Die Bösebrücke an der Bornholmer Straße in Berlin, 15 Jahre nach dem Mauerfall.
Zeit der Freiheit
Geschichte läuft in Kreisen, und sie besteht aus Erinnerungssplittern: Irgendwann 1960, knapp zwei Jahre alt, muss es mich zum ersten Mal in den Westen verschlagen haben. Einen Lichtbus, viel Licht, hat der Winzling damals erblickt. Neunundzwanzig Jahre später schließt sich der Kreis: der Lichtbus mit den "Ossis" am Kudamm, Gebrüll, ohne Zauber.Neugier im Bauch
Es lässt sich nicht leugnen: Das große Ereignis - in der Nacht auf den 9. November - habe ich verpasst, steckte im Zug zwischen Rostock und Berlin. Am nächsten Tag, nachmittags im Café, erzählt doch einer, die Grenze sei offen. Aha! Also laufen wir hin, Neugier im Bauch. Überraschung? Was kann noch überraschen? - Honeckers Abgang, Montagsdemos, jeder Genosse schon immer aufmüpfig gewesen, linientreue Professoren, die gerade am Schreibtisch eine neue DDR entwerfen...
Geruch der Dönerbuden
Mit Nachdruck hat die Geschichte das Denken überrollt. Die Geschichte wenigstens verhält sich ungewöhnlich, kroch doch sonst, viele Jahre, so langsam und zäh. Wir verhalten uns gewöhnlich, ziehen los, über die Brücke an der Bornholmer, ins Paradies. Das Paradies riecht paradiesisch: wie mir später klar wird, vom Fett der Dönerbuden. Überhaupt sind's die Gerüche, was bleibt: Auf der Kontrollmeile, vor der Brücke, steigt Zweitaktergestank in die Nase. Dahinter fängt es an, mit einem Schlag. Ist der "Schutzwall" auch noch geruchsdicht gewesen?
"Hoch die Ossis"
Jubel, Jubel über allem: "Nun danket alle Gott", titelt Bild, als ob des großen Friedrich Grenadiere eine Schlacht gewonnen hätten. Die Grenadiere, in ihren steingrauen Uniformen, haben die Schlacht verloren. Blinzelnd stehen sie herum, kriegen Bonbons, zum Trost. Bonbons - und Bananen - kriegen wir auch: "Hoch die Ossis!" Da hätte man sammeln sollen. Auf zum Kudamm, Magie eines Worts! Den Rest erzähle ich als Großpapa den Enkeln.
Anfang oder Ende?
Zeit der Freiheit. Die Freiheit hat ihre Zeit. War der 9. November ein Anfang oder ein Ende? Ist jemand frei, in der Schlange vor der Bank, gierig aufs "Begrüßungsgeld", als "Beuteldeutscher" bei Aldi, auf dem Arbeitsamt? Freiheit bekommt keiner geschenkt. Der 9. November war ein Geschenk.
November 1989: Zeit der Freiheit. Zeit der Parolen.
Kurze Rebellion
Im Osten Berlins war die Polizei aus dem Stadtbild verschwunden, die Stasi-Knechte sowieso. In den Behörden müffelte verdrießliche Angst, weil "der Bürger" plötzlich Selbstbewusstsein zeigte. Politparolen, manchmal hirnrissig, zierten die Wände. "Es lebe die Oktoberrevolution!": Kaum einer wird das Transparent vergessen, mit dem die Schwulen aus den Senefelder Bierstuben, im Vormonat des Mauerfalls, auf die Straße gingen. Und kaum einer die Krawalle auf der Schönhauser, und dieses Summen - wie im Bienenstock - in der Gethsemane-Kirche. Unvergesslich die Debatten, in allen Kneipen, auf jedem Platz. Zeit der Freiheit, der Rebellion - und kurz.
Es geht um die Ananas
Was eigentlich habe ich, das Kleinkind von 1960, vom "Lichtbus" aus gesehen? Wohl eine Leuchtreklame. Werbung war es auch, die bald nach dem Mauerfall jene handgemalten Parolen verdrängte. Jetzt ging es um die Ananas, um die Wurst: um den ostdeutschen Käufermarkt. Ordnung kam zurück; der Amtsschimmel fasste wieder Mut. Geschichte läuft im Kreis: Jeder kennt die Zukunft, der sich erinnern kann.
Michael Schmittbetz (27.10.2004)
Infobox
10. November: Kreise der SED-Führung überlegen, ob die Grenze militärisch wieder zu schließen ist. Bei der nur dort im ganzen Ausmaß bekannten Wirtschaftspleite könnte die Mauer immer noch Faustpfand für Kredite sein. Resultat: negativ.
13. November: Hans Modrow wird neuer Ministerpräsident. Erich Mielke (81) blamiert sich vor der Volkskammer ("Ich liebe, ich liebe doch alle..."). Finanzminister Höfer erklärt, dass die Inlandsschulden der DDR 130 Milliarden Mark betragen. Auslandsschulden bleiben Geheimsache.
26. November: Künstler und Angehörige der Opposition veröffentlichen ihren Aufruf Für unser Land. Sie fordern, jedoch ohne Kenntnis der wirtschaftlichen Situation, den Erhalt der Eigenständigkeit der DDR und wenden sich gegen den Ausverkauf "unserer materiellen und moralischen Werte".
27. November: Bundeskanzler Helmut Kohl legt einen Zehn-Punkte-Plan zur Deutschen Einheit vor. Aus dem Slogan "Wir sind das Volk" wird "Wir sind ein Volk".
13. November: Hans Modrow wird neuer Ministerpräsident. Erich Mielke (81) blamiert sich vor der Volkskammer ("Ich liebe, ich liebe doch alle..."). Finanzminister Höfer erklärt, dass die Inlandsschulden der DDR 130 Milliarden Mark betragen. Auslandsschulden bleiben Geheimsache.
26. November: Künstler und Angehörige der Opposition veröffentlichen ihren Aufruf Für unser Land. Sie fordern, jedoch ohne Kenntnis der wirtschaftlichen Situation, den Erhalt der Eigenständigkeit der DDR und wenden sich gegen den Ausverkauf "unserer materiellen und moralischen Werte".
27. November: Bundeskanzler Helmut Kohl legt einen Zehn-Punkte-Plan zur Deutschen Einheit vor. Aus dem Slogan "Wir sind das Volk" wird "Wir sind ein Volk".


