Opfer des eigenen Mythos
Der Dockarbeiter im Hamburger Hafen steigt auf zum Vorsitzenden der KPD, dank Stalins Hilfe. Als die Nazis Ernst Thälmann 1933 verhaften, hofft er vergebens auf Unterstützung.Ernst Thälmann, ab 1925 Vorsitzender der Kommunistischen Partei Deutschlands, im Jahr 1932. (Bild: Bundesarchiv, Lizenz: Creative Commons)
Debakel im "Kommunistennest"
Thälmann, der allseits bekannte Parteiführer mit der markanten Glatze und der kräftigen Figur, weilt am 3. März 1933 in Berlin-Charlottenburg, Lützowstraße 9. Es ist die Wohnung seiner Geliebten Martha Kluczynski. Briefträger, Putzfrau und diverse Nachbarn kennen das Quartier als "Kommunistennest". Martha ist KPD-Mitglied, genau wie ihr Ehemann Hans, ein schmächtiger, seit dem Weltkrieg invalidisierter Mensch. Wenn Thälmann kommen will, hat Hans zu verschwinden - zur Laube der Kluczynskis, Gartenkolonie Havelblick. Beim Skat witzeln die Schrebergärtner über Hans. Von dort, von Vereinskassierer Hermann Hilliges, erhalten Schutzpolizei und SA den entscheidenden Tipp. Als die Greifer im Wohnzimmer stehen, ist Thälmann gerade beim Packen. Ehefrau Rosa erfährt zwei Tage später von dem Debakel. Wer ist dieser Thälmann, der sich an jenem Märztag so leicht fangen lässt?
Thälmann im Juni 1927 beim Aufmarsch des Rotfrontkämpferbundes, die Faust geballt... (Bild: Bundesarchiv, Lizenz: Creative Commons)
Schon damals umschwebt den KPD-Vorsitzenden die Aura des Helden: Thälmann hat Charisma, begeistert Massen - und redet, glaubt man Ohrenzeugen, gewöhnlich Unsinn. Seine Anhänger verehren den ehrlichen, grobschlächtigen Hamburger Docker. Für Gegner auch innerhalb der Partei ist er Symptom des intellektuellen Verfalls der deutschen Kommunisten. Sie hätten dem beigepflichtet, was der Kommunismusforscher Hermann Weber Jahrzehnte darauf über Thälmann schreibt: "ein Provinzpolitiker mit demagogischem Talent".
Vom Quotenproletarier zum Chef
Das Geheimnis von Thälmanns erstaunlicher Parteikarriere - seines Aufstiegs vom Quotenproletarier im Zentralkomitee zum definitiven Chef - heißt Stalin: Der Moskauer Diktator mag keine eigenständigen strategischen Köpfe, am allerwenigsten in den ausländischen kommunistischen Parteien. "Teddy" Thälmann ist Stalins Vasall, bei jeder noch so aberwitzigen politischen Schwenkung, die der Generalsekretär für zweckmäßig hält. 1925 stolpert der gerade frisch gekürte KPD-Vorsitzende über eine windige Affäre: John Wittorf, Thälmanns Hamburger Vertrauter, hat Geld aus der Parteikasse gestohlen. Thälmann weiß davon - und schweigt. Die Sache fliegt auf; das Politbüro enthebt Thälmann des Amtes. Doch dann interveniert Stalin und befiehlt Thälmanns volle Rehabilitation. Seitdem pariert "Teddy" auf jeden Wink aus dem Kreml.
1925 kandidiert Thälmann für das Amt des Reichspräsidenten. (Bild: Bundesarchiv, Lizenz: Creative Commons)
Unter Stalins eiserner Fuchtel ist die Führung der deutschen Kommunisten alles andere als ein harmonischer, diskutierfreudiger Männerklub. Dieselben Menschen, von denen viele bereit sind, im Straßenkampf ihr Leben aufs Spiel zu setzen, befehden einander unermüdlich. Alle buhlen um Moskaus Gunst. Im Rücken Thälmanns und seiner Getreuen steht die zweite Reihe der Funktionäre: Personen wie Walter Ulbricht und Wilhelm Pieck. Ulbricht, viel später Schöpfer des Thälmann-Mythos in der DDR, wird Thälmanns Verhängnis. Da aber ist Ulbricht schon in Moskau und Thälmann Gefangener Hitlers...
Seite
1
| 2
Dieser Artikel gehört zum Thema
| Widerstand | ![]() |
Infobox
Am 16. April 1886 wird Ernst Thälmann in Hamburg geboren. Die Eltern betreiben eine Kellerwirtschaft in der Nähe des Hamburger Hafens. 1892 verurteilt man beide zu zwei Jahren Zuchthaus wegen Hehlerei.
1902 verlässt Ernst im Streit das Elternhaus und landet im Obdachlosenasyl. 1903 wird er Mitglied der SPD. Ab 1904 fährt Thälmann als Heizer auf einem Frachter. Von 1913 bis 1914 arbeitet er als Kutscher.
Von 1915 bis zum Ende des Ersten Weltkriegs kämpft Thälmann an der Front im Westen. Er wird mehrfach verwundet. 1915 heiratet er Rosa Koch. Aus dieser Ehe geht die Tochter Irma hervor. Thälmann desertiert 1918 und tritt der USPD bei.
Ab März 1919 ist Thälmann Vorsitzender der Hamburger USPD und wechselt mit der Mehrzahl der USPD-Mitglieder zur KPD. Im Sommer 1921 fährt Thälmann als Delegierter nach Moskau und lernt dort Lenin kennen.
1923 organisiert Thälmann den Hamburger Aufstand. Der Aufstand, der vom 23. bis 25. Oktober die Hansestadt erschüttert, scheitert - und Thälmann muss untertauchen. Das Scheitern wirft er den ehemaligen KPD-Vorsitzenden und "Rechtsabweichlern" Heinrich Brandler und August Thalheimer vor.
Am 1. Februar 1925 wird Thälmann Vorsitzender der KPD, nachdem seine Vorgängerin Ruth Fischer als "Linksabweichlerin" aus der Partei ausgeschlossen wurde. Im selben Jahr kandidiert Thälmann - chancenlos - für das Amt des Reichspräsidenten.
Im September 1928 entbindet das Politbüro der KPD Thälmann von seinen Funktionen, weil er seinen Schützling John Wittorf - im Zusammenhang mit der Unterschlagung von Parteigeldern - gedeckt hat. Stalin interveniert über das Exekutivkomitee der Komintern, so erhält Thälmann seine Funktionen wieder, und gilt nun als unumschränkte Autorität.
Im Juni 1929 wendet sich Thälmann entsprechend Stalins Weisung gegen die SPD. Die Sozialfaschismusthese ist nun offizielle Parteidoktrin. 1932 kandidiert er erneut für das Amt des Reichspräsidenten.
Am 30. Januar 1933 ergreift Hitler die Macht. Thälmann propagiert während einer letzten halblegalen Politbürositzung in Ziegenhals bei Berlin die Idee der Volksfront. Am 3. März 1933 wird Thälmann in der Wohnung seiner Berliner Geliebten verhaftet.
Von März 1933 bis August 1944 sitzt Thälmann in verschiedenen Gefängnissen ein. Illegale Kuriere versorgen ihn mit Nachrichten aus Moskau und transportieren Briefe von ihm in die Sowjetunion. Thälmanns Hoffnung, dass Stalin ihn freikauft, gewaltsam befreien lässt oder austauscht, schwindet.
Am 17. August 1944 bringen zwei Gestapobeamte Thälmann aus dem Gefängnis Bautzen in Richtung des Konzentrationslagers Buchenwald. Wo Thälmann ermordet wurde, ist bis heute unklar.
1902 verlässt Ernst im Streit das Elternhaus und landet im Obdachlosenasyl. 1903 wird er Mitglied der SPD. Ab 1904 fährt Thälmann als Heizer auf einem Frachter. Von 1913 bis 1914 arbeitet er als Kutscher.
Von 1915 bis zum Ende des Ersten Weltkriegs kämpft Thälmann an der Front im Westen. Er wird mehrfach verwundet. 1915 heiratet er Rosa Koch. Aus dieser Ehe geht die Tochter Irma hervor. Thälmann desertiert 1918 und tritt der USPD bei.
Ab März 1919 ist Thälmann Vorsitzender der Hamburger USPD und wechselt mit der Mehrzahl der USPD-Mitglieder zur KPD. Im Sommer 1921 fährt Thälmann als Delegierter nach Moskau und lernt dort Lenin kennen.
1923 organisiert Thälmann den Hamburger Aufstand. Der Aufstand, der vom 23. bis 25. Oktober die Hansestadt erschüttert, scheitert - und Thälmann muss untertauchen. Das Scheitern wirft er den ehemaligen KPD-Vorsitzenden und "Rechtsabweichlern" Heinrich Brandler und August Thalheimer vor.
Am 1. Februar 1925 wird Thälmann Vorsitzender der KPD, nachdem seine Vorgängerin Ruth Fischer als "Linksabweichlerin" aus der Partei ausgeschlossen wurde. Im selben Jahr kandidiert Thälmann - chancenlos - für das Amt des Reichspräsidenten.
Im September 1928 entbindet das Politbüro der KPD Thälmann von seinen Funktionen, weil er seinen Schützling John Wittorf - im Zusammenhang mit der Unterschlagung von Parteigeldern - gedeckt hat. Stalin interveniert über das Exekutivkomitee der Komintern, so erhält Thälmann seine Funktionen wieder, und gilt nun als unumschränkte Autorität.
Im Juni 1929 wendet sich Thälmann entsprechend Stalins Weisung gegen die SPD. Die Sozialfaschismusthese ist nun offizielle Parteidoktrin. 1932 kandidiert er erneut für das Amt des Reichspräsidenten.
Am 30. Januar 1933 ergreift Hitler die Macht. Thälmann propagiert während einer letzten halblegalen Politbürositzung in Ziegenhals bei Berlin die Idee der Volksfront. Am 3. März 1933 wird Thälmann in der Wohnung seiner Berliner Geliebten verhaftet.
Von März 1933 bis August 1944 sitzt Thälmann in verschiedenen Gefängnissen ein. Illegale Kuriere versorgen ihn mit Nachrichten aus Moskau und transportieren Briefe von ihm in die Sowjetunion. Thälmanns Hoffnung, dass Stalin ihn freikauft, gewaltsam befreien lässt oder austauscht, schwindet.
Am 17. August 1944 bringen zwei Gestapobeamte Thälmann aus dem Gefängnis Bautzen in Richtung des Konzentrationslagers Buchenwald. Wo Thälmann ermordet wurde, ist bis heute unklar.



