Jedoch, Arbeiterräte und "Demokratisierung" vegetieren neben und unter der uneingeschränkten bürokratischen Diktatur: Die Geheimpolizei wirkt weiter; Entscheidungsspielräume sind eng umgrenzt; wirtschaftspolitische Entschlüsse werden ohnehin an der Spitze gefasst. Nichts illustriert den Zwiespalt besser, als die Errichtung des ersten und vermutlich einzigen titoistischen Konzentrationslagers in dieser Periode: Goli Otok, ein winziges Eiland in der Nähe der Touristeninsel Rab, ist ab Ende 1948 Schauplatz von elender Haft und Folter. Die dort leiden, sind "Kominformisten", also Anhänger Stalins, die ihre Überzeugung nicht glaubhaft genug verleugnet haben. "Der Doppelcharakter der jugoslawischen Kommunisten - das heißt, dass wir nicht so inhuman wie die Stalinisten waren, aber von den ihren nicht so verschiedene Resultate erreichen wollten - zeigte sich im Lager auf eine eigene scheußliche Weise," liefert Djilas noch 1980 das klassische Argument aller Unterdrücker nach.
Fehlschlag und Renaissance
Weil ein wenig Demokratie nicht geht, weil Arbeiterräte auf der einen, Geheimpolizei und bürokratisch-zentralistische Diktatur auf der anderen Seite so schlecht zueinander passen wie Demokratie und Profitgier, scheitert das Selbstverwaltungs-Experiment. Hunderttausende Jugoslawen entfliehen der Armut in ihrer Heimat vor allem in den 1960er und 1970er Jahren durch Emigration. Das "jugoslawische Modell" erlebt 1968, während des Prager Frühlings, eine Renaissance. Heute spielt es in den Debatten auf der sozialistischen Insel Kuba eine wichtige Rolle. Die Gründe, es aufzugreifen, und die Ursachen möglichen Versagens, könnten dort wie damals ähnlich sein.
Stillstand
Nach 1956 - Stalin war tot, dessen Nachfolger Chruschtschow erlaubte den vorsichtigen Blick auf Stalins Verbrechen - leitete Tito die Phase der "Normalisierung" ein. Verbunden war das mit einer (Wieder)Annäherung an die Sowjetunion. Djilas beschreibt den Inhalt der letzten politischen Wende des Josip Broz: "Besonders seit Beginn der siebziger Jahre brachte Tito alle Bewegungen und Veränderungen zum Stillstand und führte veraltete gesellschaftliche, nationale und individuelle Potenzen auf verallgemeinerte Formeln und auf die wiederbelebten Ideale seiner Jugend zurück: auf Partei, Klasse, Marxismus, Indoktrinierung und auf die weitere Stärkung seiner persönlichen Macht und Vergötterung seiner Persönlichkeit."
Zahlenspiele
Inzwischen hatte der jugoslawische Diktator ein außenpolitisches Renommee erworben, das den Ruf sämtlicher anderen Ostblock-Führer positiv übertraf: Anti-Stalinist, Inspirator der Bewegung der Blockfreien, Befürworter des Föderalismus im Inneren - der Westen sah Tito durch die rosarote Brille. Ausschlaggebend mochte Ehrfurcht vor Titos Überlebenswillen und historischer Leistung gewesen sein, eine Ehrfurcht, die Tito, sich selbst gegenüber, so artikulierte: "Ich regiere ein Land mit zwei Alphabeten, drei Sprachen, vier Religionen und fünf Nationalitäten, die in sechs Republiken leben, von sieben Nachbarn umgeben sind und mit acht Minderheiten auskommen müssen." Josip Broz, genannt Tito, starb am 4. Mai 1980 im Alter von 87 Jahren. Vier Könige, fünf Prinzen, sechs Parlamentspräsidenten, 31 Staatspräsidenten, 22 Premierminister und 47 Außenminister erwiesen dem toten Marschall die letzte Ehre. Über sein Werk ging die Geschichte hinweg.
Michael Schmittbetz (22.02.2010)
Fehlschlag und Renaissance
Weil ein wenig Demokratie nicht geht, weil Arbeiterräte auf der einen, Geheimpolizei und bürokratisch-zentralistische Diktatur auf der anderen Seite so schlecht zueinander passen wie Demokratie und Profitgier, scheitert das Selbstverwaltungs-Experiment. Hunderttausende Jugoslawen entfliehen der Armut in ihrer Heimat vor allem in den 1960er und 1970er Jahren durch Emigration. Das "jugoslawische Modell" erlebt 1968, während des Prager Frühlings, eine Renaissance. Heute spielt es in den Debatten auf der sozialistischen Insel Kuba eine wichtige Rolle. Die Gründe, es aufzugreifen, und die Ursachen möglichen Versagens, könnten dort wie damals ähnlich sein.
Stillstand
Nach 1956 - Stalin war tot, dessen Nachfolger Chruschtschow erlaubte den vorsichtigen Blick auf Stalins Verbrechen - leitete Tito die Phase der "Normalisierung" ein. Verbunden war das mit einer (Wieder)Annäherung an die Sowjetunion. Djilas beschreibt den Inhalt der letzten politischen Wende des Josip Broz: "Besonders seit Beginn der siebziger Jahre brachte Tito alle Bewegungen und Veränderungen zum Stillstand und führte veraltete gesellschaftliche, nationale und individuelle Potenzen auf verallgemeinerte Formeln und auf die wiederbelebten Ideale seiner Jugend zurück: auf Partei, Klasse, Marxismus, Indoktrinierung und auf die weitere Stärkung seiner persönlichen Macht und Vergötterung seiner Persönlichkeit."
Zahlenspiele
Inzwischen hatte der jugoslawische Diktator ein außenpolitisches Renommee erworben, das den Ruf sämtlicher anderen Ostblock-Führer positiv übertraf: Anti-Stalinist, Inspirator der Bewegung der Blockfreien, Befürworter des Föderalismus im Inneren - der Westen sah Tito durch die rosarote Brille. Ausschlaggebend mochte Ehrfurcht vor Titos Überlebenswillen und historischer Leistung gewesen sein, eine Ehrfurcht, die Tito, sich selbst gegenüber, so artikulierte: "Ich regiere ein Land mit zwei Alphabeten, drei Sprachen, vier Religionen und fünf Nationalitäten, die in sechs Republiken leben, von sieben Nachbarn umgeben sind und mit acht Minderheiten auskommen müssen." Josip Broz, genannt Tito, starb am 4. Mai 1980 im Alter von 87 Jahren. Vier Könige, fünf Prinzen, sechs Parlamentspräsidenten, 31 Staatspräsidenten, 22 Premierminister und 47 Außenminister erwiesen dem toten Marschall die letzte Ehre. Über sein Werk ging die Geschichte hinweg.
Michael Schmittbetz (22.02.2010)
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An Titos Hof
Ein gewisser Hang zur feudalen Hofhaltung wurde Tito schon während der Partisanenzeit nachgesagt. Natürlich war Luxus damals nur begrenzt möglich. Richtig los ging es ab Oktober 1944: Tito besichtigte unmittelbar nach dem Einzug in Belgrad die königlichen Paläste auf dem Hügel Dedinje und befahl ihre Wiederherstellung. Besonders gut gefiel dem Marschall der neoklassizistische Weiße Hof des Prinzen Paul. Doch: "Die Neigung zum Luxus war nebensächlich…, bemerkt Milovan Djilas in seiner Tito-Biografie. "Wesentlich daran ist die Macht…, die Herstellung der absoluten, autokratischen Macht."
Djilas beschreibt auch die Haltung des jugoslawischen Volkes zu Titos Lebensstil, den der einstige Partisanenführer übrigens nie verheimlichte: "So war es… schon immer gewesen, und man lächelte nur über die Versprechen der Kommunisten, dass mit ihrem Machtantritt … ein Zeitalter der Entsagung, Bescheidenheit und Gleichheit beginne." Tito, so Djilas, "benötigte den äußeren Schein nicht nur wegen seines inneren Antriebs als Emporkömmling…, sondern auch als Ersatz für seine ideologische Unbedeutendheit und Ungelehrtheit." Beim Weißen Hof allein blieb es nicht: Villen auf Adriainseln gehörten bald ebenso zum Bestand wie teure Gemäldesammlungen, Schmuck, Keramik…
"Zweifellos war Tito der teuerste Herrscher seiner Zeit," resümiert Djilas. Am bezeichnendsten ist vielleicht, dass der Marschall mit alldem Schritt für Schritt seine Umgebung korrumpierte. "Unter dem Personal brachen kleine Affären aus - Diebstähle, Intrigen, Eifersüchteleien," erinnert sich Djilas. "Tito wunderte sich über die Maßen: Unglaublich, wie verdorben doch die Leute um mich herum werden! … Sie wurden durch ihre unmittelbare Nähe zur Macht, der sie dienten, verdorben, und durch die grenzenlosen, willkürlichen Möglichkeiten, die sich ihnen boten."



