Flug der Ideen
Der Versailler Vertrag legte dem deutschen Flugzeugbau strikte Beschränkungen auf. Dennoch erfasste das Land eine helle Begeisterung für das Fliegen. Hugo Junkers stand für dessen friedlichen Zweck.April 1928: Die Junkers W33 Bremen nach dem Transatlantikflug von Ost nach West auf Greenly Island (Kanada).
Ungeheures Spannungsfeld
Oft sind Visionäre radikal: "Die Idee ist alles, Materie nichts. Freiheit gibt Weite und Neuland. Gesetze setzen Grenzen und Mauern. Hier geniale schöpferische Leistung; dort Bandarbeit, Geld, Vernichtung." Junkers sagte das kurz vor dem Ende, Mitte August 1933. Tatsächlich erfassen jene paar Sätze das ungeheure Spannungsfeld, in dem der Techniker Junkers die Welt, den Flugzeugbau und sein eigenes Wirken sah. Hier: kreatives, unentwegtes Forschen, handwerkliche Kunst, Unikate, Respekt vor der Arbeit, immer wieder neue Konzepte. Dort: starre, reglementierte Prozess, öde Routine, destruktive Gier nach Profit.
Werkstatt und Universität
Im Zeitalter expandierender Massenproduktion, noch bis ins Jahr 1933, boten die Dessauer Flugzeugwerke in der Tat ein ungewöhnliches Bild: Als "Mischung aus Werkstatt und Universität" erschienen sie der kommunistischen Journalistin Larissa Reissner, die den Junkers-Standort 1925 besuchte. Um das unorthodoxe Denken des Hugo Junkers - und einiger wichtiger Mitstreiter - besser zu verstehen, müssen wir die kritische Lage Deutschlands in dieser Periode, nach dem verlorenen Krieg und unter dem Diktatfrieden von Versailles betrachten.
Deutschsein in schwerer Zeit
Militärischen Flugzeugbau hatten die westlichen Siegermächte der jungen Weimarer Republik im Versailler Vertrag von 1919 kategorisch verboten. Auch zivile Aktivitäten wurden argwöhnisch beäugt. Erst ab 1922 ist Flugzeugbau, natürlich ausschließlich nichtmilitärischer Art, wieder erlaubt. Überhaupt prägen Hass und Misstrauen das Verhältnis zwischen Siegern und Besiegten. Die überwältigende Mehrheit der Deutschen empfindet das Entwürdigende ihrer Situation. So liegt die Suche nach neuen Identitäten nahe, nach positiven Werten, die Deutschsein in schwerer Zeit charakterisieren.
Fliegen als Chance
Junkers entdeckt einen solchen Wert im kreativen Potenzial, das - übrigens nicht nur nach seiner Überzeugung - dem deutschen Volk in besonderem Maße eigne. Organisch damit verbunden ist das Ideal traditioneller handwerklicher Tätigkeit am technisch überragenden Objekt. Vor allem jedoch ist da die gewaltige Chance, die das Fliegen, das Flugzeug, birgt: Ließe sich nicht - auf dem düsteren Hintergrund der Erniedrigung - eine air minded nation erschaffen, ein Volk, das Zusammenhalt und Stolz in hohem Maß aus der Leistung des Fliegens bezieht?
Kultur und Zivilisation
Blanke Fantasterei, wie es uns heute scheinen mag, sind dergleichen Gedanken damals nicht: Der Flug einer Junkers-Maschine, die 1928 erstmals den Atlantik in der schwierigeren Ost-West-Richtung überquert, euphorisiert das Land. Fliegervereine schießen wie Pilze aus dem Boden, mit explosionsartig wachsenden Mitgliederzahlen.
Über das ganze politische Spektrum hinweg ist Fliegen populär: Den Linken gilt das Flugzeug als völkerverbindendes, kosmopolitisches Instrument, vielen Rechten als Garant künftiger deutscher Größe. Mancher aber, auf den die heute üblichen Schablonen kaum passen, sieht im Fliegen "eine tiefere Angelegenheit des menschlichen Geistes an sich", einen Ausdruck "deutscher Kultur" in Abgrenzung zur "westlichen Zivilisation".
Militär und Massenproduktion
Kein Zweifel, dass Hugo Junkers zur letzteren Gruppe gehörte. Seine Abwehr gegen das amerikanische Wirtschaftsmodell, gegen das inhumane Wesen von Massenproduktion und -konsum, ist ebenso ein Bekenntnis zur friedlichen Gemeinschaft der Völker, zu der Deutschland, auf ihm gemäße Weise, seinen Beitrag leisten soll. Dem Unternehmer Junkers steht ja ein elementarer Zusammenhang klar vor Augen: Militärischer Flugzeugbau würde zwangsläufig den Übergang zur verhassten Massenproduktion nach amerikanischem Vorbild nötig machen.
Die JU 88 - ein Kampfflugzeug im Zweiten Weltkrieg. Mehr als 15.000 Exemplare produzierten die Junkers-Werke für das Dritte Reich zwischen 1939 und 1945.
Gefragt wären dann nicht mehr innovative Großflugzeuge, die Kontinente verbinden und Völker einen, sondern enorme Stückzahlen schneller, wendiger Apparate, deren Eigenschaften sich von zivilen Modellen grundlegend unterscheiden. Amerikanischer Kapitalismus - Massenproduktion - Profit - Krieg: das ist der als destruktiv empfundene Pol im Junkersschen "Fliegerbild" der Welt. Forschung - Kreativität der Werkstatt - Wertschätzung von Arbeit - Kultur und Frieden: das ist der geistige, konstruktive Pol, zu dem Junkers neigt.
Görings Bomber
Am Ende zwingen Deutsche die Junkers-Werke in die von ihrem Eigentümer verabscheute Richtung: Das Naziregime unter Federführung des späteren "Reichsmarschalls" Herrmann Göring enteignet Hugo Junkers, verpasst dem Unternehmer gar Hausarrest und Kontaktverbot. Junkers muss, bei Androhung eines Verfahrens wegen Landesverrat, die Aktienmehrheit der Junkers-Werke an das Reichsluftfahrtministerium überschreiben.
Oberster Manager wird der stiernackige Heinrich Koppenberg, ehemaliger Direktor des Flick-Konzerns. Koppenberg erhält von Göring Generalvollmacht und richtet den Dessauer Flugzeugbau zur Serienproduktion ein. Forschung ist jetzt zweitrangige Angelegenheit, Rüstung hat absoluten Vorrang: das Werk soll Görings Bombergeschwader produzieren. Die Ideen des Hugo Junkers, sie sind, wie es scheint, ein für allemal zu den Akten gelegt.
Überraschend aktuell
Fliegen ist heute Alltag. Der Blick auf die Welt aus dem Fenster der Passagierkabine ist nichts Außergewöhnliches mehr. Warum sollten wir uns für das Denken des Hugo Junkers interessieren? Im Grunde steckt die Antwort in den Schlagzeilen der Medien: Massenproduktion schreit nach Massenkonsum. Doch steigende Produktivität unter der Regie des Kapitals macht Erwerbschancen knapp. Arbeit verliert ihren Stellenwert.
Crash eines Modells
Mehr und mehr vom wertschöpfenden Gehalt der Arbeit entfernt, bleibt für die Massen nur das Leben auf Kredit. Platzt die Kreditblase, bricht das System von der Konsumseite her zusammen. Nach dem Crash des angloamerikanischen Wirtschaftsmodells, dessen Substanz eben Massenproduktion und Massenkonsum sind, wird es - vielleicht - um neue Modelle, um neue Konzepte gehen. Da kommt der Rückblick auf den deutschen Visionär Hugo Junkers, diesen disziplinierten Forscher und anarchischen Individualisten, gerade zur rechten Zeit.
Michael Schmittbetz (09.10.2008)
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Infobox
Das obere Management der Junkers-Unternehmensgruppe dominierten von 1931 bis zur Machtergreifung der Nazis 1933 drei Männer, deren politische Herkunft in der Kieler KAPD, einer kommunistischen Splittergruppe links von der an Moskau orientierten KPD, zu suchen ist: Peter Drömmer, ein expressionistischer Maler und Industriedesigner, der Schriftsteller Richard Blunck, und Adolf Dethmann, promovierter Staatswissenschaftler. Dethmann, von Junkers zum Direktor der Flugzeugwerke befördert, lenkte das Unternehmen mit einem harten Sanierungskurs durch die Weltwirtschaftskrise.
Mit dem Schicksal des "Kieler Trios" befasst sich ein Buch des Historikers Detlef Siegfried (Der Fliegerblick: Intellektuelle, Radikalismus und Flugzeugproduktion bei Junkers 1914 bis 1934, Bonn 2001). Vor allem Blunck - er schrieb Anfang der 1950er Jahre die maßgebliche Junkers-Biografie - und Dethmann setzten Professor Junkers Grundsätze, angereichert mit eigenen Vorstellungen, in Unternehmenspropaganda und Führungsrichtlinien um. Gemeinsam mit linken Dessauer NSDAP-Kreisen wehrten sich die drei bis zuletzt gegen jede Einflussnahme offizieller Regierungsstellen im Sinne der Umstellung auf (militärische) Massenproduktion.
Weitgehend ist auch die Zusammenarbeit mit dem Dessauer Bauhaus, zum Beispiel beim Konzipieren mobiler Metallhäuser, auf das Wirken des "Kieler Trios" zurückzuführen. Göring diente die Rolle von Drömmer, Blunck und Dethmann 1933 als Vorwand, das Unternehmen als "kommunistisch durchseucht" zu diffamieren und seinem Wirtschaftsimperium einzuverleiben.
Mit dem Schicksal des "Kieler Trios" befasst sich ein Buch des Historikers Detlef Siegfried (Der Fliegerblick: Intellektuelle, Radikalismus und Flugzeugproduktion bei Junkers 1914 bis 1934, Bonn 2001). Vor allem Blunck - er schrieb Anfang der 1950er Jahre die maßgebliche Junkers-Biografie - und Dethmann setzten Professor Junkers Grundsätze, angereichert mit eigenen Vorstellungen, in Unternehmenspropaganda und Führungsrichtlinien um. Gemeinsam mit linken Dessauer NSDAP-Kreisen wehrten sich die drei bis zuletzt gegen jede Einflussnahme offizieller Regierungsstellen im Sinne der Umstellung auf (militärische) Massenproduktion.
Weitgehend ist auch die Zusammenarbeit mit dem Dessauer Bauhaus, zum Beispiel beim Konzipieren mobiler Metallhäuser, auf das Wirken des "Kieler Trios" zurückzuführen. Göring diente die Rolle von Drömmer, Blunck und Dethmann 1933 als Vorwand, das Unternehmen als "kommunistisch durchseucht" zu diffamieren und seinem Wirtschaftsimperium einzuverleiben.
Infobox
Die Tragik des Erfinders Hugo Junkers wird nirgends so deutlich, wie bei der letztendlichen Verwertung seiner Forschungsresultate. Denn der von Junkers geschaffene Vorlauf in der Grundlagenforschung machte die deutsche Luftrüstung, insbesondere nach 1937, erst möglich. Das Modell Junkers JU 88, ein zweimotoriger Bomber, den es auch in Sturzkampfausführung gab ("Stuka"), war eines der Standard-Kampfflugzeuge des Dritten Reichs. Rund 15.100 Maschinen dieses Typs entstanden von 1939 bis 1945 in den nun auf Massenfertigung umgestellten Junkers-Flugzeugwerken.
Ähnlich ging es zu mit der JU 52 ("Tante JU"), weltweit erfolgreichstes Verkehrsflugzeug vor 1933. Sie wurde, nach einer kurzen Karriere als behelfsmäßiger Bomber, Standard-Transportflugzeug der Luftwaffe. Sogar das ehrgeizigste Junkers-Projekt, der bloß auf dem Papier existente "Nurflügler" J 1000, erlebte letztlich seine militärische Auferstehung: als Bomber Northtrop B 2 ("Tarnkappenbomber") der US Air Force.
Ähnlich ging es zu mit der JU 52 ("Tante JU"), weltweit erfolgreichstes Verkehrsflugzeug vor 1933. Sie wurde, nach einer kurzen Karriere als behelfsmäßiger Bomber, Standard-Transportflugzeug der Luftwaffe. Sogar das ehrgeizigste Junkers-Projekt, der bloß auf dem Papier existente "Nurflügler" J 1000, erlebte letztlich seine militärische Auferstehung: als Bomber Northtrop B 2 ("Tarnkappenbomber") der US Air Force.




