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Holocaust

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Im Lager
Der Holocaust hat die Weltgeschichte verändert. Dieser staatlich organisierte Massenmord änderte auch grundlegend die Art, wie Historiker, Philosophen, Kultur- und Naturwissenschaftler unsere Welt betrachten: Denken nach Auschwitz ist nicht möglich wie Denken vor Auschwitz.

Der Holocaust war also ein Zeitenbruch, ein Wandel aller bis dahin gültigen Vorstellungen von Kultur und Zivilisation. Seitdem ist klar, was der Mensch dem Menschen antun kann, wenn die Bedingungen danach sind.

Viele Historiker sehen im Holocaust ein singuläres (das bedeutet: unwiederholbares, einmaliges, unvergleichbares) Ereignis. Dessen unbenommen steht der Holocaust im Zusammenhang mit anderen wesentlichen Tendenzen seiner Zeit: Dazu gehört, nach Ansicht von Wissenschaftlern, die Herausbildung des Lagers - als besondere, klar abgrenzbare Form menschlicher Existenz.

Konzentrationslager und Vernichtungslager, Arbeitslager, Gefangenenlager, Flüchtlingslager: Beginnend mit der ersten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts, ihren Kriegen, bürgerkriegsartigen Konflikten und Deportationen, gerieten Millionen Menschen in eine Situation, die derart massenhaft ohne Vorläufer ist: Entwurzelt, weggesperrt, aller Freiheitsrechte beraubt, wurden ganze Ethnien und Klassen zu Opfern industriell-bürokratisch geleiteter Unterdrückung und Auslöschung.

In den "Isolatoren" der aufkommenden diktatorischen Regimes, und nicht nur dort, schien ein Menschenleben kaum noch etwas wert zu sein.

Das traf zu auf den Gulag in Stalins Reich, auf das System der Nazi-Konzentrationslager, auf Internierungs- und Gefangenenlager in zahlreichen weiteren Staaten. Praktisch jeden konnte es erwischen, ob jüdischer Intellektueller, ob russischer Bauer, ob Kommunist oder Nazi, ob gebürtiger Japaner in den USA oder Deutscher in England, ob Zivilist oder Soldat.

Meist genügte es, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein, zur falschen sozialen Gruppe zu gehören oder die falschen Vorfahren zu haben. Das Lagerdasein, seine Schicksalhaftigkeit, sein Zwang zu Anpassung und Unterwerfung, haben sich tief ins Bewusstsein der menschlichen Gattung eingegraben.

Das Lager ist der Ausnahmezustand als Alltag, um so mehr, je mehr sich Lagersysteme wie Krebsmetastasen in der Gesellschaft verbreiten. Folgt man der Argumentation des italienischen Philosophen Giorgio Agamben (geboren 1942), ist die Epoche des Lagers heute keineswegs vorüber. Einsperrung und soziale Ausgrenzung im rechtsfreien Raum zählen nach wie vor zum Instrumentarium des totalitären Zugriffs.

Die Flüchtlingslager Europas und das US-amerikanische Gefangenenlager bei Guantánamo zieht Agamben als Belege heran: Der Ausnahmezustand, wie er für das Lager kennzeichnend sei, meint der Philosoph, werde zur neuen Regel des Regierens.