Der lange Weg zum Aufstand
Lenin kehrt im April 1917 nach Russland zurück. Im Kopf hat er einen Plan: Die Zeit für den Umsturz, meint Lenin, sei reif. Was war der Grundgedanke des "Vaters des Roten Oktober"?Ein Fremder redet zu den Massen: Lenin verspricht 1917 Frieden, Boden und Brot.
Ganz unbekannt ist der Ankömmling, der nun vom eilig herbeigeschafften Panzerwagen atemlose Sätze spricht, den Massen nicht. Die Zeitungen sind voll von Gerüchten: Frieden will er schließen; aufhören soll der Krieg gegen die Deutschen. Den Bauern will er Boden verschaffen, den Massen Brot. Aber kennt der Fremde, nach 16 Jahren Exil, die russischen Massen? Verbindet ihn noch viel mit dem Land, das er vor so langer Zeit verließ?
Richtung und Ziel
Lenins Ankunft in Petrograd, inmitten der turbulenten Monate zwischen bürgerlicher Februar- und bolschewistischer Oktoberrevolution, ist für stalinistische Ideologen immer ein mythisch aufgeladenes Ereignis gewesen: Als hellsichtiger Messias, so hieß es, führte der "Vater des Roten Oktober" Bolschewiki und Massen auf geradem Weg zur Diktatur des Proletariats. Sein Trommeln zum Aufstand, jetzt oder nie!, gab der Partei Richtung und Ziel.
Wer soll das Fußvolk sein?
Tatsächlich sind die Wege im Frühjahr und Sommer 1917 keinesfalls gerade, sondern fast unüberschaubar verschlungen. Lenin hat zu kämpfen, gegen Zweifler in den eigenen Reihen: Bolschewistischer Aufstand!? Will der Mann den politischen Selbstmord? Wo ist denn das klassenbewusste Proletariat in diesem rückständigen Bauernland? Wo sind die Produktivkräfte auf höchstem Niveau, die Marx als Voraussetzung forderte für die proletarische Revolution?
Und überhaupt: Wer soll das Fußvolk sein für die letzte aller Revolutionen? Ein paar Tausend eingeschriebene Bolschewiken in Moskau und Petrograd? Marxistisch geschulten Genossen muss der zurückgekehrte Emigrant wie ein weltfremder Abenteurer erscheinen.
Ewig auf der Flucht
Lenin, eigentlich Wladimir Iljitsch Uljanow, geboren am 22. April 1870 als Sohn eines Schullehrers in Simbirsk, hat allzu lange die Zeit an sich vorbeistreichen sehen. 1895, nach Jahren politischer Untergrundarbeit, verhaftet und nach Sibirien verbannt von der zaristischen Polizei; ab 1900 illegal in Genf und in München;
Kommt die Revolution? Wenn wir tot sind? Hier die russischen Menschewiki Axelrod, Martow und Martynow 1917 in Schweden.
Kochen im eigenen Saft
Die Genfer Russen hocken in den immer gleichen Cafés, schlagen und streiten sich um immer die gleichen Dinge: Feinheiten der marxistischen Theorie, die kaum ein Außenstehender begreift. Ganz weit draußen ist Russland. Unbefriedigend sind die Nachrichten von dort. Zwar gibt es Streiks, Aufruhr sogar - 1905 hätte man fast den Zaren gekippt -, aber das Regime sitzt wieder fest im Sattel.
Kommt die Revolution? Wenn ja, wann? Wenn wir tot sind? Zu spät! Das Häuflein der Emigranten kocht im eigenen Saft: Depressionen, Alkohol, Verräterei. Lenin wählt die Askese, spritzt dafür Gift und Galle auf dem Papier. Körperlich feige, meidet der typische Intellektuelle handfeste Konflikte und ist umso verbissener im revolutionären Glauben.
Lenin begrüßt das Gemetzel
Da beginnt im August 1914 der Krieg. Die kapitalistische Welt, der man per Revolution den Garaus machen will, fängt an, sich von allein zu zerfleischen. Lenin begrüßt das Gemetzel, sieht Chancen. Aber die Proletarier aller Länder richten die Gewehre nicht auf ihre Unterdrücker, sondern töten einander.
Die Arbeiter aller Länder töten einander: begeisterte deutsche Soldaten im August 1914 auf dem Weg an die Front. (Bild: Bundesarchiv, Lizenz: Creative Commons)
Marx wird angepasst
Wer nach dem 'was' fragt, der fragt auch nach dem 'wo': Wo soll die Weltrevolution ihren Anfangspunkt haben, wo die heiß ersehnte Eruption beginnen? Dem Buchstaben der marxistischen Theorie entsprechend, läge dieser Anfangspunkt in den wirtschaftlich fortgeschrittensten Ländern.
Lenin variiert die Theorie: Weshalb nicht die Lunte anzünden am abbröckelnden Rand der kapitalistischen Weltherrschaft? Wäre nicht gerade Russland der geeignete Ort, von dem der Funke überspringt auf den Kontinent, auf Deutschland, England, Frankreich, also auf die vom alten Marx bevorzugten Regionen? Den schwachen russischen Staat hat ja der Krieg schon an den Rand des Abgrunds getrieben. Doch hier gibt es ein gewaltiges Problem: Ausgerechnet für Russland, für die offene Flanke des verhassten Weltkapitalismus, ist die Subjektfrage ungeklärt. Dem Angriff fehlen die Truppen.
"Avantgarde des Proletariats"
Um Lenins Denken zu verstehen, müssen wir einige Jahre zurückgehen: Was tun? heißt Lenins Buch aus dem Jahr 1902. Erstmals ist dort die Rede von der "Avantgarde des Proletariats", der paramilitärisch organisierten Kaderpartei: Ein Elitekorps der Revolution, eine "Partei neuen Typs" (im Unterschied zur alten Sozialdemokratie), fordert Lenin nach 1902 zunächst theoretisch. Der Stoßtrupp soll die Lücke füllen, die das Fehlen reifer proletarischer Massen offen lässt...
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Infobox
Wladimir Iljitsch Uljanow wird am 22. April 1870 als Sohn eines Lehrers und späteren Schulinspektors und einer Gutsbesitzertochter in Simbirsk geboren. Ab 1882 besitzt die Familie den erblichen Kleinadel.
1879 bis 1887 lernt der junge Uljanow am Gymnasium in Simbirsk. 1887 wird sein älterer Bruder Alexander wegen eines geplanten Attentats auf den Zaren gehängt.
1887 bis 1891 studiert Uljanow Jura in Samara. Dort ist er bereits revolutionär aktiv. Hier, wie auch später, lebt er von Zuwendungen aus dem Gut seiner Mutter.
1893 siedelt Uljanow nach St. Petersburg über. Dort gibt es erste Kontakte zu führenden Sozialdemokraten.
1895 wird Uljanow erstmals verhaftet, sitzt zwei Jahre im Gefängnis und bringt dann drei Jahre in der sibirischen Verbannung nahe des Flusses Lena zu. Die Vermutung, dass sein Kampfname Lenin (etwa: der von der Lena) auf die Verbannung - ein Statussymbol unter Revolutionären - anspielt, ist unbewiesen.
Ab 1900 ist Lenin im Exil in Westeuropa. Er beteiligt sich an der Gründung der Zeitung Iskra (Funke).
1903 setzt Lenin sein Konzept einer Kaderpartei auf dem zweiten Kongress der SDAPR in London durch. Die Partei spaltet sich daraufhin in Menschewiki und Bolschewiki.
1914, bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs, lebt Lenin in der Schweiz. Im April 1917 reist er nach Petrograd. Nach dem erfolgreichen bolschewistischen Oktoberputsch ruft Lenin die Räterepublik aus.
1918 bis 1920, während des russischen Bürgerkriegs, etabliert Lenin den revolutionären Terror. Er stabilisiert die diktatorische Herrschaft der Kaderpartei und eliminiert andere Parteien, darunter auch Menschewiki und Sozialrevolutionäre. Im August 1918 verwundet ihn die Sozialrevolutionärin Dora Kaplan bei einem Attentat.
1921, angesichts von Bauernaufständen und Arbeiterprotesten, die blutig niedergeschlagen werden, ruft Lenin eine neue Wirtschaftspolitik aus, um den Lebensstandard zu heben. 1922 und 1923 erleidet er Schlaganfälle und beobachtet hilflos Stalins Aufstieg. Lenin versucht vergeblich, Trotzki gegen Stalins schon übermächtige Staatsbürokratie zu positionieren.
Am 21. Januar 1924 stirbt Lenin in Gorki bei Moskau.
Infobox
Moderne Marxisten…
diskutieren Lenins Theorie heute kontrovers. Vertreter vieler europäischer linker Strömungen neigen dazu, Lenins angebliche Weiterentwicklung des Marxismus als Irrweg anzusehen. Dabei spielt die poststalinistische Erfahrung im Ostblock eine wesentliche Rolle. Europäische Marxisten halten dem russischen Revolutionsführer häufig Voluntarismus vor, also die (unmarxistische) Unsitte, Willens- und Wunschwelten über objektive Bedingungen zu stellen.
Zudem ist Lenin aus dieser Sicht der echte Vorläufer des Massenmörders Stalin. Oft wird darauf verwiesen, dass Lenin, und nicht etwa Stalin, eigentlicher Begründer des Sowjetterrors gewesen sei. Stalin habe den Terror lediglich zur letzten Konsequenz geführt.
Zudem ist Lenin aus dieser Sicht der echte Vorläufer des Massenmörders Stalin. Oft wird darauf verwiesen, dass Lenin, und nicht etwa Stalin, eigentlicher Begründer des Sowjetterrors gewesen sei. Stalin habe den Terror lediglich zur letzten Konsequenz geführt.
Im Unterschied zu diesen Auffassungen werfen trotzkistische Marxisten Lenins Theorie keineswegs über Bord. Das revolutionäre Potenzial der Kaderpartei sei vielmehr unverzichtbar, besonders in wenig entwickelten Weltregionen.
Allerdings müsse, so zum Beispiel die Ansicht des trotzkistischen Ökonomen Ernest Mandel, bürokratische Herrschaft - als "Stalinismus" gebrandmarkt - durch Formen direkter Demokratie vermieden werden. Wie das geschehen soll, wie man also die Ursache (Kaderpartei) behalten und die Folge (bürokratische Diktatur) vermeiden will, bleibt offen.
Allerdings müsse, so zum Beispiel die Ansicht des trotzkistischen Ökonomen Ernest Mandel, bürokratische Herrschaft - als "Stalinismus" gebrandmarkt - durch Formen direkter Demokratie vermieden werden. Wie das geschehen soll, wie man also die Ursache (Kaderpartei) behalten und die Folge (bürokratische Diktatur) vermeiden will, bleibt offen.
Eine ähnliche Struktur erscheint gegenwärtig in den Kämpfen der Bolivarischen Revolution auf dem südamerikanischen Halbkontinent. Die Debatte um den "Sozialismus des 21. Jahrhunderts" - ein Slogan des deutschen, in Mexiko lehrenden Professors Heinz Dieterich - wirkt streckenweise wie eine Neuauflage des Lenin-Problems.
Als ehemaliger (informeller) Berater des venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez fordert Dieterich zwar einerseits den basisdemokratischen Staat, ist aber andererseits mit Elementen des Führerkults und bürokratischer Willkür im anti-neoliberalen bolivarischen Prozess konfrontiert. Die Frage nach dem revolutionären Subjekt, Lenins Grundfrage, die den russischen Revolutionär umtrieb und an der er letztlich scheiterte, besitzt Brisanz bis in unsere Tage.
Als ehemaliger (informeller) Berater des venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez fordert Dieterich zwar einerseits den basisdemokratischen Staat, ist aber andererseits mit Elementen des Führerkults und bürokratischer Willkür im anti-neoliberalen bolivarischen Prozess konfrontiert. Die Frage nach dem revolutionären Subjekt, Lenins Grundfrage, die den russischen Revolutionär umtrieb und an der er letztlich scheiterte, besitzt Brisanz bis in unsere Tage.



