Friedrich Wilhelm, der Große Kurfürst: Er legte den Grundstein für das Königreich. (Bild: Hessische Landesbibliothek)
Preußisches Erbe
Deutschland im November 2003: Es brodelt. Viele sind unzufrieden mit der derzeitigen Situation. "Was machen die da eigentlich in Berlin?" hört man allerorten. Die da genießen so wenig Vertrauen in ihre Arbeit wie lange nicht mehr. Wir sehen die Politiker als Diener des Volkes und verlassen uns darauf, dass sie "es schon richten" werden.Müssten wir nicht unser eigenes Verhältnis zum Staat überdenken? Uns selbst als Diener des Staates anzusehen - wie es preußische Haltung wäre - widerstrebte aber bürgerlicher Auffassung: wir sind doch keine Untertanen, sondern freie Bürger in einem freien Land!
Verhängnis Preußen?
Woher kommt diese Einstellung? Der "Untertanengeist", oft gleichgesetzt mit preußischen Tugenden, wurde nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs vielfach dämonisiert. Erst seit wenigen Jahrzehnten wagen Historiker eine differenziertere Betrachtung Preußens und seines Einflusses auf die deutsche Geschichte.
Tugend und Verbrechen
Die viel beschworenen Sekundärtugenden wie Gehorsam, Unterordnung und Diensteifer aber auch Unbestechlichkeit, Disziplin, Ehrlichkeit und Gerechtigkeit stellen eine Form dar, die je nach Absicht mit Inhalt gefüllt werden kann: Gern schmücken wir uns mit preußischen Tugenden, wenn es um unsere Arbeitseinstellung geht. Und auf der anderen Seite verbinden wir jene Tugenden mit den Verbrechen des Nationalsozialismus - wie der "perfekt" organisierten Vernichtung von vielen Millionen europäischer Juden.
Auf dem Weg zur Großmacht
Der "Mythos Preußen" ist ein janusköpfiges Gebilde. Ihm näher zukommen hilft ein Blick auf die geschichtliche Entwicklung. Zunächst denken dabei viele an Friedrich den Großen, den wohl berühmtesten
Das Wappen Preußens nach 1701: Der rote Mantel zeigt den nun errungenen Status der Hohenzollern als Könige.
Grundstein für Großes
Doch der Aufstieg Preußens beginnt genau ein Jahrhundert früher: ab 1640 übernimmt Friedrich Wilhelm - der Große Kurfürst - die Macht im Herzogtum Brandenburg. Der absolutistische Fürstenstaat soll durch ein stehendes Heer geschützt und durch ein "sitzendes" - seine Beamtenschaft - verwaltet werden. Mit dem Aufbau eines 30.000 Mann starken Heeres und dessen Finanzierung durch eine neuartige Steuerpolitik legt der Kurfürst den Grundstein für das künftige Königreich.
Vom Kurfürsten zum König
1701 krönt sich sein Sohn, Kurfürst Friedrich III., mit Zustimmung Kaiser Leopolds I., als Friedrich I. in Königsberg zum König. Von nun an nennen sich Behörden und Armee königlich, das Land heißt jetzt Königreich Preußen. Dieser erste preußische König ist ganz und gar "unpreußisch", gibt das Geld mit vollen Händen aus. Kunst und Wissenschaft blühen auf...
Infobox
Das Haus Hohenzollern hat seinen Namen von jenem Berg in Schwaben, auf dem im 11. Jahrhundert eine erste Burg errichtet wurde. Im 13. Jahrhundert etablierte sich ein Zweig der Hohenzollern in Franken. Von dieser burggräflichen Linie stammen neben den fränkischen Markgrafen die Markgrafen und Kurfürsten von Brandenburg, später die preußischen Könige und deutschen Kaiser ab. Erbvereinbarungen sicherten fortan den Zusammenhalt der verschiedenen Linien, auch als sich die brandenburgischen und fränkischen Hohenzollern der Reformation anschlossen, während die schwäbischen weiterhin katholisch blieben. Die Vorstellung der Stammverwandtschaft steigerte sich im 19. Jahrhundert dann zur romantischen Verklärung der dynastischen Beziehungen und führte zum Neuaufbau der Stammburg auf dem Hohenzollern. Das Bild einer einheitlichen Dynastie Hohenzollern findet seinen Ausdruck in der Identifikation des Hauses mit der Geschichte des preußischen Staates und in der Verkettung der hohenzollerschen mit der preußischen und der deutschen Geschichte.


