Leid im Schatten
Abseits fast jeder öffentlichen Wahrnehmung litten Rotarmisten, die in Kriegsgefangenschaft gerieten, gleich in doppelter Weise: unter ihren deutschen Peinigern und unter dem Terror des eigenen Regimes.Gefangene Rotarmisten auf der Krim, im Mai 1942: Besonders im ersten Jahr des Krieges war die Gefangenenzahl riesig. (Bild: Bundesarchiv, CreativeCommons)
Mansteins Korps war nur einer von zehn ähnlichen schnellen Verbänden, welche rasch die sowjetischen Linien durchbrachen und eine Voraussetzung schufen für gigantische Kesselschlachten.
Millionen Rotarmisten wurden eingeschlossen, dann vernichtet oder zum Aufgeben gezwungen. Allein das 56. Panzerkorps hatte nur wenige Wochen nach Angriffsbeginn Zehntausende Gefangene zu melden.
Indiz eines Zusammenbruchs
Knapp zwei Drittel der insgesamt 5,7 Millionen sowjetischen Soldaten, die zwischen Juni 1941 und Mai 1945 vor deutschen Truppen die Hände hoben, gerieten während des ersten Kriegsjahrs in Gefangenschaft. Für die Rote Armee waren die Gefangenenzahlen am Anfang des Krieges eine Katastrophe: sie waren das Indiz eines Zusammenbruchs.
August 1941: sowjetische Gefangene in einem Durchgangslager bei Smolensk. Die Rote Armee schien damals zu zerfallen. (Bild: Bundesarchiv, CreativeCommons)
Vernichtungskrieg
Dieser Befehl, der die gesellschaftliche Ächtung auch von Millionen sowjetischer Zivilisten nach dem Prinzip der Sippenhaft zur Folge hatte, war beispiellos in der modernen europäischen Militärgeschichte. Lediglich der Feind übertraf das Grauen noch, das sowjetischen Kriegsgefangenen schon von den eigenen Leuten drohte.
Von Anfang an nämlich war der Krieg gegen die Sowjetunion seitens der deutschen politischen Führung als Vernichtungskrieg angelegt. "Lebensraum im Osten" sollte entstehen durch Vertreibung, Versklavung und physische Ausrottung seiner Bewohner. Auf ideologischer Ebene bezweckte der Feldzug die "Auslöschung des bolschewistischen Ideenguts" und seiner Träger. Beides schlug sich in der Behandlung von Gefangenen nieder.
Der Exzess des Schreckens erwartete sowjetische Soldaten nach dem Frontenwechsel: Angehörige der Roten Armee, die zum Beispiel das Korps des Generals Manstein im August 1941 am Ilmensee gefangennahm, mussten zunächst über 900 Kilometer marschieren, um in eines der ersten vorbereiteten Lager auf dem Gebiet des besetzten Polen zu gelangen. Wachmannschaften erschossen Tausende erschöpfter Gefangener schon auf dem Marsch. Andere erfroren in offenen Güterwaggons, sobald der Winter hereingebrochen war.
Umzäunte kahle Fläche
Bewusst zu knapp kalkulierte Ressourcen und von der höheren Führung geförderte Brutalität reduzierten die Zahl der Gefangenen, die in den Lagern versorgt werden mussten. Für einen sowjetischen Soldaten, der Mansteins rasch vorrückendem Korps im August 1941 in die Hände gefallen war, standen die Chancen folglich schlecht, überhaupt im Lager anzukommen.
Schaffte er es dennoch - nach wochenlangen Märschen fast ohne Wasser und Nahrung -, entpuppte sich das Lager als umzäunte kahle Fläche, auf der die Gefangenen mit bloßen Händen Erdhöhlen gruben. Fleckfieber, Typhus und Ruhr grassierten, medizinische Versorgung fehlte, Fälle von Kannibalismus traten auf. Erst nach und nach wurden Baracken und Wirtschaftsgebäude errichtet. Die Goebbels-Propaganda zeigte der deutschen Öffentlichkeit erschöpfte, ausgemergelte Rotarmisten als Beispiele asiatischen Untermenschentums.
Den systematischen Mord durch Hunger, Krankheit und Erschöpfung ergänzten Selektionen, die auf dem Geist von Hitlers Kommissarbefehl vom 6. Juni 1941 basierten: Einsatzgruppen aus Sicherheitspolizei und Sicherheitsdienst (SD) filterten Gefangene heraus, die dem Naziregime ideologisch verdächtig erschienen. Neben Kommissaren, die man üblicherweise sofort erschoss, waren das Juden, einstige Funktionäre und Kommandeure. Letztere drei Gruppen wurden in Konzentrationslager überstellt und damit dem Verantwortungsbereich der Wehrmacht entzogen. Historiker schätzen die Anzahl der als "politisch untragbar" ermordeten Gefangenen auf etwa 140.000.
Arbeitseinsatz
Nach dem Scheitern des deutschen Blitzkriegs im Winter 1941 vor Moskau änderte sich der Charakter der militärischen Auseinandersetzung. Die Gefangenenzahlen nahmen kontinuierlich ab. Andererseits fehlten in Deutschland Arbeitskräfte, was nicht zuletzt der Rüstungsindustrie erhebliche Probleme bereitete. Gemeinsam mit zwangsrekrutierten Zivilisten aus den besetzten Gebieten zog man Kriegsgefangene ab Ende 1942 verstärkt zum Arbeitseinsatz heran.
Die Vernichtungsabsicht kollidierte nun mit wirtschaftlichen Notwendigkeiten, zumal der deutschen Zivilbevölkerung Belastungen möglichst erspart werden sollten. Anhaltend hohe Todesraten und niedrigere Gefangenenzahlen an der Front hatten den Effekt, dass die Zahl der Lagerinsassen stetig zurückging.
Ins Konzentrationslager überstellt: Appell sowjetischer Gefangener nach Ankunft im KZ Mauthausen, Oktober 1941.
(Bild: Bundesarchiv, CreativeCommons)
(Bild: Bundesarchiv, CreativeCommons)
Als der mörderische Umgang mit sowjetischen Gefangenen in den Nürnberger Prozessen zur Sprache kam, versuchten Wehrmachtskommandeure, sich auf organisatorische Schwierigkeiten herauszureden. Angeblich habe man solche Massen von Gefangenen nicht vorhersehen können. Zudem sei die Sowjetunion niemals der Genfer Kriegsgefangenenkonvention von 1929 beigetreten. Dem steht die Tatsache entgegen, dass der Krieg gegen die Sowjetunion vom Konzept her als Vernichtungskrieg vorgesehen war.
Gefangenschaft als Schmach
Stalins siegreiche Sowjetunion nahm ihre aus deutschen Lagern zurückkehrenden Soldaten höchst ungnädig auf. Für viele begann auf heimatlichem Boden eine neue Etappe des Leidens. Und auch diese Etappe bedeutete Leid im Schatten, möglichst ohne Wissen der Welt. Arbeitslager, nicht selten den Tod, musste fürchten, wer freiwillig oder unfreiwillig gegen Stalins Befehl Nr. 270 verstoßen hatte.
Sogar in der historischen Erinnerung kamen die Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen lange nicht aus dem Schatten heraus: Helden waren im sowjetischen Machtbereich nach 1945 allein die im Kampf gefallenen Rotarmisten. Gefangenschaft galt als Schmach - oft als Verbrechen. Erst am 24. Januar 1995 rehabilitierte ein russischer Präsidentenerlass all jene, die das Unglück hatten, Kriegsgefangene gewesen zu sein.
Michael Schmittbetz (11.01.2012)
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Zeithain - vom Stalag zur Gedenkstätte
Sechzig Front-Stalags, also Mannschafts-Stammlager für sowjetische Gefangene, gab es ab 1941 im Generalgouvernement und auf besetztem sowjetischen Territorium. 14 Standorte existierten innerhalb des Deutschen Reiches. In jedem der Lager war die Unterbringung von bis zu 30.000 Kriegsgefangenen vorgesehen.
Das Lager Zeithain bei Riesa (Stalag IV H) war für die damaligen Verhältnisse typisch: Auf dem Gebiet eines ehemaligen Truppenübungsplatzes gelegen, besaß es hinreichende Verkehrsanbindung, konnte aber auch leicht von der Umgebung abgeschirmt werden.
Von April bis Juni 1941 erstreckte sich die organisatorische Vorbereitungsphase, nachdem klar war, dass große Anzahlen sowjetischer Gefangener untergebracht werden müssen. Ab Juli bauten zweitausend Gefangene Unterkünfte für Wachen und Wirtschaftsgebäude. Ab September errichteten sie die erste Gefangenenbaracke.
Von den bis Ende 1941 ins Lager Zeithain gesteckten rund zehntausend Gefangenen fielen etwa siebentausend schon beim Aufbau der schlechten Hygiene und unzureichenden Ernährung zum Opfer. Einsatzgruppen selektierten rund tausend Insassen, die in das Konzentrationslager Buchenwald transportiert wurden.
Ab September 1942 wandelte sich das Lager Zeithain schrittweise zum Lazarett für in Arbeitskommandos Verunglückte oder Erkrankte. Eine Besserung der Lebensbedingungen ging damit nicht einher. 25.000 bis 30.000 sowjetische Kriegsgefangene sowie 900 Gefangene aus anderen Ländern, mehrheitlich Italiener, sind in Zeithain verstorben.
Die heutige Gedenkstätte auf dem einstigen Lagergelände entstand aus einem Ehrenhain, den die sowjetische Militäradministration anlegen ließ. Ab 1977 begannen Aufarbeitungsversuche in der DDR. Begründet wurde das nicht mit dem Leid der Gefangenen schlechthin, sondern mit Berichten über einen "antifaschistischen" Widerstand innerhalb des Lagers.
"Nach 1989", heißt es auf der Homepage der Gedenkstätte, "stellten Sparmaßnahmen und allgemeines Desinteresse den Fortbestand in Frage." 1997 schrieb der Historiker Jörg Osterloh im Rahmen einer Stiftungsförderung die erste Gesamtdarstellung der Lagergeschichte.
Heute können Besucher eine Dauerausstellung im Hauptgebäude sowie eine wiedererrichtete Gefangenenbaracke besichtigen. Auch die vier sowjetischen Friedhöfe und der italienische Soldatenfriedhof sind in die Gedenkstätte einbezogen.
Das Lager Zeithain bei Riesa (Stalag IV H) war für die damaligen Verhältnisse typisch: Auf dem Gebiet eines ehemaligen Truppenübungsplatzes gelegen, besaß es hinreichende Verkehrsanbindung, konnte aber auch leicht von der Umgebung abgeschirmt werden.
Von April bis Juni 1941 erstreckte sich die organisatorische Vorbereitungsphase, nachdem klar war, dass große Anzahlen sowjetischer Gefangener untergebracht werden müssen. Ab Juli bauten zweitausend Gefangene Unterkünfte für Wachen und Wirtschaftsgebäude. Ab September errichteten sie die erste Gefangenenbaracke.
Von den bis Ende 1941 ins Lager Zeithain gesteckten rund zehntausend Gefangenen fielen etwa siebentausend schon beim Aufbau der schlechten Hygiene und unzureichenden Ernährung zum Opfer. Einsatzgruppen selektierten rund tausend Insassen, die in das Konzentrationslager Buchenwald transportiert wurden.
Ab September 1942 wandelte sich das Lager Zeithain schrittweise zum Lazarett für in Arbeitskommandos Verunglückte oder Erkrankte. Eine Besserung der Lebensbedingungen ging damit nicht einher. 25.000 bis 30.000 sowjetische Kriegsgefangene sowie 900 Gefangene aus anderen Ländern, mehrheitlich Italiener, sind in Zeithain verstorben.
Die heutige Gedenkstätte auf dem einstigen Lagergelände entstand aus einem Ehrenhain, den die sowjetische Militäradministration anlegen ließ. Ab 1977 begannen Aufarbeitungsversuche in der DDR. Begründet wurde das nicht mit dem Leid der Gefangenen schlechthin, sondern mit Berichten über einen "antifaschistischen" Widerstand innerhalb des Lagers.
"Nach 1989", heißt es auf der Homepage der Gedenkstätte, "stellten Sparmaßnahmen und allgemeines Desinteresse den Fortbestand in Frage." 1997 schrieb der Historiker Jörg Osterloh im Rahmen einer Stiftungsförderung die erste Gesamtdarstellung der Lagergeschichte.
Heute können Besucher eine Dauerausstellung im Hauptgebäude sowie eine wiedererrichtete Gefangenenbaracke besichtigen. Auch die vier sowjetischen Friedhöfe und der italienische Soldatenfriedhof sind in die Gedenkstätte einbezogen.
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Gefangen in der Sowjetunion
Rund 3,15 Millionen Soldaten der Wehrmacht gerieten zwischen 1941 und 1945 in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Rund 1,11 Millionen kamen dabei um.
Anders als auf deutscher Seite war das sowjetische Verhalten Gefangenen gegenüber nicht von ideologisch motiviertem Vernichtungswillen geprägt. Aus systematisch geschürtem Hass geborene Brutalität war freilich nicht selten. Völkerrechtswidrige Tötungen von Gefangenen kamen laut deutschen Berichten vor allem im Frontbereich vor - und betrafen zu einem erheblichen Teil Angehörige der Waffen-SS.
Das Elend deutscher Kriegsgefangener in der Sowjetunion ergab sich weitestgehend aus dem gleichen Mangel an Nahrungsmitteln und sonstigen Ressourcen, an dem auch die sowjetische Zivilbevölkerung litt.
Zweifellos hatte auch die sowjetische Seite dramatische organisatorische Probleme, als ihr erstmals große Mengen deutscher Soldaten in die Hände fielen: Von den rund 91.000 im Januar und Februar 1942 bei Stalingrad gefangenen Wehrmachtsangehörigen überlebten nur wenige.
Entgegen den Regeln des Völkerrechts hielt die Sowjetunion Zehntausende deutsche Gefangene bis ins Jahr 1955 hinein in Gewahrsam. Erst nach einem Besuch des deutschen Bundeskanzlers Konrad Adenauer im September 1955 in Moskau und der Aufnahme diplomatischer Beziehungen wurden die letzten Gefangenen freigelassen.
Anders als auf deutscher Seite war das sowjetische Verhalten Gefangenen gegenüber nicht von ideologisch motiviertem Vernichtungswillen geprägt. Aus systematisch geschürtem Hass geborene Brutalität war freilich nicht selten. Völkerrechtswidrige Tötungen von Gefangenen kamen laut deutschen Berichten vor allem im Frontbereich vor - und betrafen zu einem erheblichen Teil Angehörige der Waffen-SS.
Das Elend deutscher Kriegsgefangener in der Sowjetunion ergab sich weitestgehend aus dem gleichen Mangel an Nahrungsmitteln und sonstigen Ressourcen, an dem auch die sowjetische Zivilbevölkerung litt.
Zweifellos hatte auch die sowjetische Seite dramatische organisatorische Probleme, als ihr erstmals große Mengen deutscher Soldaten in die Hände fielen: Von den rund 91.000 im Januar und Februar 1942 bei Stalingrad gefangenen Wehrmachtsangehörigen überlebten nur wenige.
Entgegen den Regeln des Völkerrechts hielt die Sowjetunion Zehntausende deutsche Gefangene bis ins Jahr 1955 hinein in Gewahrsam. Erst nach einem Besuch des deutschen Bundeskanzlers Konrad Adenauer im September 1955 in Moskau und der Aufnahme diplomatischer Beziehungen wurden die letzten Gefangenen freigelassen.



