Der Trendsetter
Oft wurde er verkannt, mitunter belächelt - der Monarch mit den vielen Uniformen und dem kurzen linken Arm. Kaiser Wilhelm II. war anders als viele noch heute meinen.Wilhelm II. (Mitte) am 10. November 1918 am Grenzübergang Eysden: Damit ist die Monarchie endgültig Vergangenheit. (Bild: Bundesarchiv, Lizenz: CreativeCommons)
Zwei Untergänge
Es ist, als ob Majestät jetzt eben Gegenstand fremder Entschlüsse wäre, Objekt, das man an- und auszuliefern hat. Historisch gesehen haben wir es nun schon mit zwei Untergängen zu tun: Das Jahr der Reichseinigung 1871 markierte den Untergang Preußens als eigenständigen Staat; der 10. November 1918, der Tag der Flucht Wilhelms II. ins holländische Exil, markiert den Untergang der preußischen Monarchie. So kann man es in Geschichtsbüchern lesen. Die Abdankungsurkunde, unterzeichnet gut zwei Wochen danach, war dann bloße Formalität.
"Hang the Kaiser!"
Abgesondert vom Geschehen stand Wilhelm II., Deutscher Kaiser und König von Preußen, allerdings schon Jahre bevor der Erste Weltkrieg verloren ging: Spätestens seit August 1916, seit dem Machtantritt der Obersten Heeresleitung unter den Generälen Hindenburg und Ludendorff, war Deutschland Militärdiktatur. Der Kaiser spielte nur noch die Rolle einer Galionsfigur. "Hang the Kaiser!", trompeteten gleichwohl Boulevardzeitungen in England und in den USA. Briten, Amerikanern, Franzosen und sonst manchem auf der Welt galt Wilhelm II. als Verkörperung preußisch-deutscher Unkultur: uniformverliebt, säbelrasselnd, bar jeder Toleranz, versessen auf Krieg. Das prägte sein Bild in der Geschichte für viele Jahrzehnte.
Prinz Wilhelm von Preußen, etwa im Alter von zwölf Jahren: Die Behinderung des linken Armes ist hier, wie auf allen Fotos, gut kaschiert.
Kein europäischer Monarch wurde jemals so fehlinterpretiert. Wilhelm, Sohn einer englischen Mutter und des preußischen Kronprinzen Friedrich, Enkel der Queen Victoria, kam am 27. Januar 1859 in Berlin auf die Welt. Zum Unglück wurde der linke Arm des Kindes während der Geburt derart gequetscht, dass er zeitlebens verkürzt und fast unbeweglich blieb. Was behutsam auszugleichender Zufall hätte sein sollen, machte verfehlte Erziehung zum Desaster: qualvolle Leibesübungen, Haltung um jeden Preis - keinesfalls durfte ja der künftige König von Preußen wahrnehmbar ein Krüppel sein.
Hinzpeters Methoden
Wilhelms Erzieher in jungen Jahren, ein Mann namens Hinzpeter, wandte darüber hinaus aberwitzige Methoden an: Um den Zögling zur Höchstleistung zu zwingen, egal ob auf körperlichem oder geistigem Gebiet, gab der lieblose Pädagoge unerfüllbare Aufgaben vor. Lob fand innerhalb solcher Erziehungsmethoden nicht statt. Immer, bis zu seinem Tod, wird Wilhelm tief verunsichert sein, und nach Lob und Beweisen von Zuneigung aus seiner Umgebung haschen. Talent zeigt er bei der schwungvollen mündlichen Rede. Physisch flüchtet Wilhelm in die steife hochgeschlossene Uniform, die seinen Haltungsschaden, Folge der Geburtsverletzung, verbirgt. Den behinderten Arm stützt er auf einen Säbelknauf. Zum Zeitpunkt der Reichseinigung, 1871, ist Wilhelm zwölf Jahre alt.
Hassliebe zur Mutter
Wilhelm, der Halbengländer, ist nicht die Karikatur des Preußischen, zu der ihn interessegeleitete Beobachter aus der Ferne stilisieren. Mutter wie Vater, die englische Prinzessin und der preußische Kronprinz, sind mit britischer Kultur engstens verbunden…
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Infobox
Während des 19. und 20. Jahrhunderts gab es drei Deutsche Kaiser: Wilhelm I. - er lebte von 1797 bis 1888 und trug den Titel ab 1871, Friedrich III. - er ging als 99-Tage-Kaiser in die Geschichte ein, da seine Regierungszeit bis zu seinem unerwarteten Tod aufgrund von Kehlkopfkrebs nur 99 Tage betrug, sowie dessen Sohn Wilhelm II., der von 1888 bis 1918 regierte (Wilhelminische Ära).
Der Titel Deutscher Kaiser war in jeder Hinsicht eine Neuschöpfung und nicht, wie oft vermutet wird, ein Rückgriff auf das Mittelalter: Die Herrscher des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation hießen Römische Kaiser. Vor der Kaiserkrönung des Preußischen Königs Wilhelm I. im vom Deutschen Bundesheer besetzten Schloss von Versailles wurde heftig diskutiert, welchen Titel das Oberhaupt des neuen Deutschen Reiches tragen soll.
Immerhin gehörten zum Deutschen Reich neben Preußen auch Länder wie Bayern, das unter einem eigenen König sorgsam gehütete Autonomierechte genoss. Wilhelm I. hätte durchaus zusätzlich zu seinem Königstitel den Titel Präsident von Deutschland akzeptiert, in Frage kam aber nur der Kaisertitel, weil die Könige von Bayern und von Württemberg sich nur dem Träger eines höherrangigen Titels unterordnen konnten.
Wilhelm I. stand der neuen Würde zunächst ablehnend gegenüber und reagierte mit der Bemerkung: "Was soll mir der Charaktermajor?!" Ein Charaktermajor war im preußischen Heer ein verabschiedeter Hauptmann, dem man, ohne höhere Einkünfte, für den Ruhestand den Titel Major verliehen hatte (wegen seines "Charakters").
Als Wilhelm I. sich mit dem Titel Kaiser von Deutschland endlich angefreundet hatte, tauchte eine weitere Schwierigkeit auf: Auch Österreicher empfanden sich damals als Deutsche, ohne nun freilich dem Deutschen Reich anzugehören. So war Deutscher Kaiser der gegebene Kompromiss, um österreichische Empfindlichkeiten nicht zu verletzen - was Wilhelm I. aber nur zögernd einsah. Im Verlauf der Kaiserproklamation umging der badische Großherzog Friedrich I. das Problem übrigens auf besonders geschickte Art: Er brachte ein Hoch auf Kaiser Wilhelm aus.
Der Titel Deutscher Kaiser war in jeder Hinsicht eine Neuschöpfung und nicht, wie oft vermutet wird, ein Rückgriff auf das Mittelalter: Die Herrscher des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation hießen Römische Kaiser. Vor der Kaiserkrönung des Preußischen Königs Wilhelm I. im vom Deutschen Bundesheer besetzten Schloss von Versailles wurde heftig diskutiert, welchen Titel das Oberhaupt des neuen Deutschen Reiches tragen soll.
Immerhin gehörten zum Deutschen Reich neben Preußen auch Länder wie Bayern, das unter einem eigenen König sorgsam gehütete Autonomierechte genoss. Wilhelm I. hätte durchaus zusätzlich zu seinem Königstitel den Titel Präsident von Deutschland akzeptiert, in Frage kam aber nur der Kaisertitel, weil die Könige von Bayern und von Württemberg sich nur dem Träger eines höherrangigen Titels unterordnen konnten.
Wilhelm I. stand der neuen Würde zunächst ablehnend gegenüber und reagierte mit der Bemerkung: "Was soll mir der Charaktermajor?!" Ein Charaktermajor war im preußischen Heer ein verabschiedeter Hauptmann, dem man, ohne höhere Einkünfte, für den Ruhestand den Titel Major verliehen hatte (wegen seines "Charakters").
Als Wilhelm I. sich mit dem Titel Kaiser von Deutschland endlich angefreundet hatte, tauchte eine weitere Schwierigkeit auf: Auch Österreicher empfanden sich damals als Deutsche, ohne nun freilich dem Deutschen Reich anzugehören. So war Deutscher Kaiser der gegebene Kompromiss, um österreichische Empfindlichkeiten nicht zu verletzen - was Wilhelm I. aber nur zögernd einsah. Im Verlauf der Kaiserproklamation umging der badische Großherzog Friedrich I. das Problem übrigens auf besonders geschickte Art: Er brachte ein Hoch auf Kaiser Wilhelm aus.



