Exekution 1942 im ukrainischen Winniza: der Unterschied zwischen loyalen Polizeibeamten und perversen Sadisten verwischte.
Sozialneid, der edle Zweck, geschäftliche oder berufliche Konkurrenten auszuschalten, Eifersucht - solche Motive rangierten bei den häufig unerwünschten Denunziationen, welche die Gestapo herausfilterte und die meist keine Verfolgung auslösten, an prominenter Stelle.
Die etablierte Mitte
Motivation und soziale Herkunft der Denunzianten hat Jan Ruckenbiel in seiner im Jahr 2003 veröffentlichten Dissertation analysiert. Aufschlussreich ist hier unter anderem die Feststellung, "dass ein großer Anteil politisch Verfolgter eher dem Rand als der Mitte der Gesellschaft zuzurechnen war. Diese Beobachtung", schreibt Ruckenbiel gelinde naiv, "korrespondierte so gar nicht mit den positiv besetzten Vorstellungen von Menschen, die gegen den Nationalsozialismus protestierten." Denunzianten hingegen kamen - wie ihre Ansprechpartner im Amt - nicht zuletzt aus der etablierten Mitte.
Zur Geschichte der nationalsozialistischen Unterdrückungsmaschinerie gehört gewiss mehr, als das hier ins Zentrum gestellte Wirken der Gestapo vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Ausgehend auch von 1936 quasi gesetzlich fixierter Rechtlosigkeit gegenüber Maßnahmen der Gestapo, nahm die Brutalität des bürokratischen Apparats während der Folgejahre dramatisch zu. Eine wichtige Rolle spielte dabei die immer engere Verflechtung von Gestapo, Kripo, SS, SD und grüner Ordnungspolizei von 1939 an unter dem Dach des Reichssicherheitshauptamts (RSHA).
Massenhaftes Töten
Ohne mitteleuropäisches Beispiel ist - ab Ende 1939 - das Wüten der zum Teil aus Gestapo-Angehörigen bestehenden "Einsatzgruppen" in den besetzten Gebieten. Der einst gehütete Unterschied zwischen im Selbstverständnis loyalen, pflichtgetreuen Polizeibeamten und perversen Sadisten verwischte dort - beim massenhaften Töten von Juden, Partisanen und sonstigen unliebsamen Bevölkerungsschichten. Dabei gemachte Radikalisierungserfahrungen hatten - wie zahlreiche weitere Untersuchungen zeigen - Rückwirkungen auf das Agieren der Gestapo auf originär deutschem Gebiet.
"Hiwis" aus ganz Europa
Umgekehrt setzte die Gestapo, personell nie im Überfluss schwimmend, die Methode des reaktiven, auf Denunziationen reagierenden Handelns ebenso in den besetzten Gebieten ein. Es war, insofern, nur ein kleiner Schritt bis zum Anwerben lokaler Freiwilliger, den "Hiwis" und "Askaris" praktisch aller vom Krieg betroffenen europäischen Nationen.
"Autochthone Hilfskräfte", wie der Historiker Hans-Heinrich Wilhelm es nennt, waren - sei es in Polen, auf dem Balkan oder im Westen - an Verfolgungen aktiv, als Greifer in geringfügig veränderten SS- und Wehrmachtsuniformen, oder "passiv", als Denunzianten, beteiligt. Bodenständige ethnische Konflikte und Antisemitismen lieferten die Motivation.
Unbequeme Sichtweise
Finstere Gestalten, die in Ledermänteln an Straßenecken lauern, lassen sich in der Regel leicht erkennen. Das schlechthin Böse steht dann nämlich außen. Überwacht ein Volk aber gleichsam sich selbst, verblassen die Grenzen zwischen Opfern und Unterdrückern. Verhalten von Menschen ist schwerer zu verstehen, wenn die Repression von innen, aus der eigenen gesellschaftlichen Mitte kommt - sobald Machtstrukturen ins Zügellose tendieren. Zudem ist solche Sichtweise schmerzhaft und unbequem.
Jan Ruckenbiel hat das Ziel mythenfreier Untersuchung im gegebenen Zusammenhang formuliert, so dass wir seine Forderung hier nur zu zitieren brauchen: "ein Gedächtnis, welches über den speziellen Fall des Nationalsozialismus hinaus das Wissen um Eigenarten des Umgangs von Menschen miteinander bewahrt, und, wissend um die conditio humana, vor Rückfällen schützt."
Michael Schmittbetz (09.11.2006)
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