. Im Oktober 1946 erfassen die Alliierten bei einer Volkszählung 9,6 Millionen deutsche Flüchtlinge aus dem Osten, bald werden es 12 Millionen sein - darunter etwa 4 Millionen aus Schlesien.
Ein Charakteristikum
Die Gestalt des Flüchtlings avancierte zu einem Charakteristikum der deutschen Nachkriegsgesellschaft. Vielgestaltigkeit und enorme Anzahl gedruckter Quellen, die über Ursachen und Konsequenzen von Flucht und Vertreibung, Aufnahme und Sesshaftwerdung, Aufschluss zu geben suchen, belegen dies. Auch Künstler und Literaten nahmen sich des Themas an - lange vor dem journalistischen Boom, den die Sache heute erfährt.
Im Scherbenhaufen
Im Scherbenhaufen, den das Naziregime hinterlassen hatte, suchten 12 Millionen Vertriebene Wohnraum, Kleidung und Nahrung. Weitere 11 Millionen Deutsche, nach und nach zurückkehrende ehemalige Kriegsgefangene, und geschätzte 10 Millionen Zivilisten, die im deutschen Restland selbst heimatlos geworden waren, vergrößerten das Chaos: Zwei von fünf Deutschen, vermutet man, befanden sich bei Ende des Krieges nicht an ihrem Heimatort. "Nie war die Zukunft in Deutschland so wenig vorhersehbar, nie das Chaos so allgegenwärtig wie im Frühjahr 1945", beschreibt der Geschichtswissenschaftler Heinrich August Winkler die Situation.
Ungebetene Kostgänger
Die Flüchtlinge werden kurzzeitig in Lagern, teils aber auch in Privathäusern untergebracht - häufig kommt es zu Schwierigkeiten im Zusammenleben mit Alteingesessenen. Nicht gerade herzlich treten die den Flüchtlingen oftmals entgegen: "Viele Einheimische und manche lokale Behörden sahen sie als ungebetene Kostgänger einer Zusammenbruchsgesellschaft", bestätigt der Historiker Uwe Kleinert.
Beleidigungen und Schikanen
Diffamierende Beschimpfungen wie "Staatsfaulenzer" und "Evakuierungsgesindel" machen die Runde, als staatliche Maßnahmen Eigentümer von Wohnraum zur Aufnahme der Flüchtlinge zwingen. "Weitere zahlreiche Beleidigungen und Schikanen dürfen wohl als Versuch angesehen werden, einer heimatlos gewordenen Familie den Aufenthalt im Hause zu verekeln", liest man in einer fränkischen Lokalzeitung aus dem Jahr 1947.
Zwangsintegration und Akzeptanz
Den entscheidenden Anstoß zur Eingliederung der Flüchtlinge gab erst der rapide wirtschaftliche Aufschwung, das so genannte deutsche "Wirtschaftswunder" ab Mitte der 1950er Jahre, und der daraus resultierende Bedarf an Arbeitskräften. Dennoch ging es von der staatlich angeordneten Zwangsintegration zur tatsächlichen Akzeptanz der neuen Bürger - sozusagen eine erste deutsche Einigung - äußerst schleppend voran. Denn Integration, so die soziologische Definition, ist nicht bloßes Zusammenfügen von Gliedern. Sie ist erst dann als gelungen anzusehen, wenn Einheit mehr ist als die Summe der vereinigten Teile.
Susanne Fetter/Michael Schmittbetz (aktualisiert 26.02.2010)
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Zentrum gegen Vertreibungen
Seit Jahren steht die Errichtung eines Dokumentationszentrums zu den Vertreibungen im Europa des Zwanzigsten Jahrhunderts in der Diskussion. 2000 wurde die Stiftung Zentrum gegen Vertreibungen gegründet. Sie hat das Ziel, eine solche Gedenkstätte in Berlin zu schaffen.
Doch diese Idee stieß vor allem in Polen und Tschechien auf Ablehnung, da man dort befürchtet, ein solches Projekt könnte Geschichte relativieren. Als Alternative gründete die damalige rot-grüne Regierung 2005 zusammen mit Polen, Ungarn und der Slowakei ein Europäisches Netzwerk Erinnerung und Solidarität, das der gemeinsamen Erforschung und Erinnerung an die Vertriebenengeschichte im Zwanzigsten Jahrhundert dienen sollte.
Nach der Bundestagswahl einigten sich Union - die sich von Anfang an für ein Vertriebenenzentrum in Berlin ausgesprochen hatte - und SPD auf einen Kompromiss: Im "Geiste der Versöhnung" wolle man in Berlin ein sichtbares Zeichen setzen, um in Verbindung mit dem Europäischen Netzwerk Erinnerung und Solidarität über die bisher beteiligten Länder Polen, Ungarn und Slowakei hinaus an das Unrecht von Vertreibungen zu erinnern und Vertreibung für immer zu ächten.
Unter Federführung von Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) wurde daraufhin ein Konzept für die Gedenkstätte ausgearbeitet. Die Ausstellungs- und Dokumentationsstätte zur Erinnerung und zum Gedenken an Flucht und Vertreibung soll im Deutschlandhaus am Anhalter Bahnhof in Berlin entstehen. Auf etwa dreitausend Quadratmetern wird die Dauerausstellung vor allem über die rund 14 Millionen deutschen Vertriebenen, aber auch über das Schicksal von Flüchtlingen anderer Nationen informieren.
Mit der Gründung der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung wurden im Dezember 2008 die rechtlichen Grundlagen geschaffen. Nach Beilegung des Streits um die Nominierung der Präsidentin des Bundes der Vertriebenen (BdV), Erika Steinbach, für einen Sitz im Stiftungsrat, erhöht sich die Zahl der Ratsmitglieder von bisher 13 auf 21.
Neben den künftig sechs BdV-Mitgliedern gehören dem Stiftungsrat Vertreter des Bundestags, der Regierung, der evangelischen und der katholischen Kirchen, des Zentralrats der Juden sowie die Präsidenten der Stiftungen Deutsches Historisches Museum sowie Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland an.
Doch diese Idee stieß vor allem in Polen und Tschechien auf Ablehnung, da man dort befürchtet, ein solches Projekt könnte Geschichte relativieren. Als Alternative gründete die damalige rot-grüne Regierung 2005 zusammen mit Polen, Ungarn und der Slowakei ein Europäisches Netzwerk Erinnerung und Solidarität, das der gemeinsamen Erforschung und Erinnerung an die Vertriebenengeschichte im Zwanzigsten Jahrhundert dienen sollte.
Nach der Bundestagswahl einigten sich Union - die sich von Anfang an für ein Vertriebenenzentrum in Berlin ausgesprochen hatte - und SPD auf einen Kompromiss: Im "Geiste der Versöhnung" wolle man in Berlin ein sichtbares Zeichen setzen, um in Verbindung mit dem Europäischen Netzwerk Erinnerung und Solidarität über die bisher beteiligten Länder Polen, Ungarn und Slowakei hinaus an das Unrecht von Vertreibungen zu erinnern und Vertreibung für immer zu ächten.
Unter Federführung von Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) wurde daraufhin ein Konzept für die Gedenkstätte ausgearbeitet. Die Ausstellungs- und Dokumentationsstätte zur Erinnerung und zum Gedenken an Flucht und Vertreibung soll im Deutschlandhaus am Anhalter Bahnhof in Berlin entstehen. Auf etwa dreitausend Quadratmetern wird die Dauerausstellung vor allem über die rund 14 Millionen deutschen Vertriebenen, aber auch über das Schicksal von Flüchtlingen anderer Nationen informieren.
Mit der Gründung der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung wurden im Dezember 2008 die rechtlichen Grundlagen geschaffen. Nach Beilegung des Streits um die Nominierung der Präsidentin des Bundes der Vertriebenen (BdV), Erika Steinbach, für einen Sitz im Stiftungsrat, erhöht sich die Zahl der Ratsmitglieder von bisher 13 auf 21.
Neben den künftig sechs BdV-Mitgliedern gehören dem Stiftungsrat Vertreter des Bundestags, der Regierung, der evangelischen und der katholischen Kirchen, des Zentralrats der Juden sowie die Präsidenten der Stiftungen Deutsches Historisches Museum sowie Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland an.




