Mörder Staat
Auf der Wannseekonferenz im Januar 1942 stimmte die Führungsriege des Nazireichs ihr Vorgehen ab. Von hier gingen die Instruktionen aus, zur Vernichtung der Juden Europas.Brief Görings vom Juli 1941: An Reinhard Heydrich ergeht der Auftrag, ein Konzept für den Massenmord vorzulegen.
"Nur" ein Koordinationsversuch
Das Treffen ist ein Koordinationsversuch: im Ämterwirrwarr des "Dritten Reichs" gilt es stets, viele Interessen unter einen Hut zu bringen, will man umfassenden Aktionen Geschlossenheit geben. Diesmal geht es um die Deportation von Millionen Juden gen Osten, in die Vernichtungslager.
Dabei ist diese Konferenz keineswegs der Beginn des Holocaust. Denn schon seit Anfang des Krieges im September 1939 haben die Nazis ihre "Judenpolitik" radikalisiert: Aus dem Boden gestampfte Ghettos im besetzten Polen markieren eine neue Dimension der Verfolgung, vorwiegend außerhalb Deutschlands. "Flurbereinigung" heißt das Stichwort. Tausende Juden sterben Monat für Monat an katastrophalen Lebensbedingungen oder durch Zwangsarbeit.
Babi Jar bei Kiew
Als am 22. Juni 1941 der Krieg gegen die Sowjetunion ausbrach, steigerte sich die Radikalität des Vorgehens erneut: Einsatzgruppen der SS kamen zum Zuge, deren Ziel die Schaffung "judenreiner" Regionen war. Dazu gehörten drakonische Vergeltungsmaßnahmen gegen Partisanenaktivität: so in der Schlucht von Babi Jar bei Kiew, wo mehr als 33.000 Juden am 29. und 30. September 1941 einem Massaker zum Opfer fielen. Doch es sollte noch schlimmer kommen.
Madagaskar?
Ab wann in den Köpfen der Naziführer der Begriff "Endlösung" im heute verstandenen Sinn vorhanden war, ist immer noch ungeklärt. Lange sahen die Spitzen von Staat und Partei ihren Plan vom judenfreien Europa durch organisierte Auswanderung umsetzbar. Sei es - laut Vertrag mit zionistischen Organisationen - nach Palästina, oder nach Madagaskar, einer kargen ostafrikanischen Insel, die zum französischen Kolonialreich gehörte. Der Verlauf des Krieges erst vereitelte diese Varianten überwiegend.
Die "Endlösung", mit der Bedeutung direkten Mordes, war das Resultat mehrjähriger Entwicklung. Sie bedurfte der teuflischen Fantasie eines Heinrich Himmler - Reichsführer SS -, eines Reinhard Heydrich, sowie anderer Bürokraten des Todes, wie Adolf Eichmann, in den unterschiedlichsten Organisationen. Und sie bedurfte des Bewusstseins der Naziführer, in einen Kampf auf Leben und Tod verwickelt zu sein, den der jüdische Hauptfeind ausgelöst habe.
Reinhard Heydrich beruft am 20. Januar 1942 die Wannsee-Konferenz ein. Am 4. Juni desselben Jahres stirbt er an den Folgen eines Attentats.
Ebenso wenig überliefert wie der präzise Zeitpunkt des Entschlusses zum Genozid sind direkte Befehle Hitlers. Freilich wären sie auch unnötig gewesen. "Die persönlichste Idee Hitlers und ungefähr die einzige, an die er wirklich geglaubt hat, war die von der Weltverschwörung und Gefahr des Judentums", schreibt der Historiker Golo Mann.
Jeder, der den "Führer" kannte, der auch nur seine Schriften gelesen hatte, wusste dies. Es konnte nicht zwei auserwählte Völker geben, in einem sozialdarwinistischen Weltbild, das den Kampf ums rassische Überleben als Kernelement enthielt. Die Hintergrundidee, der antijüdische Impuls, ist sicher nicht Hitlers ureigener Gedanke.
"Antisemitismus" war ein weit älteres, europaweites Phänomen; die Hilfsrolle während des Holocaust, die Teile vieler okkupierter Völker, etwa im Baltikum, spielten, stand in dieser unseligen Tradition...
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Im Lager
Der Holocaust hat die Weltgeschichte verändert. Dieser staatlich organisierte Massenmord änderte auch grundlegend die Art, wie Historiker, Philosophen, Kultur- und Naturwissenschaftler unsere Welt betrachten: Denken nach Auschwitz ist nicht möglich wie Denken vor Auschwitz.
Der Holocaust war also ein Zeitenbruch, ein Wandel aller bis dahin gültigen Vorstellungen von Kultur und Zivilisation. Seitdem ist klar, was der Mensch dem Menschen antun kann, wenn die Bedingungen danach sind.
Viele Historiker sehen im Holocaust ein singuläres (das bedeutet: unwiederholbares, einmaliges, unvergleichbares) Ereignis. Dessen unbenommen steht der Holocaust im Zusammenhang mit anderen wesentlichen Tendenzen seiner Zeit: Dazu gehört, nach Ansicht von Wissenschaftlern, die Herausbildung des Lagers - als besondere, klar abgrenzbare Form menschlicher Existenz.
Konzentrationslager und Vernichtungslager, Arbeitslager, Gefangenenlager, Flüchtlingslager: Beginnend mit der ersten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts, ihren Kriegen, bürgerkriegsartigen Konflikten und Deportationen, gerieten Millionen Menschen in eine Situation, die derart massenhaft ohne Vorläufer ist: Entwurzelt, weggesperrt, aller Freiheitsrechte beraubt, wurden ganze Ethnien und Klassen zu Opfern industriell-bürokratisch geleiteter Unterdrückung und Auslöschung.
In den "Isolatoren" der aufkommenden diktatorischen Regimes, und nicht nur dort, schien ein Menschenleben kaum noch etwas wert zu sein.
Das traf zu auf den Gulag in Stalins Reich, auf das System der Nazi-Konzentrationslager, auf Internierungs- und Gefangenenlager in zahlreichen weiteren Staaten. Praktisch jeden konnte es erwischen, ob jüdischer Intellektueller, ob russischer Bauer, ob Kommunist oder Nazi, ob gebürtiger Japaner in den USA oder Deutscher in England, ob Zivilist oder Soldat.
Meist genügte es, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein, zur falschen sozialen Gruppe zu gehören oder die falschen Vorfahren zu haben. Das Lagerdasein, seine Schicksalhaftigkeit, sein Zwang zu Anpassung und Unterwerfung, haben sich tief ins Bewusstsein der menschlichen Gattung eingegraben.
Das Lager ist der Ausnahmezustand als Alltag, um so mehr, je mehr sich Lagersysteme wie Krebsmetastasen in der Gesellschaft verbreiten. Folgt man der Argumentation des italienischen Philosophen Giorgio Agamben (geboren 1942), ist die Epoche des Lagers heute keineswegs vorüber. Einsperrung und soziale Ausgrenzung im rechtsfreien Raum zählen nach wie vor zum Instrumentarium des totalitären Zugriffs.
Die Flüchtlingslager Europas und das US-amerikanische Gefangenenlager bei Guantánamo zieht Agamben als Belege heran: Der Ausnahmezustand, wie er für das Lager kennzeichnend sei, meint der Philosoph, werde zur neuen Regel des Regierens.
Der Holocaust hat die Weltgeschichte verändert. Dieser staatlich organisierte Massenmord änderte auch grundlegend die Art, wie Historiker, Philosophen, Kultur- und Naturwissenschaftler unsere Welt betrachten: Denken nach Auschwitz ist nicht möglich wie Denken vor Auschwitz.
Der Holocaust war also ein Zeitenbruch, ein Wandel aller bis dahin gültigen Vorstellungen von Kultur und Zivilisation. Seitdem ist klar, was der Mensch dem Menschen antun kann, wenn die Bedingungen danach sind.
Viele Historiker sehen im Holocaust ein singuläres (das bedeutet: unwiederholbares, einmaliges, unvergleichbares) Ereignis. Dessen unbenommen steht der Holocaust im Zusammenhang mit anderen wesentlichen Tendenzen seiner Zeit: Dazu gehört, nach Ansicht von Wissenschaftlern, die Herausbildung des Lagers - als besondere, klar abgrenzbare Form menschlicher Existenz.
Konzentrationslager und Vernichtungslager, Arbeitslager, Gefangenenlager, Flüchtlingslager: Beginnend mit der ersten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts, ihren Kriegen, bürgerkriegsartigen Konflikten und Deportationen, gerieten Millionen Menschen in eine Situation, die derart massenhaft ohne Vorläufer ist: Entwurzelt, weggesperrt, aller Freiheitsrechte beraubt, wurden ganze Ethnien und Klassen zu Opfern industriell-bürokratisch geleiteter Unterdrückung und Auslöschung.
In den "Isolatoren" der aufkommenden diktatorischen Regimes, und nicht nur dort, schien ein Menschenleben kaum noch etwas wert zu sein.
Das traf zu auf den Gulag in Stalins Reich, auf das System der Nazi-Konzentrationslager, auf Internierungs- und Gefangenenlager in zahlreichen weiteren Staaten. Praktisch jeden konnte es erwischen, ob jüdischer Intellektueller, ob russischer Bauer, ob Kommunist oder Nazi, ob gebürtiger Japaner in den USA oder Deutscher in England, ob Zivilist oder Soldat.
Meist genügte es, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein, zur falschen sozialen Gruppe zu gehören oder die falschen Vorfahren zu haben. Das Lagerdasein, seine Schicksalhaftigkeit, sein Zwang zu Anpassung und Unterwerfung, haben sich tief ins Bewusstsein der menschlichen Gattung eingegraben.
Das Lager ist der Ausnahmezustand als Alltag, um so mehr, je mehr sich Lagersysteme wie Krebsmetastasen in der Gesellschaft verbreiten. Folgt man der Argumentation des italienischen Philosophen Giorgio Agamben (geboren 1942), ist die Epoche des Lagers heute keineswegs vorüber. Einsperrung und soziale Ausgrenzung im rechtsfreien Raum zählen nach wie vor zum Instrumentarium des totalitären Zugriffs.
Die Flüchtlingslager Europas und das US-amerikanische Gefangenenlager bei Guantánamo zieht Agamben als Belege heran: Der Ausnahmezustand, wie er für das Lager kennzeichnend sei, meint der Philosoph, werde zur neuen Regel des Regierens.



