Das Jahr 1989: Zeitzeugen im Interview
7. Mai 1989: Wie alle vier Jahre lassen die DDR-Oberen Kommunal"wahlen" abhalten. Und wie immer steht auf den Wahlzetteln pro Sitz in den Bezirks- und Kreistagen nur ein Kandidat. Doch etwas ist diesmal anders: Oppositionelle Gruppen schicken Beobachter in die Wahllokale. Als der Vorsitzende der Staatlichen Wahlkommission, Egon Krenz, am Abend 98,85 Prozent Zustimmung für die Kandidaten verkündet, ist der Betrug rasch entlarvt. Damit kippt die Stimmung in der DDR endgültig. Selbst linientreue Genossen verlieren das Vertrauen in ihre Führung. Zudem ist die Vorgehensweise des Apparats ein klares Indiz für Realitätsverlust: Auch ohne kritische Beobachter hätte niemand die 98,85 Prozent des Genossen Krenz geglaubt.(Ilona Langer, Chemnitzer Malerin und ehemalige Aktivistin des Neuen Forums, Martin Böttger, Bürgerrechtler und damals Wahlbeobachter in Berlin-Weißensee, Dr. Dieter Füsslein, ehemaliger stellvertretender Bürgermeister von Karl-Marx-Stadt)
4. Juni 1989: Chinesisches Militär und Polizei richten auf dem Pekinger Tiananmen-Platz ein Blutbad an. Angaben von Menschenrechtsorganisationen schwanken zwischen 2.500 und 7.000 Toten. Viele Menschen in der DDR befürchten, dass die SED- Führung auf Demonstrationen gegen das ostdeutsche Regime ähnlich reagieren könnte. Glücklicherweise bewahrheitet sich dies nicht. Die Befürchtungen sind allerdings nicht aus der Luft gegriffen: Politiker wie Hans Modrow, Günther Schabowski und Egon Krenz besuchen China und bekennen sich zum Vorgehen der chinesischen Genossen. "Konterrevolutionärer Aufruhr in China wurde durch Volksbefreiungsarmee niedergeschlagen", kommentiert das SED-"Zentralorgan" Neues Deutschland.
(Martin Böttger, Bürgerrechtler und damals Wahlbeobachter in Berlin-Weißensee)
Frühjahr und Sommer 1989: Michail Sergejewitsch Gorbatschow, Generalsekretär der KPdSU, wird zum Hoffnungsträger für die erstarkenden oppositionellen Bewegungen in der DDR. Parallel dazu geht die DDR-Staatsführung immer mehr auf Distanz zu Glasnost und Perestroika. Dass die "Lichtgestalt" Gorbatschow innerhalb der Sowjetunion längst an Popularität verloren hat, ist seinen deutschen Verehrern weitgehend unbekannt. Gorbatschow steht in deren Augen für die Möglichkeit einer reformierten sozialistischen Gesellschaft. Außerdem garantiert seine moderate Politik, dass niemals wieder - wie etwa im Juni 1953 - eine Reform durch Eingreifen sowjetischer Besatzungstruppen unterdrückt wird.
(Ilona Langer, Chemnitzer Malerin und ehemalige Aktivistin des Neuen Forums)
27. Juni 1989: Der ungarische Außenminister Gyula Horn und sein österreichischer Kollege Alois Mock zerschneiden bei Sopron den Stacheldrahtzaun an der gemeinsamen Grenze. In der DDR löst das einen Flüchtlingsstrom aus, der Mitte August in der größten Massenflucht von DDR-Bürgern nach dem Bau der Mauer gipfelt. Die politische Existenzgrundlage des DDR-Regimes ist damit zerstört: Wer will, kann mit den Füßen abstimmen. Das Verhalten der oppositionellen Gruppen zur Fluchtbewegung ist ambivalent: Es gilt die Devise "Wir bleiben hier!". Ziel ist die Gestaltung einer freien Gesellschaft aus eigener Kraft und in eigener Regie. Doch sie werden von der Geschichte (genauer: von der wirtschaftlichen und politischen Macht der Einigungsbefürworter) überrollt. Bis zum Rücktritt Erich Honeckers am 18. Oktober vergehen noch knapp vier Monate; bis zum Ende der DDR dauert es noch drei Monate und ein Jahr. Was folgt, ist ein Einschnitt im Leben der Menschen in Ostdeutschland, dessen Tiefe selbst im turbulenten Sommer und Herbst 1989 niemand ahnt.
(Ilona Langer, Martin Böttger und Dr. Dieter Füsslein)
Die Interviews führte Fernsehautorin Romy Miska, für den Text auf der Website: Michael Schmittbetz (02.09.2009).
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Das Wort "Wende" - angewandt auf die Ereignisse des Herbstes 1989 - stammt ursprünglich von Egon Krenz. Am 18. Oktober 1989, dem Tag, an dem ihn das Politbüro zum Nachfolger Erich Honeckers wählte, verkündete der neue Generalsekretär voller Zuversicht: "Mit dieser Tagung werden wir eine Wende einleiten, werden wir vor allem die politische und ideologische Offensive wiedererlangen." Die Schriftstellerin Christa Wolf verwies kurze Zeit später ironisch auf die Wende beim Segeln: der Wind hat sich gedreht, die Mannschaft duckt sich, weil der Segelbaum übers Boot fegt… Nun, Krenz' Zuversicht blieb unerfüllt: die SED erlangte niemals wieder die Offensive. Akteure der Stunde waren Bürgerbewegungen wie das Neue Forum, die Vereinigte Linke, der Demokratische Aufbruch und andere. Sie alle erstrebten - zumindest in den Monaten vor ihrer teilweisen Absorption durch die bundesdeutsche Parteienlandschaft - eine eigenständige, umgestaltete DDR, getragen von den antibürokratischen Idealen eines menschlichen, partizipatorischen Sozialismus. Akteure waren ferner Zehntausende DDR-Bürger, die sich auf den Weg gen Westen begaben, aus Sehnsucht nach einem Leben in gesichertem Wohlstand und Freizügigkeit. Akteure waren aber auch zahlreiche Angehörige von alten DDR-Führungsschichten, entschlossen, mit dem neuen Wind zu segeln: Sie kooperierten früh mit Einflusspersonen besonders auf wirtschaftlichem Gebiet, die aus dem Westen Deutschlands kamen. Soziologen bevorzugen anstelle der Wörter "Wende" oder "friedliche Revolution" den Begriff Transformation. Er schließt Aufbau ein und Zerstörung, Hoffnung und enttäuschte Erwartung, Horizonterweiterung und Existenznot - kurz alles, was gesellschaftliche Umbrüche charakterisiert.
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Das Neue Forum war ein Zusammenschluss reformbereiter Menschen in der DDR aus fast allen sozialen Schichten. Dabei überwogen jedoch Akademiker und Künstler, was den Aufbau einer Massenbasis nicht immer leicht machte. Zwar waren die politischen Vorstellungen unterschiedlich, Einigkeit bestand allerdings in der Ablehnung des bestehenden zentralistischen Systems. Die Mehrzahl der Mitglieder des am 10. September 1989 gegründeten Neuen Forums erstrebte keine kapitalistische Ordnung und ging vom Weiterbestehen der Zweistaatlichkeit Deutschlands aus. Ausgangspunkt war die Festellung, dass die Kommunikation zwischen Staat und Gesellschaft gestört sei. Zweifellos hatte das Neue Forum eine hohe Mobilisierungswirkung: der Protest auf den Straßen, die Montagsdemonstrationen, wäre ohne die basisdemokratischen Strukturen des Neuen Forums kaum derart in Gang gekommen. Anfang 1990 gelangten Verteter des Neuen Forums auch in die - umgestaltete - Volkskammer der DDR und bildeten dort die Fraktion Bündnis 90/Grüne. Die Fraktion plädierte gegen eine zu rasche Währungsreform und Vereinigung mit der Bundesrepublik. Wie auseinanderstrebend die politischen Visionen waren, zeigt der Umstand, dass sich bereits im Januar 1990 eine Deutsche Forumpartei (DFP) vom Neuen Forum abspaltete und mit der staatlichen Vereinigung in der FDP aufging.






