Nikolai der Letzte
Die Geschichte vom grausamen Mord an ihm und seiner Familie berührt das Herz: Was für ein Mensch war Zar Nikolaus II.? Viele, die ihn kannten, erlebten ihn schüchtern und gehemmt.Zar Nikolai II. und Zarin Alexandra: Das Foto entstand auf einem Kostümball des Hofes - vermutlich 1903.
Dreihundert plus fünf
Nikolaus II. sieht seine tiefste Überzeugung bestätigt: Die Autokratie, ist der absolute Monarch sicher, fuße auf unverbrüchlicher Verbundenheit des Herrschers mit den einfachen Untertanen - ein Band, das einzig Parlamentarier, Liberale und Bürokraten, die Kräfte der Moderne, gefährden könnten. Seit Michail, der Erste der Romanows, im Ipatjew-Kloster bei Kostroma von seiner Wahl zum Zaren erfuhr, sind immerhin dreihundert Jahre vergangen. Nur fünf Jahre und ein paar Monate sollen vergehen, bis "Nikolai der Letzte" - samt Frau und Kindern - im Keller des Ipatjew-Hauses zu Jekaterinburg unter den Kugeln eines bolschewistischen Exekutionskommandos stirbt.
Was soll nur aus mir werden!?
Moderne Historiker stimmen in einem wesentlichen Punkt überein: Niemand war unfähiger als Nikolai Romanow, Russland durch die Wirren von Industrialisierung, aufkommender Arbeiterbewegung, Krieg und zunehmender sozialer Spannung auf dem Lande zu führen. "Was soll nur aus mir werden und aus Russland. Ich bin nicht darauf vorbereitet, Zar zu sein und wollte nie einer werden! Ich weiß nicht einmal, wie ich mit den Ministern reden soll", überliefern Ohrenzeugen eine erste Reaktion des erschrockenen jungen Mannes bei der Nachricht vom Tod des Vaters. Ähnliches soll Ludwig XVI. geäußert haben, als er 1775 erfuhr, dass er König von Frankreich sein wird.
Viel zu früh
Im November 1894 tritt der blasse Zarewitsch Nikolai an die Spitze des russischen Staates und der Gesellschaft - einer Gesellschaft, die so komplex ist, wie es der Situation am Ende des 19. Jahrhunderts entspricht. Viel zu früh für den frisch verheirateten 26-jährigen war sein Vater, Alexander III., dahingegangen.
Die Zarenfamilie - mit Zarewitsch Alexej und den vier Töchtern: Man bevorzugte den englischen Lebensstil.
Der, ein intelligenter, willensstarker und versoffener Riese, hatte das Reich mit harter Hand regiert und bildete auch in der Familie die unangefochtene Autorität. Die typischen Konsequenzen bleiben nicht aus: Nikolai wird Zeit seines Lebens gehemmt und unsicher wirken. "Fleißig, aber nicht gerade begabt", urteilen seine Lehrer. Wirklich wohl fühlt sich der schlanke junge Mann nur im vertrauten Kreis. Vom Dasein draußen weiß er so gut wie nichts.
Heiliges Vatererbe
Aus Unsicherheit resultiert Starrheit der Überzeugungen: die Autokratie, das Prinzip der unumschränkten Selbstherrschaft, deutet Nikolai als heiliges Erbe des Übervaters. Dem russischen Wesen, meint er, sei genau diese Form des Regierens angemessen. Persönlich bevorzugen Nikolai und seine Frau Alexandra - geborene Alice von Hessen-Darmstadt und Enkelin der Königin Viktoria - den englischen, fast kleinbürgerlichen Lebensstil: Man speist bescheiden, spricht Englisch oder Französisch, mag Hunde und Entenjagden.
Höflich, wie er nun mal ist
Besucher empfängt der Zar freundlich und gibt, höflich wie er nun mal ist, immer dem letzten, der seine Meinung kundtut, recht. Servile Berater - wir würden sagen: Lobbyisten der Industrie - reden ihm 1904 den Krieg gegen Japan ein, den Russland schmählich verliert...
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Infobox
Die mystische Einheit...
von Oberhaupt und Volk - als Basis jeglicher Herrschaft: Relativ unmodern mutete so eine Theorie bereits zu Zeiten des letzten russischen Zaren an. Und sie war es auch, denn als "modern" galten ja die parlamentarischen Demokratien - zum Beispiel Großbritanniens und der USA -, wo gewählte Repräsentanten schon damals als Mittler des "Volkswillens" agierten.
Nur vier Jahre nach dem Tod Nikolai Romanows aber veränderte sich das Denken vieler Europäer: 1922 inszenierte Benito Mussolini seinen Marsch auf Rom und eroberte nach und nach diktatorische Macht im faschistischen Italien. Die gängige Staatstheorie des Faschismus gründete auf das Prinzip der Demokratie per Akklamation, also auf den Massenjubel zur Herrschaftslegitimation.
Mussolini - ähnlich wie später Hitler angeblich "wesenhaft" mit dem Volk verbunden -, und seine Bewunderer auch außerhalb Italiens, sahen gerade hierin die wahre, moderne Form der echten Volksherrschaft. Der Parlamentarismus mit seinen endlosen Debatten und umständlichen Instanzenzügen schien ihnen hingegen alt, korrupt und "verrottet". Bei dem Versuch, komplexe Gesellschaften aus der Intuition eines Einzelnen zu dirigieren, scheiterten allerdings sowohl Italiens "Duce" als auch der deutsche "Führer".
von Oberhaupt und Volk - als Basis jeglicher Herrschaft: Relativ unmodern mutete so eine Theorie bereits zu Zeiten des letzten russischen Zaren an. Und sie war es auch, denn als "modern" galten ja die parlamentarischen Demokratien - zum Beispiel Großbritanniens und der USA -, wo gewählte Repräsentanten schon damals als Mittler des "Volkswillens" agierten.
Nur vier Jahre nach dem Tod Nikolai Romanows aber veränderte sich das Denken vieler Europäer: 1922 inszenierte Benito Mussolini seinen Marsch auf Rom und eroberte nach und nach diktatorische Macht im faschistischen Italien. Die gängige Staatstheorie des Faschismus gründete auf das Prinzip der Demokratie per Akklamation, also auf den Massenjubel zur Herrschaftslegitimation.
Mussolini - ähnlich wie später Hitler angeblich "wesenhaft" mit dem Volk verbunden -, und seine Bewunderer auch außerhalb Italiens, sahen gerade hierin die wahre, moderne Form der echten Volksherrschaft. Der Parlamentarismus mit seinen endlosen Debatten und umständlichen Instanzenzügen schien ihnen hingegen alt, korrupt und "verrottet". Bei dem Versuch, komplexe Gesellschaften aus der Intuition eines Einzelnen zu dirigieren, scheiterten allerdings sowohl Italiens "Duce" als auch der deutsche "Führer".




