Bergleute vor dem Unglücksschacht des VEB Steinkohlenwerk Karl Marx. (Foto von 1948, Deutsches Bundesarchiv, Lizenz: Creative Commons)
"Verknüpfung unglücklicher Umstände"
Tatsächlich bleibt die Ursache für das Unglück auch den DDR-Behörden zunächst unklar. Das hindert die Verantwortlichen aber nicht, schon am 19. März 1960 im Neuen Deutschland eine erste Erklärung des Ministerrats abzugeben: Die Ausläufer eines Erdbebens in Marokko hätten Erschütterungen hervorgerufen, die zum Austreten von Methangas, welches beim Abbau von Kohle unweigerlich entweicht, geführt hätten. Dadurch sei es zu einer "Schlagwetterexplosion mit nachfolgender Kohlenstaubexplosion durch Verknüpfung unglücklicher Umstände" gekommen, so das offizielle Statement. Kaum jemand schenkt der absurden Begründung Glauben.
Naheliegender Verdacht
Erst im März 1961 beginnen ernsthafte Ermittlungen. Der zugemauerte Abschnitt wird geöffnet und die meisten der 72 Körper geborgen. Sechs Kumpel aber bleiben für immer im Berg. Fünfzehn Monate dauert die Untersuchung, die das Ministerium für Staatssicherheit leitet. Schnell finden die Ermittler heraus, dass am Unglücksmorgen ein Sprengmeister, ein so genannter Schießhauer, im Berg eine Sprengung vorgenommen hatte. Der Verdacht liegt nahe, dass es dabei zu einer Schlagwetterexplosion kam. Möglicherweise hatte der Schießhauer vor der Sprengung den Methangehalt der Luft nicht gemessen. Schon fünf bis fünfzehn Prozent Methan machen aus Atemluft ein entzündliches Gasgemisch. Jeder noch so kleine Funke führt dann zur Detonation. In den engen Stollen eines Kohlebergwerks hat das katastrophale Folgen: Durch die Explosion wird Staub aufgewirbelt und entzündet. Achtzig Meter pro Sekunde legt solch eine Wolke aus brennendem Kohlenstaub zurück. Die Druckwelle rast den Stollen entlang. Dabei wirbelt sie immer neuen Staub auf und entzündet ihn.
Geheimnisse und Gerüchte
Doch die Sprengmaschine des Schießhauers ist unversehrt. Den Ermittlern ist klar: Die erste Sprengung verlief nach Plan. Von hier kann die Explosion nicht ausgegangen sein. Ins Blickfeld rückt ein zweiter Sprengmeister, der zum Zeitpunkt des Unglücks in den Stollen unterwegs war. Ein Nachweis im Sprengmittellager und seine zerstörte Zündmaschine belegen, dass 8,6 Kilogramm Sprengstoff in der Nähe des Bergmanns detoniert sind und zu einer Kohlenstaubexplosion geführt haben. Warum es zu der verheerenden Sprengstoffdetonation kam, können die Ermittler nicht klären. "Feindeinwirkung", also Sabotage, schließen sie nicht aus. Die Untersuchungsergebnisse bleiben vorerst geheim. Die Menschen in Zwickau stellen eigene Vermutungen an: Gerüchte vom Selbstmord des zweiten Schießhauers machen die Runde.
Versehen ausgeschlossen
Klar ist: Selbstständig konnte sich der Sprengstoff nicht entzünden. Auch mechanische Gewalt oder hohe Temperaturen kommen als Ursache nicht in Frage. Der Spezialsprengstoff für den Bergbau detoniert nur, wenn jemand einen elektrischen Zünder anbringt, Spannung mittels einer Zündmaschine erzeugt und durch Drücken des Auslöserknopfs den Stromkreis schließt. Ein Versehen ist ausgeschlossen. War die Ursache des Grubenunglücks von Zwickau Selbstmord, Sabotage, Leichtsinn? Über die Gründe wird bis heute spekuliert.
Kathrin Schwarick (09.02.2010)
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