Wärme und Ökulei
Welche Rolle spielte das Kollektiv, diese "Grundeinheit sozialistischen Arbeitens und Lebens", tatsächlich? Ein Zeitzeuge erinnert sich.Kurz vor 7 Uhr morgens ist keine gute Zeit für geistige Höhenflüge. In den wenigen Minuten bis zur vollen Stunde laufen dreitausend "Werktätige" durch das Tor des Volkseigenen Betriebes (VEB) Plan. Knapp hinter dem Tor trennt sich der Strom: Eine Hälfte strebt den Werkstätten zu, die andere verschwindet im großen Verwaltungsgebäude. Das Verwaltungsgebäude ist gelblich-grau und heißt "Faultierhaus". Nicht ganz zu Recht, wie wir sehen werden.
Klappern und Schrecken
Im dritten Stock, hinten links, belegt der Kollege Lamm ein Viertel eines Büros. Vom Rest des Zimmers ist Lamms Sektor mittels quer gestellter Schränke getrennt. Kollege Lamm überwacht den "Plan der Arbeits- und Lebensbedingungen" des VEB Plan, raucht Pfeife und nickert zuweilen. An der gegenüberliegenden Seite der Schrankbarrikade sitzt die Kollegin Elster. Kollegin Elster kontrolliert Kostenstellen und hat eine mechanische Rechenmaschine.
Wenn Kollege Fuchs, der Abteilungsleiter, das Zimmer betritt, klappert Kollegin Elster und Kollege Lamm erschrickt. Kollege Lamm kann Kollegin Elster nicht leiden. Lamm, Elster und Fuchs bilden ein Kollektiv. Hinzu kommen Iltis, Marder und Bär. Zweimal pro Quartal gehen alle zusammen ins Theater.
Schwierig war es, den Wimpel nicht zu bekommen. Gefeiert aber wurde er doch.
"Für die Lebensverhältnisse in der DDR war es charakteristisch, in eine sozialistische Brigade bzw. in ein sozialistisches Arbeitskollektiv eingebunden zu sein", schreibt die Sozialwissenschaftlerin Gitta Scheller. Frau Scheller forscht an der Uni Bielefeld. Wie es sich für eine Sozialwissenschaftlerin heute zu gehören scheint, hat sie den Blick von oben und außen: "Als zentraler Bestandteil der sozialistischen Lebensweise", so Frau Scheller, "sollten die Arbeitskollektive wesentliche normative Orientierungen vermitteln, wobei die Orientierung am Solidaritätsideal zentral war."
Mühselig - und beladen
Im VEB Plan ist es 8 Uhr, allmählich gerät Leben in den Kollegen Lamm. Lamm ist privat - also eigentlich - Hühnerzüchter. Das Federvieh im heimischen Garten hält ihn aktiv. Darum geht Kollege Lamm nun auf Werkstättentour: Stall und Hühnerleiter, Dach und Futternapf bedürfen regelmäßiger Reparatur. Die Werkstattkumpels zeigen Verständnis. Mühselig - und beladen - kehrt Kollege Lamm zurück. Natürlich hat Lamm die verrottenden Waschräume auf seiner Tour gesehen. Den "Plan der Arbeits- und Lebensbedingungen" erfüllen Lamms Kumpels trotzdem immer. Lamm weiß: wirklich tun könnte er wenig.
"Hohes Verantwortungsgefühl"
"Auch faktisch war der Erwerbsbereich in der DDR bei weitem nicht so stark wie in der alten Bundesrepublik auf Konkurrenz und Leistungsdruck ausgerichtet. Mitmenschlichkeit, vertrauensvolle Zusammenarbeit und ein hohes Verantwortungsgefühl der Gruppenmitglieder untereinander waren Werte, denen auch real hohe Bedeutung zukam", findet die Sozialforscherin Scheller...
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Ökulei
Ökonomisch kultureller Leistungsvergleich (kurz: Ökulei) hieß eine Form des sozialistischen Wettbewerbs zwischen den Arbeitskollektiven. Der FDGB (Einheitsgewerkschaft in der DDR) initiierte 1959 die Bewegung "Sozialistisch arbeiten, lernen und leben". Die Arbeitskollektive sollten dabei den Kampf um den Titel "Kollektiv der sozialistischen Arbeit" aufnehmen.
Ein Ökulei dauerte in der Regel ein Planjahr. Bewertet wurden Kennziffern der Planerfüllung. Dem kulturellen Teil lagen die Kultur- und Bildungspläne sowie die Brigadetagebücher zugrunde. Höhepunkt war eine gesellige Veranstaltung. (nach: Lexikon des FDGB, Arbeitsversion)
Ökonomisch kultureller Leistungsvergleich (kurz: Ökulei) hieß eine Form des sozialistischen Wettbewerbs zwischen den Arbeitskollektiven. Der FDGB (Einheitsgewerkschaft in der DDR) initiierte 1959 die Bewegung "Sozialistisch arbeiten, lernen und leben". Die Arbeitskollektive sollten dabei den Kampf um den Titel "Kollektiv der sozialistischen Arbeit" aufnehmen.
Ein Ökulei dauerte in der Regel ein Planjahr. Bewertet wurden Kennziffern der Planerfüllung. Dem kulturellen Teil lagen die Kultur- und Bildungspläne sowie die Brigadetagebücher zugrunde. Höhepunkt war eine gesellige Veranstaltung. (nach: Lexikon des FDGB, Arbeitsversion)



