Hitlers Experten
Sie sahen sich als "unpolitische" Offiziere, was manche nicht vor Sympathie für die Nazis bewahrte. Für Hitler war das Können der gestandenen Militärs Voraussetzung seiner Eroberungspolitik.Ernst Röhm: Seine Vorliebe für stramme SA-Männer diente als Vorwand, um ihn zu entmachten - und zu ermorden. (Bundesarchiv, CreativeCommons)
Wir wissen heute, in welch hohem Maß das schaurige Ereignis für die Militärpolitik des "Dritten Reiches" ausschlaggebend war.
Entscheidung für die konservative Elite
Denn bis zu jenem Datum in der Frühzeit des Hitlerstaates standen zwei unvereinbare Entwürfe einander gegenüber: Einerseits Röhms durchaus realistische Idee - der Gedanke einer "revolutionären" nationalsozialistischen "Volksarmee", einer Miliz, rekrutiert aus den damals rund zweieinhalb Millionen Mitgliedern der SA; andererseits Hitlers Vision von der schlagkräftigen, modernen Wehrmacht, deren Kader das professionelle Hunderttausend-Mann-Heer der Reichswehr zu bilden habe.
Hitler, dies eine wichtige Bedeutung des 30. Juni, entschied gegen seine alten Kameraden, für die konservativen Spezialisten, für die weltkriegserfahrenen Generale und Offiziere, mit denen allein er das Instrument künftiger "Lebensraum"-Politik zu schaffen gedachte.
Band der Loyalität
Damit aber waren auch die Weichen gestellt für den Konflikt, für den dauernd schwelenden Streit zwischen dem "Führer" und seinen Militärexperten: Letztere sahen sich ja - in der Mehrheit - weder als Nationalsozialisten noch überhaupt als politisch agierende Personen. Mit Hitler verknüpfte sie zunächst nur das traditionelle Band der Loyalität zum legal gewählten Staatsoberhaupt. Kaum ausreichend ist das im totalitären Weltanschauungsstaat, zu dem Deutschland bald wurde.
Werner von Blomberg: Er heiratete eine Sekretärin aus der Reichseierstelle. Leider hatte diese Dame früher auf Pornofotos posiert. Blombergs Feinde gruben die alte Polizeiakte aus.
(Bundesarchiv, CreativeCommons)
(Bundesarchiv, CreativeCommons)
So musste ein zweiter Akt der militärpolitischen Weichenstellung her, nun gegen die alte konservative Elite: Anfang 1938 traf es Kriegsminister Werner von Blomberg, wenig später Generaloberst Werner von Fritsch, den Oberbefehlshaber des Heeres. Im Fall Blomberg diente die "unehrenhafte" Ehe mit einer Frau "zweifelhaften" Vorlebens als vorgeschobener Grund; Fritsch lastete man - wie einst Röhm, doch unzutreffend - homosexuelle Aktivitäten an.
Die Angegriffenen, rasch zwangspensioniert, machten Hitler Platz, der nun den Oberbefehl über die Wehrmacht persönlich übernahm - ein "trockener 30. Juni", resümiert der Historiker Joachim Fest.
Bedeutsam ist diese Vorgeschichte, weil sie die Bedingungen unwiderruflich festlegte für das unheilvolle Kooperieren "unpolitischer" Militärexperten mit dem Diktator. In der "Nacht der langen Messer" hatten die Militärs aus Eigeninteresse Beihilfe geleistet, hatten Himmlers SS mit Waffen und Logistik unterstützt; in der Doppelaffäre Blomberg-Fritsch waren sie unrühmlich zurückgewichen.
Man war wieder wer
Der Diktator allerdings bot seiner militärischen Elite, was die sich nur wünschen mochte: Die Aufstockung des Mini-Heeres der Weimarer Republik schuf Möglichkeiten des Avancements - aus Leutnants wurden Majore, aus Majoren Generale. Neue Waffen beflügelten den Ehrgeiz und stärkten das Selbstvertrauen; Hitlers unzweifelhafte Erfolge, etwa der Anschluss Österreichs 1938, stimulierten das Nationalgefühl.
Man war wieder wer, und verdankte das - ihm! Der Konflikt, das Spannungsverhältnis zwischen traditionellem Expertentum und "moderner", weltanschaulich geprägter Nazi-Politik, blieb einstweilen überdeckt.
Werner von Fritsch: Homosexualität warf man auch ihm vor. Was nicht stimmte. In seiner Ehre verletzt, reiste der General im September 1939 nach Polen - und lief vor ein polnisches Maschinengewehr. Hitler tobte. (Bundesarchiv, CreativeCommons)
Keiner der beiden war überzeugter Anhänger des Nationalsozialismus. Beide standen - trotz, zumindest was Manstein betrifft, fachlichkritischer Opposition - treu zu ihrem "Führer", und verfolgten nach Niederlage und Gefangenschaft seltsam ähnliche Wege: Der hoch talentierte Manstein setzte seine Expertenrolle fort, und beriet bis 1960 die Bundesregierung beim Aufbau der Bundeswehr. Paulus stellte sich noch ein wenig der DDR zur Verfügung, verzweifelte aber an den politischen Gegebenheiten.
Unvertretbares Risko?
Doch zurück in die Periode vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs! Dem Anschluss Österreichs 1938 gingen voraus die Remilitarisierung des Rheinlands 1936, der Aufbau der Luftwaffe, die allgemeine Wehrpflicht und die einseitige Kündigung der Rüstungsbeschränkungen des Versailler Vertrages.
Spätestens nach der Zerschlagung der Tschechoslowakei Ende 1938 und dem Münchner Abkommen allerdings drohten Hitlers unblutige Siege an ihr Ende zu gelangen: Sollte das politische Grundkonzept des "Führers", die Eroberung von "Lebensraum", weiter vorangetrieben werden, mussten im Osten wie im Westen die Waffen sprechen.
Davor nun zeigten maßgebliche Militärs auffallende Scheu: Den Experten erschien die Gegnerschaft Frankreichs und Englands als unvertretbares Risiko.
Frankreich ist besiegt. Hitler verlässt den Salonwagen, in dem der Waffenstillstand am 22. Juni 1940 unterschrieben wurde - und hält sich für den größten Strategen aller Zeiten!
Dass sie dafür gute Gründe hatten, wird heute oft übersehen: Immerhin war Deutschland rüstungstechnisch und an Zahl der verfügbaren Truppen unterlegen. Der Polenfeldzug ab September 1939 hatte das wirtschaftliche Potenzial bereits aufs Äußerste belastet. Was dem Kalkül der Experten fehlte, war jedoch der politische Blick Hitlers, dem die zutreffendere Einschätzung vor allem des französischen Widerstandswillens gelang.
Auf dem Verlauf des Frankreichfeldzugs Mitte 1940 beruht fortan Hitlers Überzeugung, nicht nur der bessere Politiker, sondern auch ein besserer Stratege zu sein als seine Generäle. Gemeinsam mit dem General der Infanterie von Manstein hatte Hitler höchstpersönlich dessen Plan des "Sichelschnitts" durchgesetzt, also des Durchbruchs mit schnellen Verbänden durch die Ardennen. Hitler war es, der diesen überraschenden Plan - er sollte den Sieg über Frankreich bringen - gegen den Widerstand des Generalstabs zur Weisung erhob.
Briefträger des "Führers"
Mehr und mehr stellte Hitler, der Gefreite aus dem Ersten Weltkrieg, die militärische Kompetenz seiner höchsten Befehlshaber in Frage, und behielt sich letzte Entscheidungen vor, bis hinunter zu den Operationen von Divisionen und Regimentern. Mit dem Oberkommando der Wehrmacht (OKW) und dem Oberkommando des Heeres (OKH) unterhielt Hitler zwei rivalisierende Institutionen; Heeresoberbefehlshaber Walter von Brauchitsch galt später bloß noch als Briefträger des "Führers".
Weg an die Spitze
Desungeachtet klimperten infolge des unerwartet raschen Sieges im Westen die Orden, funkelten neue Tressen auf den Uniformen der Generale: Gleich ein knappes Dutzend erhielt die Marschallstäbe und zählte nun zur höchsten militärischen Führungsschicht. Aus dem Kreis dieser uniformierten Götter kamen wenige Monate später die Oberbefehlshaber der Heeresgruppen gegen die Sowjetunion.
Manstein und Paulus gehörten noch nicht dazu. Der alles in den Schatten stellende Krieg gegen Stalins Sowjetunion aber öffnete auch diesen beiden Militärspezialisten den Weg an die Spitze. Dort werden sie - nach ungeheuren Triumphen - scheitern, am Gegner und an jenem Grundkonflikt, den das widerspruchsvolle Zusammenspiel von Expertentum und politischer Überhebung mit sich brachte.
Michael Schmittbetz (aktualisiert 13.10.2011)
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Erich von Lewinsky,...
genannt von Manstein (1887 bis 1973), bekam den Marschallstab im Juli 1942, nach der Eroberung der Krim und der Festung Sewastopol. Der Spezialist für bewegliche Operationen vertrat die Theorie, dass ein Befehlshaber Schwerpunkte zu bilden und an anderen Stellen kalkulierte Risiken einzugehen habe.
Mitte Dezember 1942 scheiterte Mansteins letzter Versuch, als Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Don die 6. Armee des Generalobersten Paulus aus dem Stalingrader Kessel zu befreien.
Ein britisches Militärgericht verurteilte Manstein 1949 zu zwölf Jahren Haft, wovon er aber nur drei Jahre absaß. Der Fonds für seine Verteidigung wurde unterstützt vom ehemaligen britischen Premierminister Churchill, der diese Art von "Siegerjustiz" ablehnte.
genannt von Manstein (1887 bis 1973), bekam den Marschallstab im Juli 1942, nach der Eroberung der Krim und der Festung Sewastopol. Der Spezialist für bewegliche Operationen vertrat die Theorie, dass ein Befehlshaber Schwerpunkte zu bilden und an anderen Stellen kalkulierte Risiken einzugehen habe.
Mitte Dezember 1942 scheiterte Mansteins letzter Versuch, als Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Don die 6. Armee des Generalobersten Paulus aus dem Stalingrader Kessel zu befreien.
Ein britisches Militärgericht verurteilte Manstein 1949 zu zwölf Jahren Haft, wovon er aber nur drei Jahre absaß. Der Fonds für seine Verteidigung wurde unterstützt vom ehemaligen britischen Premierminister Churchill, der diese Art von "Siegerjustiz" ablehnte.
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Friedrich Paulus (1890 bis 1957)...
erhielt den Rang eines Generalfeldmarschalls im Januar 1943 aus einem einzigen Grund: als Aufforderung zum Selbstmord. Dass Paulus diese "Lösung" verweigerte und stattdessen im Kessel von Stalingrad in sowjetische Gefangenschaft ging, hat Hitler ihm nie verziehen.
Paulus kapitulierte überdies nur, um sein und seiner näheren Umgebung Weiterleben zu sichern. Die Masse seiner 6. Armee hatte er in penibler Ausführung von Hitlers Befehlen geopfert. Diskutabel sind Paulus Aussagen während der Nürnberger Prozesse 1946: Als Generalstäbler war er federführend am Kriegsplan gegen die Sowjetunion beteiligt, und verwendete Teile seines Wissens, um die sowjetische Seite vom Verdacht, selbst aggressive Absichten gehegt zu haben, reinzuwaschen.
1953 zurückgekehrt in die noch junge DDR, stand Paulus unter geheimdienstlicher Aufsicht. Paulus starb am 1. Februar 1957 in seiner Dresdner Villa. Die DDR gewährte ihm ein militärisches Begräbnis.
erhielt den Rang eines Generalfeldmarschalls im Januar 1943 aus einem einzigen Grund: als Aufforderung zum Selbstmord. Dass Paulus diese "Lösung" verweigerte und stattdessen im Kessel von Stalingrad in sowjetische Gefangenschaft ging, hat Hitler ihm nie verziehen.
Paulus kapitulierte überdies nur, um sein und seiner näheren Umgebung Weiterleben zu sichern. Die Masse seiner 6. Armee hatte er in penibler Ausführung von Hitlers Befehlen geopfert. Diskutabel sind Paulus Aussagen während der Nürnberger Prozesse 1946: Als Generalstäbler war er federführend am Kriegsplan gegen die Sowjetunion beteiligt, und verwendete Teile seines Wissens, um die sowjetische Seite vom Verdacht, selbst aggressive Absichten gehegt zu haben, reinzuwaschen.
1953 zurückgekehrt in die noch junge DDR, stand Paulus unter geheimdienstlicher Aufsicht. Paulus starb am 1. Februar 1957 in seiner Dresdner Villa. Die DDR gewährte ihm ein militärisches Begräbnis.
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Höchstens eine Fußnote...
der Geschichte war das Attentat vom 20. Juli 1944 - der rigorose, überwiegend von Stabsoffizieren getragene Widerstand gegen Hitler - für die unmittelbare Nachwelt: Die New York Times fühlte sich am 9. August 1944 an die Atmosphäre einer "finsteren Verbrecherwelt" erinnert. Churchill qualifizierte das Geschehen vor dem Britischen Unterhaus gar als "Ausrottungskampf unter Nazi-Würdenträgern".
Und Ilja Ehrenburg schrieb im Roten Stern: "Unsere Armeen sind ohnehin schneller als das Gewissen der Fritzen." Während der Nachkriegszeit wurden die Verschwörer um Stauffenberg nicht nur von Nazi-Mitläufern als Verräter beschimpft; auch die alliierte Propaganda schwieg sie tot. Bis zur Neubewertung des Attentats als heldenhafte, verzweifelte Tat brauchte es Jahrzehnte.
der Geschichte war das Attentat vom 20. Juli 1944 - der rigorose, überwiegend von Stabsoffizieren getragene Widerstand gegen Hitler - für die unmittelbare Nachwelt: Die New York Times fühlte sich am 9. August 1944 an die Atmosphäre einer "finsteren Verbrecherwelt" erinnert. Churchill qualifizierte das Geschehen vor dem Britischen Unterhaus gar als "Ausrottungskampf unter Nazi-Würdenträgern".
Und Ilja Ehrenburg schrieb im Roten Stern: "Unsere Armeen sind ohnehin schneller als das Gewissen der Fritzen." Während der Nachkriegszeit wurden die Verschwörer um Stauffenberg nicht nur von Nazi-Mitläufern als Verräter beschimpft; auch die alliierte Propaganda schwieg sie tot. Bis zur Neubewertung des Attentats als heldenhafte, verzweifelte Tat brauchte es Jahrzehnte.



