Bild einer französischen Freimaurerloge des 19. Jahrhunderts. Über ihr wacht symbolisch das dreieckige Auge.
Der Raue Stein
"Seit über fünfzehn Jahren suche ich nach meinem spirituellen Weg. Könnte mich die Zugehörigkeit in einer Freimaurerloge weiterbringen?" fragte ein männlicher Interessent auf der Website der Vereinigten Großlogen von Deutschland. Seine Suche im riesigen "Esoteriksupermarkt der Zeit" sei bisher erfolglos verlaufen, hätte ihn aber direkt zu den Freimaurern geführt und nun wolle er gern als Mitglied einer Loge die "größere Wahrheit und Wirklichkeit" erfahren.Lebensschule Freimaurerei
Die Antwort hat ihn sicherlich enttäuscht, seine Suche wird er wohl fortsetzen müssen. "Freimaurerei ist eine Lebensschule und ein absolut diesseits orientierter Lebensbund, der keine endgültigen Wahrheiten vermitteln kann und mehr Fragen stellt als er Antworten geben kann," so die Erwiderung des Experten, der ihm zugleich die Religion zwecks Orientierung nahelegt.
Sektenähnlich?
Dem Mann wurde geantwortet, doch der Leser bleibt fragend zurück. Wie kommt der Bittsteller darauf, dass Freimaurerlogen esoterische Vereine seien, ähnlich mancher religiösen Sekte oder heilpädagogischen Selbsthilfegruppe? Und, viel spannender: Was sind die Freimaurer denn nun wirklich? Was steckt hinter jenem "diesseits orientierten Lebensbund"?
Geheimer Orden?
Widersprüchliche Vorstellungen prägen das Bild der Freimaurerei vom Anbeginn ihrer Geschichte, die selbst im Dunklen liegt. Ein geheimer Orden seien sie; "Gottesleugner" und "Weltverschwörer" gar schimpfen sie ihre Gegner. Als höchsten Ausdruck aufgeklärten Denkens, bürgerlich-reformerisch, ständeübergreifend und tolerant begreifen sich die Freimaurer selbst.
Der Raue Stein: Symbol für den einzelnen Freimaurer. Jeder Tag gehört intensiver Arbeit, um ihn zum Kubus zu schlagen.
Zur "königlichen Kunst" krönen sie ihre Arbeit, deren Ziel der neue, bessere, moralisch und in puncto Bildung hochstehende, tolerante Mensch sei. Metaphorisch überhöht werde dieser, aus "rauem Stein" geschlagen, durch ständige Bearbeitung zum geschliffenen Kubus. "Nur wer sich strebend stets bemüht, den können wir erlösen," erklärte der bekennende Freimaurer Goethe einst. Konsequent bearbeitet jeder Freimaurer zuerst das eigene Ich, um dann gemeinsam mit den Brüdern symbolisch am "Tempel der Humanität" zu mauern.
Entliehen sind solch handwerkliche Begriffe den Steinmetzgilden und Bauhütten des Mittelalters. Dort erhielten Lehrlinge und Gesellen praktische sowie theoretische Ausbildung. Die Aufnahme erfolgte durch Initiationsriten, Verschwiegenheit galt als oberstes Gebot. Die Bauhütten forderten gegenseitige Unterstützung und Treue und boten im Gegenzug soziale, rechtliche sowie politische Absicherung. Im Schutz der Vereinigung genossen die Mitglieder das Privileg der freien Diskussion und der Unabhängigkeit von landeshoheitlicher Reglementierung, was die Bauhütten seit dem 17. Jahrhundert und der beginnendenden Aufklärung auch für Nicht-Handwerker anziehend machte...
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Infobox
Winkelmaß und Zirkel sind die wichtigsten Symbole der Freimaurerei. Ersteres prägt das rechte Handeln des Freimaurers und symbolisiert das Gewissen. Der Zirkel steht für die Beziehung des Freimaurers zu seinen Brüdern und für seine Liebe zur gesamten Menschheit. Der Zollstab zeigt das richtige Maß aller Dinge und Handlungen, während das Senkblei Wahrheit und Geradheit des Denkens und Handelns verkörpern. Für die Arbeit am Rauen Stein ist der Spitzhammer bezeichnend. Der völlig unbehauene und Raue Stein stellt den Lehrling dar. Über ihm steht der Geselle, der bereits am kubischen Stein arbeitet. Auf der höchsten Stufe der Einweihung steht der Meister. Er arbeitet am Reißbrett. Meister vom Stuhl heißen die Vorsteher und Leiter der Loge. Diese drei Hauptgrade entstammen der traditionellen Blauen Johannismaurerei und wurden von anderen Logen zum Teil zu Rangordnungen von bis zu dreißig verschiedenen Graden verfeinert.


