Eine deutsche Angelegenheit
Den Ostberliner Machthabern liefen die Bürger davon. Ökonomisch stand der Staat DDR vor dem Aus. Die Mauer war das Fundament, auf dem die ostdeutsche Republik noch fast drei Jahrzehnte existierte.Berlin, am 13. August 1961: Ostberliner Bauarbeiter stellen hinter Stacheldraht Betonblöcke auf. (Bild: Bundesarchiv, Lizenz: Creative Commons)
Massenexodus
Der Osten blutete aus. Attraktiver als das Malochen in der durchgeplanten Mangelwirtschaft waren Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten im Westen: Rund 2,6 Millionen Bürger verließen zwischen Oktober 1949 und August 1961 die DDR und Ostberlin. 1959 erreichte der Massenexodus den Höhepunkt. Ärzte, Lehrer, Ingenieure, Fachkräfte aus allen Bereichen, kehrten dem ungeliebten Regime den Rücken und fanden bessere Jobs jenseits der Elbe. Berlin, wo eine kaum zu kontrollierende Sektorengrenze mitten durch das Häusermeer verlief, war letztes Schlupfloch für viele.
Die Entscheidung, das auf Dauer unerträgliche Schlupfloch zu schließen, fiel zwischen dem 3. und 5. August 1961 in Moskau: Partei- und Staatschef Nikita Sergejewitsch Chruschtschow gab SED-Chef Walter Ulbricht freie Hand. Am 11. August wurden die Pläne in der DDR-Volkskammer abgenickt. Der Einsatz "bewaffneter Organe" zur Besetzung der Grenze zu Westberlin und zur Errichtung von Grenzsperren war gebilligt. Erich Honecker, damals ZK-Sekretär für Sicherheitsfragen, leitete die Umsetzung des Beschlusses.
Berlin, 26. Juni 1963: US-Präsident John F. Kennedy besucht die Berliner Mauer am Checkpoint Charlie.
Dass Ulbricht, ökonomisch mit dem Rücken an der Wand, rasch die passenden Befehle seines Herrn und Meisters in Moskau erhielt, beruhte auf politischem Kalkül. Denn die andere Supermacht, die USA, war von vornherein kaltgestellt: Einen Atomkrieg zu riskieren, nur für Berlin, lag außerhalb des Rahmens verantwortungsvoller Politik.
Worte und Gesten
US-Präsident John F. Kennedy, damals wenige Monate im Amt, stand für das Prinzip des Sichheraushaltens mit seiner Person. Als in der Nacht vom 12. auf den 13. August 1961 rund fünftausend Angehörige der DDR-Grenzpolizei, weitere fünftausend Volkspolizisten und viereinhalbtausend Kampfgruppenmitglieder die Straßen und Gleiswege nach Westberlin sperrten, reagierten die Mächtigen der westlichen Welt mit Worten und Gesten. Wobei es blieb.
Worte und offizielle Besuche gaben den Westberlinern immerhin das Gefühl, nicht ganz im Stich gelassen worden zu sein - eine anhaltend wirkende Beruhigungspille. Bald strömten auch Fördermittel aus der wirtschaftlich aufblühenden Bundesrepublik in die "Frontstadt" hinüber. Spätere Jahre zeigten, wie bequem es sich mit der Mauer leben ließ.
Auseinandergerissen
Dem behutsamen Agieren der großen Politik entsprachen die Reaktionen der kleinen Leute im Osten: kein Massenaufschrei der Empörung, kaum Mitleid mit den "Grenzgängern", die im Westen gutes Geld verdient und im Ostteil Berlins billig gelebt hatten, dank Subventionen und Wechselkursen. Viele Berliner Familien traf es dennoch hart, auseinandergerissen durch eine buchstäblich über Nacht entstandene Linie. Sie waren die ersten Opfer des Verbrechens Mauerbau.
Ruhe im Osten
Trotz allem schuf der Mauerbau im Osten nicht nur Depression, er erzeugte auch Hoffung, selbst bei Menschen, die das Regime kritisch sahen: Könnte nicht jetzt, innerhalb der vermauerten DDR, ein gewisses Maß an politischer Freiheit kommen? Solche Hoffnung wurde zwar schnell enttäuscht, doch zur Peitsche gab es das Zuckerbrot: Es begann eine Phase wirtschaftlicher Stabilität. Und mit der Wirtschaftsstabilisierung zog politische Ruhe ein.
All dies trug dazu bei, dass die Mauer etwas wurde, worüber der Normalbürger nicht mehr räsonierte. Formen politischen Stolzes, Staatsbewusstsein und Selbstwertempfinden wuchsen auf der Basis eines politischen Verbrechens: Allein an der Berliner innerdeutschen Grenze kamen zwischen dem 13. August 1961 und dem 9. November 1989 nach unterschiedlichen Quellen bis zu 238 Menschen zu Tode.
Geistige Spaltung
Es ist dieser Widerspruch, den die Mauer symbolisiert: staatsbürgerliche Identität, mit einem Keller voller Leichen. Weil so etwas, von außen betrachtet, schwer verständlich bleibt, hat die Mauer ebenso zur geistigen Spaltung der Deutschen geführt. Das politische Akzeptieren des Ungeheuerlichen, sein Hinnehmen musste Folgen haben - für die Nation, deren Angelegenheit es war.
Michael Schmittbetz (27.07.2010)
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Überraschung?
Kam der Bau der Berliner Mauer am 13. August 1961 für die maßgeblichen Stellen des Westens überraschend? Zwar behandelte die DDR-Führung alle Pläne als Staatsgeheimnis. Doch wie ließen sich die umfangreichen Vorbereitungen verbergen? Zudem war auch im Westen klar, dass die östliche Diktatur auf den Prozess langsamen wirtschaftlichen Ausblutens durch Abwanderung gar nicht anders reagieren konnte.
Eine internationale Pressekonferenz am 15. Juni 1961 in Ostberlin wirft darauf ein Schlaglicht: Auf die bohrende Frage einer westdeutschen Journalistin antwortete Walter Ulbricht mit dem berühmt gewordenen Satz: "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!" Und verwendete damit das Wort "Mauer" erstmals in seiner späteren politischen Bedeutung.
Eine internationale Pressekonferenz am 15. Juni 1961 in Ostberlin wirft darauf ein Schlaglicht: Auf die bohrende Frage einer westdeutschen Journalistin antwortete Walter Ulbricht mit dem berühmt gewordenen Satz: "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!" Und verwendete damit das Wort "Mauer" erstmals in seiner späteren politischen Bedeutung.
Den Westalliierten, also den USA, Großbritannien und Frankreich, standen Informationen über "drastische Maßnahmen" zur Abriegelung Westberlins rechtzeitig zur Verfügung. Von Zeitpunkt und Ausmaß zeigten sie sich dann zwar öffentlich geschockt, handelten jedoch wohlüberlegt und -dosiert, auch weil ihr privilegierter Zugang nach Westberlin nicht beschnitten wurde.
Sogar dem Bundesnachrichtendienst waren Tage vorher wichtige Hinweise zugegangen: aus einer Konferenz von Verlags-Parteisekretären in Ostberlin, welche keineswegs zum engeren Kreis der Geheimnisträger gehörten. Dennoch hatten Vertreter der DDR-Führung ihre Absichten dort detailliert beschrieben. Ob diese Information wirklich an politische Entscheidungsträger gelangte, ist bis heute umstritten.
Sogar dem Bundesnachrichtendienst waren Tage vorher wichtige Hinweise zugegangen: aus einer Konferenz von Verlags-Parteisekretären in Ostberlin, welche keineswegs zum engeren Kreis der Geheimnisträger gehörten. Dennoch hatten Vertreter der DDR-Führung ihre Absichten dort detailliert beschrieben. Ob diese Information wirklich an politische Entscheidungsträger gelangte, ist bis heute umstritten.



