Imperator des Eigentums
Er war mehr als bloß ein Schlachtengott. Napoleon Bonaparte beendete die Revolution und stabilisierte die Macht der bürgerlichen Klasse, in Frankreich und in weiten Teilen Europas.Schlacht bei Arcole, 17. November 1796: Natürlich schritt General Bonaparte nicht persönlich voran. Das Bild ist gut bezahlte Propaganda. Für seine Verherrlichung hat der Feldherr früh gesorgt. (Gemälde von Antoine-Jean Gros, 1801)
Sogar die Stimme der Opfer schien ihn zu glorifizieren: "Dann reitet mein Kaiser wohl über mein Grab...", dichtete kein Geringerer als Heinrich Heine einem über der Niederlage verzweifelnden Grenadier in den Mund. Auch andere normalerweise kritische Köpfe, wie der Schriftsteller Stendhal, schwelgten in Nostalgie, lange nachdem ihr Idol das Zeitliche gesegnet hatte.
Blutrache und Besitz
Napoleon Bonaparte, General, Erster Konsul, Kaiser der Franzosen, Eroberer Europas, kam am 15. August 1769 im korsischen Ajaccio auf die Welt. Korsika, die rund achteinhalbtausend Quadratkilometer große Insel im Mittelmeer, war damals ein provinzieller Mikrokosmos mit höchst eigenwilligen Gesetzen: Clans bestimmten das Geschehen, Blutrache regelte so manchen Konflikt, Besitz an Grund und Boden verschaffte auf archaische Weise Geltung und Einfluss, entschied über Leben oder Untergang. Seine korsische Herkunft formte den Politiker Bonaparte. Weil diese Formung, verbunden mit Tatkraft und Instinkt, zum Geist der Epoche passte, konnte sich Weltgeschichte in ihm, Napoleon, verkörpern.
Es geht um die Beute
Von welchem Epochengeist muss man reden, wenn die Zeit gemeint ist, in der Napoleon Bonaparte aus Ajaccio zum Alleinherrscher Frankreichs avancierte, die Zeit also um die Jahre 1795 bis 1800? Auf jeden Fall ging es um Beute, denn wichtigstes Resultat der Revolution, die Frankreich seit 1789 erschütterte und nunmehr verebbte, war eine gigantische Umverteilung von Reichtum: Aus den schönsten Brocken des Besitzes von Adel und Kirche war Nationaleigentum geworden, das allerdings rasch wieder in Privathand gelangte.
18. Brumaire 1799: Bonaparte im Rat der Fünfhundert. Noch leistet das Parlament Widerstand. Am nächsten Tag ist alles vorüber. (Gemälde von François Bouchot, 1840)
Doch den neuen Eigentümern, den bürgerlichen Revolutionsgewinnlern, stand ein Kampf an zwei Fronten bevor: nach "links" gegen die chaotischen, besitzlosen Massen, die Anhänger des jakobinischen Gleichheitsgedankens, nach "rechts" gegen immer noch regsame Herrschaftsschichten des Ancien Regime, gegen Emigranten und Royalisten. Auf Bonaparte, dem Korsen und populären Feldherrn, lag alle Hoffnung der frischgebackenen Eigentümerelite.
Der General sollte den Schlussstrich ziehen unter Revolutionswirren und Umverteilung - dabei aber den Staus quo zementieren, ihn verteidigen sowohl vor den Gestrigen als auch vor jenen, welche die Parolen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit weiterhin wörtlich zu nehmen gedachten. Deshalb verhalf das neue Besitzbürgertum am 18. Brumaire (9. November) 1799 seinem Sachwalter zur Macht.
Demokratisches Mäntelchen
Das Bündnis von Diktatur und Eigentum funktionierte auf allen Stufen der Karriereleiter des körperlich eher klein geratenen Mannes. Es trug ihn empor: Im Brumaire 1799 zum Ersten Konsul "gewählt", beförderte sich Bonaparte am 3. August 1802 zum Konsul auf Lebenszeit.
Der Diktator verwirklichte nun sein Staatskonzept: strikte Zentralisation, effiziente Verwaltung, Rechtssicherheit durch den Code civil. Dieses Gesetzeswerk vereinheitlichte zunächst unterschiedliche rechtliche Vorschriften in Frankreichs Regionen. Viele seiner Bestimmungen, vor allem zum Familien- und Eigentumsrecht, wurden zum Vorbild für entsprechende Gesetze in den wichtigsten Ländern Europas. Gelegentliche Volksabstimmungen und scheinparlamentarische Institutionen versahen das politische Spiel des Diktators mit dem nötigen demokratischen Mäntelchen.
Gewinn und Profit
Ziele auszuhandeln gab es ja nicht mehr, wozu also Parlamentsdebatten, gar öffentliche Diskussionen? Der politische Zweck, das Sichern der Revolutionsgewinne und der aus ihnen gezogenen Profite, stand fest. Rationalität und verwaltungstechnische Fachkompetenz waren die Mittel. Als Erfolgskriterium dienten die Börsenkurse...
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Der Weg zur Macht
15. August 1769: Napoleon Bonaparte wird als Sohn eines korsischen Kleinadligen und Advokaten in Ajaccio auf Korsika geboren.
1784 bis 1785: Nach einem Studium an der École royale militaire in Paris wird Bonaparte Leutnant der Artillerie. 1789 wirft die Französische Revolution seine Zukunftspläne über den Haufen.
1791 bis 1793: Bonaparte dient als Offizier in der korsischen Nationalgarde und erklärt sich für die Jakobiner. 1793 spielt er eine führende Rolle bei der Belagerung der Hafenstadt Toulon. Zum Dank ernennt ihn Maximilien Robespierre zum General. Nach dem Ende der Jakobinerdiktatur verschwindet Bonaparte im Abseits.
1795: Trotz Robespierres Sturz gelingt Bonaparte das politische Comeback. Mit Geschützfeuer lässt er am 5. Oktober 1795 einen royalistischen Aufstand in Paris zusammenschießen. Im Umkreis der neuen Machthaber lernt Bonaparte seine spätere Ehefrau Joséphine de Beauharnais kennen. Bonaparte wird Oberbefehlshaber der Armee des Inneren.
9. März 1796: Bonaparte heiratet Joséphine.
1797/98: Bonaparte zieht in den italienischen Feldzug gegen Österreich. Dabei erringt er spektakuläre Siege gegen zahlenmäßig überlegene Armeen und schickt erbeutete Kunstschätze und viele Millionen Franc in Gold an das Direktorium in Paris. Er selbst ist nun ein reicher Mann.
Frühjahr 1798: Die Pariser Machthaber, denen der erfolgreiche General unheimlich wird, senden eine Armee unter Bonapartes Kommando zur Eroberung Ägyptens. Die Expedition scheitert, Bonaparte desertiert rechtzeitig und betritt am...
9. Oktober 1799 wieder französischen Boden. Dort begrüßt man ihn als Volkshelden, weil das Pariser Direktorium wegen Korruption, Misswirtschaft und militärischer Niederlagen inzwischen jeden Kredit verspielt hat.
9. und 10. November 1799 (18. Brumaire): Bonaparte putscht gegen das Direktorium, wobei er Teile der legalen Institutionen auf seine Seite zieht. Im Zuge einer Verfassungsänderung wird er zum Ersten Konsul für zehn Jahre "gewählt". Damit ist er de facto Diktator Frankreichs.
14. Juni 1800: General Bonaparte besiegt bei Marengo eine große österreichische Armee. Die Rettung vor drohender Niederlage verdankt er General Desaix, der in der Schlacht fällt.
2. August 1802: Legitimiert durch eine manipulierte Volksabstimmung, macht sich Bonaparte zum Ersten Konsul auf Lebenszeit. Später im Jahr 1802 stiftet der Konsul den Orden der Ehrenlegion.
21. März 1804: Bonaparte erlässt den Code civil, 1807 umbenannt in Code Napoleon, das erste bürgerliche Gesetzbuch. Kern des neuen Gesetzbuchs ist die Gleichheit aller (männlichen) Bürger vor dem Gesetz und der Schutz des Privateigentums. Bonaparte hat damit die juristische Basis für die Marktwirtschaft gelegt.
2. Dezember 1804: Napoleon krönt sich in der Kathedrale von Notre Dame in Anwesenheit des Papstes Pius VII. zum Kaiser. Damit will er sein Regime dynastisch verankern. Gleichzeitig erhebt er mit dem Kaisertitel Anspruch auf die künftige Gestaltung Europas.



