General im Zwielicht
Wer war Generalfeldmarschall Paulus? War er borniert, Opportunist, oder jemand, der spät, aber nicht zu spät zur Einsicht kam? Vielleicht stimmt von allem ein wenig.General Friedrich Paulus, im Juni 1942 in Charkow: Noch ist die 6. Armee auf dem Vormarsch. (Bild: Bundesarchiv, Lizenz: CreativeCommons)
Da erreicht den Oberbefehlshaber der 6. Armee, Friedrich Paulus, ein Funkspruch aus dem Führerhauptquartier: Hitler befördert den 52jährigen Generaloberst zum Generalfeldmarschall.
Das Monokel im Auge
Der Sinn der Botschaft ist dem Empfänger und allen Beteiligten klar: Paulus hat Selbstmord zu begehen! Denn ein deutscher Generalfeldmarschall ergibt sich nicht. Zwei Tage später, sowjetische Soldaten stehen schon auf der Kellertreppe, hebt Paulus, das Monokel im Auge, mit seinem engsten Stab die Hände.
Hätte der im letzten Augenblick beförderte Oberbefehlshaber Hitlers Aufforderung zum Selbstmord Folge geleistet, dann wäre die große Geschichte kaum anders verlaufen: Stalins Sieg über Hitler, der Sieg der Roten Armee über Hitlers Truppen, stand seit Stalingrad fest. Der lebende Paulus aber fügte dieser Geschichte eine Nuance hinzu - und gab der Nachwelt Anlass für Urteile, die widersprüchlicher nicht sein könnten.
Die Reichswehr, hier bei einer Parade im Jahr 1930, war Paulus' berufliche Heimat. (Bundesarchiv, CreativeCommons)
Bis weit ins Jahr 1942 hinein verlief das Leben des 1890 geborenen Friedrich Paulus wie das manch anderen deutschen Offiziers: Bewährung als Leutnant im Ersten Weltkrieg, Hauptmann, eingesetzt meist als Adjutant und in Stabspositionen; während der Weimarer Republik beim Grenzschutz Ost, später Taktiklehrer einer Reichswehrdivision.
Kurz nach der Machtergreifung der Nazis avancierte Paulus zum Oberst und Chef des Generalstabs der Kraftfahrtruppen. Vier Jahre darauf ist der strebsame Offizier, der ein elitäres Geltungsbewusstsein pflegt, Generalmajor.
Die Stabskarriere scheint Paulus' Bestimmung zu sein: Telefon, Lagekarte und Grüner Tisch. Der 1. September 1939 sieht Paulus als Generalstabschef der 10. Armee. Dieser Truppenteil wird nach dem Sieg über Polen in 6. Armee umbenannt. Paulus rückt auf zum Oberquartiermeister I beim Generalstab des Heeres. Als solcher wirkt er mit am Plan Barbarossa und berät Rommel in Nordafrika. Endlich, im Januar 1942, ernennt man den Karriereoffizier zum Oberbefehlshaber der 6. Armee - sein erstes Kommando eines militärischen Verbands: Von jetzt an ist er mehr als lediglich Strategie-Experte, von jetzt an trifft er strategische Entscheidungen und haftet dafür.
Russland, Oktober 1941: Paulus (zweiter von links) bei einer Lagebesprechung mit Hitler. (Bundesarchiv, CreativeCoomons)
Die rund 300.000 Mann der 6. Armee gelten als Heereselite. Während der siegreichen Schlacht um Charkow, beim Vormarsch in Russland, verteidigt die Armee ihren Ruf. Paulus bringt Zweifel an seiner Kompetenz zum Verstummen. Dennoch, er bleibt, was er immer war: rechenhafter Stratege eher als mitreissender Anführer, Schachspieler-Naturell, jemand, der stets hinreichende Gründe braucht, der selten intuitiv, aus dem Bauch heraus handelt. Gewiss ist nicht Paulus schuld, dass die 6. Armee zum Jahresende 1942 in ihre missliche Lage gerät.
Ursache ist eine verfehlte Strategie, ein Überschätzen, bald ein Aufsplittern der eigenen Kräfte. Schuld sind Prestigesucht und Starrheit des militärischen Denkens, wofür, da sind sich die Generale einig, vor allem Hitler verantwortlich ist. Aber was jetzt? Paulus plädiert für den Rückzug, also für den Durchbruch durch die russischen Truppenmassen, die er im Rücken hat. Hitler stimmt zu, verbietet aber das Lösen vom Feind in der ursprünglichen Richtung des Angriffs: Rückzug ohne Rückzug gewissermaßen, was nicht geht. Stattdessen: Versorgung per Lufttransport. Die eingeschlossene Armee verhungert und blutet aus. Langsam und sicher.
Recht und Unrecht
Paulus resigniert. Andere ergreifen das Heft des Handelns: Zu nennen ist Generalmajor Arthur Schmidt, Paulus' Stabschef, energisch, eine Führernatur. Schmidt befolgt Hitlers Haltebefehle. Militärisch hat der rangniedere, aber duchsetzungsfähigere General Recht und Unrecht zugleich: Unrecht für die 6. Armee, die er dem Untergang weiht, Unrecht auch mit Blick auf den schließlich verlorenen Krieg; Recht hat er mit Blick auf Mansteins Heeresgruppe Don, auf den ganzen Südflügel der Ostfront, der zerschlagen würde, gäbe die 6. Armee den Widerstand vorzeitig auf.
Der Opfertod der Armee, für Schmidt eine Selbstverständlichkeit, überfordert den Rechner Paulus. In verzweifelter Situation ist der Fanatiker dem Zauderer überlegen, setzt seinen Willen durch, hält stand bis die schiere Masse des Feindes ihn überrennt.
Fanatiker und Zauderer allerdings bleiben beide am Leben. Gefangener zu sein, dass kommt Paulus' Zaudern entgegen: Gar nichts tun, Haltung zeigen, sich auf nichts einlassen, das gehört sich so für kriegsgefangene Militärs, entspricht dem eingeübten Wertesystem.
"Herr Generalfeldmarschall"
Andererseits, vom Anfang der Gefangenschaft an sind Paulus und seine Generale Privilegierte: medizinisch versorgt, gut verpflegt, bequem untergebracht. Paulus behält Ordonnanz, Koch und Diener; seine Bewacher sprechen ihn an mit "Herr Generalfeldmarschall". Man will etwas von ihm. Was, das geht hervor aus Tausenden Seiten von Protokollen - Spitzelberichte, Verhöre, "harmlose" Gespräche -, die das NKWD, Stalins Geheimdienst, im Laufe der Jahre anlegen lässt...
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Infobox
Operation Blau
Strategische Fehlurteile führten zur Niederlage des deutschen Heeres bei Stalingrad: Trotz erheblicher Bedenken im Oberkommando des Heeres (OKH) ging Hitler im Sommer und Herbst 1942 davon aus, dass der sowjetische Gegner seine personellen Reserven weitgehend aufgebraucht habe. Ein Irrtum!
Trotz Verlusten von rund vier Millionen Mann standen den deutschen Truppen noch fast 16 Millionen Sowjetbürger im waffenfähigen Alter gegenüber. Die Rüstungsindustrie hinter dem Ural arbeitete auf vollen Touren.
Basierend auf seiner Fehleinschätzung befahl Hitler, Stalingrad und den Kaukasus gleichzeitig anzugreifen. Einerseits ging es ihm um Prestigegewinn und um das Abschneiden der Wolga bei Stalingrad als Transportweg, anderseits war die Besetzung der kaukasischen Ölfelder für die langfristige Perspektive des Krieges unabdingbar.
Die Heeresgruppe Süd wurde aufgespalten in die Heeresgruppen A, Richtung Kaukasus, und B. Wegen Kräfteverschiebungen verfügte die Heeresgruppe B, deren Aufgabe die Einnahme von Stalingrad war, letztlich nur noch über die 6. Armee als Angriffspotenzial.
Im entscheidenden Stadium dieser so genannten Operation Blau trat also ein seit langem bekanntes und beim Vorgehen der Wehrmacht in Russland absehbares Phänomen auf: strategische Überdehnung der Fronten.
Der 6. Armee gelang es im Zusammenwirken mit der 4. Panzerarmee Stalingrad zu 90 Prozent zu besetzen. Im anhaltenden Häuserkampf lag nun die mächtigste Offensivkraft der Wehrmacht an exponierter Stelle fest und fiel für bewegliche Operationen aus.
Dieser schwere taktische Fehler erlaubte es der sowjetischen Seite, über Wochen hinweg Angriffstruppen an den Flanken der 6. Armee zu sammeln. Dort standen fast ausschließlich rumänische und italienische Divisionen. Während der Operation Uranus überrannten die sowjetischen Angriffstruppen die schwachen Verteidiger. Deutsche Reserven, um die Angriffe zu stoppen, gab es zunächst kaum.
Innerhalb von fünf Tagen war der Ring um die deutschen Truppen in und bei Stalingrad geschlossen. Eingekesselt war allerdings nicht die gesamte 6. Armee, sondern ungefähr zwei Drittel ihres Gesamtbestandes von ungefähr 300.000 Mann. Weiterhin in den Kessel gerieten Teile der 4. Panzerarmee und rumänische Regimenter.
Trotz Verlusten von rund vier Millionen Mann standen den deutschen Truppen noch fast 16 Millionen Sowjetbürger im waffenfähigen Alter gegenüber. Die Rüstungsindustrie hinter dem Ural arbeitete auf vollen Touren.
Basierend auf seiner Fehleinschätzung befahl Hitler, Stalingrad und den Kaukasus gleichzeitig anzugreifen. Einerseits ging es ihm um Prestigegewinn und um das Abschneiden der Wolga bei Stalingrad als Transportweg, anderseits war die Besetzung der kaukasischen Ölfelder für die langfristige Perspektive des Krieges unabdingbar.
Die Heeresgruppe Süd wurde aufgespalten in die Heeresgruppen A, Richtung Kaukasus, und B. Wegen Kräfteverschiebungen verfügte die Heeresgruppe B, deren Aufgabe die Einnahme von Stalingrad war, letztlich nur noch über die 6. Armee als Angriffspotenzial.
Im entscheidenden Stadium dieser so genannten Operation Blau trat also ein seit langem bekanntes und beim Vorgehen der Wehrmacht in Russland absehbares Phänomen auf: strategische Überdehnung der Fronten.
Der 6. Armee gelang es im Zusammenwirken mit der 4. Panzerarmee Stalingrad zu 90 Prozent zu besetzen. Im anhaltenden Häuserkampf lag nun die mächtigste Offensivkraft der Wehrmacht an exponierter Stelle fest und fiel für bewegliche Operationen aus.
Dieser schwere taktische Fehler erlaubte es der sowjetischen Seite, über Wochen hinweg Angriffstruppen an den Flanken der 6. Armee zu sammeln. Dort standen fast ausschließlich rumänische und italienische Divisionen. Während der Operation Uranus überrannten die sowjetischen Angriffstruppen die schwachen Verteidiger. Deutsche Reserven, um die Angriffe zu stoppen, gab es zunächst kaum.
Innerhalb von fünf Tagen war der Ring um die deutschen Truppen in und bei Stalingrad geschlossen. Eingekesselt war allerdings nicht die gesamte 6. Armee, sondern ungefähr zwei Drittel ihres Gesamtbestandes von ungefähr 300.000 Mann. Weiterhin in den Kessel gerieten Teile der 4. Panzerarmee und rumänische Regimenter.
Infobox
Bund deutscher Offiziere
Auf Veranlassung des NKWD gründeten 95 deutsche Kriegsgefangene am 11. und 12. September 1953 im Lager Lunowo bei Moskau den Bund deutscher Offiziere (BDO). Ihr politisches Motiv war die Hoffnung, nach der absehbaren militärischen Niederlage zur Erhaltung des Deutschen Reiches beitragen zu können.
Das Mittel sollte die Kooperation mit der Sowjetunion sein. Der BDO wurde kurz nach der Gründung mit dem bereits bestehenden Nationalkomitee Freies Deutschland (NKFD) zusammengeschlossen, dem auch Soldaten und Zivilisten angehörten.
Mitglieder des BDO riefen mit Flugblättern, Radiosendungen und per Lautsprecher deutsche Soldaten zum Überlaufen auf. In Briefen an ihnen persönlich bekannte Kommandeure versuchten sie, Überzeugungsarbeit zu leisten. Das Projekt, aus Kriegsgefangenen eine Freiwilligenformation gegen Hitler zu bilden, blieb in den Ansätzen stecken.
General Walther von Seydlitz-Kurzbach, "Präsident" des BDO, setzte sich für ein Deutschland in den Grenzen von 1937 ein, das seine Einheit bewahren sollte. Mit der alliierten Forderung Ende 1943 auf der Konferenz von Teheran nach bedingungsloser Kapitulation Deutschlands verlor der BDO entschieden an Glaubwürdigkeit. Stalin löste den BDO im November 1945 auf.
Das Mittel sollte die Kooperation mit der Sowjetunion sein. Der BDO wurde kurz nach der Gründung mit dem bereits bestehenden Nationalkomitee Freies Deutschland (NKFD) zusammengeschlossen, dem auch Soldaten und Zivilisten angehörten.
Mitglieder des BDO riefen mit Flugblättern, Radiosendungen und per Lautsprecher deutsche Soldaten zum Überlaufen auf. In Briefen an ihnen persönlich bekannte Kommandeure versuchten sie, Überzeugungsarbeit zu leisten. Das Projekt, aus Kriegsgefangenen eine Freiwilligenformation gegen Hitler zu bilden, blieb in den Ansätzen stecken.
General Walther von Seydlitz-Kurzbach, "Präsident" des BDO, setzte sich für ein Deutschland in den Grenzen von 1937 ein, das seine Einheit bewahren sollte. Mit der alliierten Forderung Ende 1943 auf der Konferenz von Teheran nach bedingungsloser Kapitulation Deutschlands verlor der BDO entschieden an Glaubwürdigkeit. Stalin löste den BDO im November 1945 auf.



