9. November 1989: Die Grenze ist auf. Ein Versehen?
"Ab sofort!"
In dieser Nacht hat Günter Schabowski gut geschlafen. Am Morgen dann, es ist der 10. November, kommen erste Nachrichten herein: Krampfhaft versucht Schabowski, Mitglied des Politbüros des ZK der SED, zu verstehen, wie alles passiert sein könnte.Eine leise Bewegung
Ist ein Gebäude morsch, reicht manchmal jede leise Bewegung, um es zum Einsturz zu bringen. Der Zufall kommt ins Spiel, und die Wand, die stützende Mauer, stürzt ein. Der Zufall heißt am 9. November, dem Tag des Mauerfalls, Schabowski. Er soll der Mann sein, der ohne Absicht, durch einen Versprecher, die Grenze geöffnet hat. Was war geschehen?
"Wir sind pleite"
In Ostberlin tagt vom 8. November morgens an das Zentralkomitee. Das leidige Thema Reisen wird diskutiert, steht aber nicht im Vordergrund. Den Genossen liegt eine Studie vor, verfasst am 31. Oktober: "Wir sind pleite, wir brauchen Kredit", ließe sich der Inhalt zusammenfassen. Die Mauer, das Grenzregime, damit könnte man Geld vom Westen erhandeln, gegen ohnehin längst fällige Zugeständnisse vielleicht. Die Mauer ist das letzte kreditwürdige Objekt der DDR.
"Liberale Medienpolitik"
So klar sagt das auf der Medienkonferenz, die gegen 18 Uhr des 9. November im Berliner Internationalen Pressezentrum beginnt, natürlich niemand. Hauptperson des Abends ist Schabowski. Der ehemalige Chefredakteur des Neuen Deutschland ist zuständig für die Pressearbeit der "gewandelten" Führung. Von künftiger "liberaler Medienpolitik" geht die Rede. "Keine Gängelei mehr", verspricht der hochrangige Parteijournalist. Wenige Minuten vor 19 Uhr unterbricht ein Vertreter der italienischen Nachrichtenagentur ANSA Schabowskis volltönende Erklärungen. Er will wissen, ob die ursprüngliche Fassung des neuen Reisegesetzes - wegen restriktiver Bestimmungen von der Bevölkerung mit Protesten quittiert - nicht ein Fehler gewesen sei.
Bürokratenkauderwelsch
Schabowski liest, als Reaktion, von einem Zettel ab, den ihm Egon Krenz angeblich kurz zuvor in die Hand gedrückt hat. Unsicher, fast stotternd, kommt folgendes Bürokratenkauderwelsch aus dem Mund des sonst eher redegewandten Funktionärs:
"Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen - Reiseanlässe und Verwandtschaftsverhältnisse - beantragt werden. Genehmigungen werden kurzfristig erteilt. Die zuständigen Abteilungen Pass- und Meldewesen der VP sind angewiesen, Visa zur ständigen Ausreise unverzüglich zu erteilen, ohne dass dafür noch geltende Voraussetzungen für eine ständige Ausreise vorliegen müssen. Ständige Ausreisen können über alle Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD erfolgen..."
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