Tribunal der Sieger
Niemals wurde ein Gerichtsverfahren derart häufig und kontrovers diskutiert wie der Nürnberger Prozess. Es waren Verhandlungen die Maßstäbe setzten, vom 20. November 1945 bis zum 1. Oktober 1946 im Nürnberger Justizgebäude in der Fürther Straße. Über das große Verfahren vor dem Internationalen Militärtribunal (IMT) gegen die überlebenden Nazi-Hauptkriegsverbrecher haben Historiker Tausende von Seiten geschrieben, auch im Internet gibt es heute jede Menge Übersichten, Darstellungen und Kommentare.Vorbild Nürnberg?
Zwei Punkte sollen hier angesprochen werden, die erstens die nachhaltige Wirkung des Prozesses betreffen, und zweitens sein Kernproblem: den Vorwurf der "Siegerjustiz". Beide Punkte stehen in enger Verbindung, denn spricht man dem Vorbild Nürnberg die Legitimität ab, dann wäre ebenso manch andere Institution in Frage gestellt, die in der Gegenwart, unter Berufung auch auf das IMT, Kriegsverbrechen verfolgen soll.
Modell und Anspruch
"Wir dürfen niemals vergessen, dass nach dem gleichen Maß, mit dem wir die Angeklagten heute messen, auch wir morgen vor der Geschichte gemessen werden. Diesen Angeklagten einen vergifteten Becher reichen, bedeutet, ihn an unsere eigenen Lippen zu bringen." Genau so lautet die wahrscheinlich bedeutendste Passage aus der Eröffnungsrede des US-Hauptanklägers von Nürnberg, Robert Jackson. Der Nürnberger Prozess erhielt damit von Anfang an den Status eines Modells. Wer auch immer Kriegsverbrechen oder Verbrechen gegen Frieden und Menschlichkeit begehe, sei nach den vom Nürnberger Tribunal gesetzten Maßstäben abzuurteilen - dies der Anspruch. Es war ein hoher, um nicht zu sagen fast unerfüllbarer Anspruch.
Vier Siegermächte
Dass das Gericht sich ausschließlich aus Vertretern der vier alliierten Siegermächte zusammensetzen würde, hatten Absprachen schon während des Krieges unwiderruflich festgelegt. "Neutrale" standen praktisch nicht zur Verfügung und an die Beteiligung von Deutschen als Richter über ihre Landsleute hatte nie jemand gedacht. "Wer sonst, wenn nicht die Alliierten, hätte den Prozess führen sollen?", fragt der Historiker Golo Mann. "Die deutsche Bevölkerung ließ die Prozessberichte aus Nürnberg allabendlich über sich ergehen, ohne viel Interesse, ohne viel Hass gegen die eine oder andere Seite... die Frage, was es am nächsten Tag zu essen geben würde, war brennender." ...
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Infobox
Preußischer Innenminister, Reichsmarschall, Reichs-Oberjägermeister, Oberbefehlshaber der Luftwaffe, Chef der Vier-Jahres-Plan-Behörde - die komplette Liste der Ämter, die Hermann Göring zeitweise innehatte, würde eine halbe Buchseite füllen. 1893 geboren, machte der spätere Träger des Pour le Merite, der höchsten deutschen Auszeichnung im Ersten Weltkrieg, um 1916 erstmals als erfolgreicher Kampfflieger von sich reden. Zu den Nazis fand er nach persönlichen Krisen, die den Hauptmann a. D. bis in die Morphiumabhängigkeit trieben. Auch weil Göring schon am Hitlerputsch 1923 beteiligt war, gehörte er zu den prädestinierten Führungsfiguren nach der "Machtergreifung" Hitlers 1933. Der "dicke Hermann" war bei Kreisen der Bevölkerung beliebt, seine Prunksucht belächelte man. Das änderte sich bald im Bombenhagel der Alliierten. Eine Teilschuld schrieben viele dem Versagen von Görings Luftwaffe zu. Göring fiel schließlich sogar bei Hitler in Ungnade. Als er sich selbst im April 1945 als Nachfolger Hitlers vorschlug, ließ der ihn durch die SS verhaften. Im Nürnberger Prozess vom Militärtribunal zum Tod durch Erhängen verurteilt, nahm Göring am Vorabend der Hinrichtung eine Giftampulle. Das "Gnadengesuch" Görings, in welchem er die Bitte aussprach, vor einem Erschießungskommando sterben zu dürfen, hatten die Richter abgelehnt. Seine gewitzte Verteidigung gegenüber dem oft schlecht präparierten US- Hauptankläger erregte in den Monaten zuvor die Aufmerksamkeit der Weltpresse.


