Spießer und Rebellen
Längst hatte Hitler im Pakt mit den Konservativen die Macht ergriffen, da träumten noch immer viele seiner Anhänger von sozialer Revolte. Der Konflikt endete mit Mord.Programm der NSDAP von 1920: Der Stil verrät schon Hitlers Einfluss.
Diesmal - wenigstens das! - sitzt ein Neuer am Tisch. Spät, nach zwei oder drei Maß, beginnt der Neue zu sprechen. Stimmung kommt auf, die Langeweile verfliegt: "Mensch, der hat a Gosch´n, den kunnt ma braucha!", sagt der Schlosser Anton Drexler zu seinem Nachbarn, dem Lokführer Lotter.
Das 55. Mitglied
Wenige Monate darauf besitzt der Gast mit der "Gosch'n", und mit dem kleinen Schnäuzer über derselben, die Mitgliedskarte Nr. 555 der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei. Adolf Hitler ist 55. Mitglied dieser winzigen Splittergruppe: Man hatte, um etwas mehr herzumachen, gleich von der Nummer 501 an gezählt.
Am 24. Februar 1920, es ist der Tag der Namensgebung, veröffentlicht die NSDAP ihr "unabänderliches" 25-Punkte-Programm: Das Papier zeigt schon unverkennbar die Handschrift Hitlers - ist "national" und antijüdisch, zielt gegen das "raffende" Kapital, gegen Warenhäuser und Banken, will ein Volksheer, "deutsches Recht", und ein Großdeutsches Reich.
Spannung und Hysterie
Warum wurde aus dem Kneipenzwerg NSDAP der Gigant künftiger Tage? Wie brachte, was da aus bayerischem Bierdunst wuchs, Abermillionen Deutsche an seine Seite? Es sind Fragen, auf die, trotz zahlloser Versuche, auch heute die letztgültige Antwort aussteht. Viel, keineswegs alles, erklärt sich aus der unwiederholbaren historischen Situation der 1920er Jahre, aus ihren Spannungen und Hysterien, ihren Hoffnungen und Ängsten.
Ängste erzeugen starke Motive: Angst vor dem Chaos, vor Umsturz und Revolution - bedrohlich rot glüht damals im Osten der Horizont -, erzeugt Streben nach Sicherheit, nach Autorität. Angst vor sozialem Abstieg, vor der Kälte des modernen Liberalismus - schon ist die Mark bloß noch fünfzig Pfennige wert -, erzeugt Sehnsucht nach der Gemeinschaft, die Halt gibt, womöglich Unterhalt.
Antikapitalistisch muss ein Parteiprogramm sein, das dem entspricht, folglich sozialistisch, was immer das heißen mag. National muss es sein, denn nur in der Nation, dem mythischen Urgrund, ist ja Gemeinschaft zu finden, die den Massen Sicherheit verspricht. Weil alles irritierend Globale, zuvörderst das "internationale Finanzkapital", hingegen bedrohlich erscheint - und dahinter "der Jude" steckt -, gerät das Programm selbstverständlich auch antijüdisch.
Problem in der Schwebe
Vor allem aber ist der Ansatz der kleinen "völkischen" Partei höchst deutungsbedürftig: Liegt die Betonung mehr auf dem antikapitalistischen, sozialrebellischen Aspekt - oder auf ordnungsversessenem, antirevolutionärem Verharren? Soll man vorwärts gehen in eine vermeintlich lebenswertere agrarisch-handwerkliche Vergangenheit, ohne Großfabriken, Warenhäuser, Banken und Trusts - oder soll der Zweck doch eher wirtschaftliche Modernität, die all jenes braucht, als Basis nationaler Stärke sein?
Hitlers Mitgliedskarte, 1. Januar 1920: Unterschrieben haben Anton Drexler und Kassenwart Schüssler.
Von 64 Mitgliedern Ende 1919 (damals noch DAP) wächst die NSDAP bis zum November 1923 auf knapp 56.000 Mitglieder an. Noch immer ist sie eine vorwiegend bayerische Angelegenheit. Der "Trommler" Hitler füllt in München mittlerweile größere Säle - und arrangiert sich mit der konservativen Staatsgewalt.
Das Arrangement platzt, als Hitler am 9. November 1923 gemeinsam mit dem Weltkriegsgeneral Ludendorff gegen die bayerische Landesregierung putscht. Der Putsch misslingt; der Chef wird auf der Festung Landsberg inhaftiert. Wie es scheint, ist dies das Aus: Fraktionskämpfe und Parteiverbot führen zur Halbierung der Mitgliederzahl...
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Propaganda
"Jede Propaganda hat volkstümlich zu sein und ihr geistiges Niveau einzustellen nach der Aufnahmefähigkeit des Beschränktesten unter denen, an die sie sich zu richten gedenkt. Damit wird ihre rein geistige Höhe um so tiefer zu stellen sein, je größer die zu erfassende Masse der Menschen sein soll..."
Diese wahrscheinlich bekanntesten Sätze zum Thema Propaganda und Quote stammen aus Hitlers Buch Mein Kampf und gehörten zu den Grundüberzeugungen des "Führers". Propaganda war in der frühen NSDAP Hitlers ureigenste Sache: Nicht umsonst bezeichnete er sich als "Trommler", lange bevor er "Führer" war.
Interessant ist Hitlers Ansicht vom Vorrang des gesprochenen Wortes (und der passenden medialen Inszenierung) vor dem geschriebenen Wort: Hitler - ebenso wie seinem späteren Propagandaminister Joseph Goebbels - war das Medium Schrift im Grunde stets verdächtig.
Kein Wunder: Während das gesprochene Wort, am besten eingebettet in Massenszenen und Bilder, erhebliche Teile seiner Wirkung aus der Vereinfachung bezieht, neigen geschriebene Texte zum Analysieren und Differenzieren - taugen also bis zu einem gewissen Grad weniger für suggestive Zwecke.
Weder Hitler noch Goebbels sind allerdings die Erfinder des modernen Propagandabegriffs. Solche zweifelhafte Ehre kommt dem US-amerikanischen Public-Relations-Spezialisten Edward Bernays zu, der auch die Kriegspropaganda der Entente während des Ersten Weltkriegs wesentlich mitgestaltete.
Die überlegene Propaganda auf der Gegenseite - mit ihren eindrucksvollen Bildern etwa von deutschen Soldaten als Schlächtern über abgehackten Kinderhänden - erregte bereits die Bewunderung des Gefreiten Hitler. Dank bewusster Aneignung der entsprechenden Techniken war Hitlers frühe NSDAP den politischen Konkurrenten voraus.
"Jede Propaganda hat volkstümlich zu sein und ihr geistiges Niveau einzustellen nach der Aufnahmefähigkeit des Beschränktesten unter denen, an die sie sich zu richten gedenkt. Damit wird ihre rein geistige Höhe um so tiefer zu stellen sein, je größer die zu erfassende Masse der Menschen sein soll..."
Diese wahrscheinlich bekanntesten Sätze zum Thema Propaganda und Quote stammen aus Hitlers Buch Mein Kampf und gehörten zu den Grundüberzeugungen des "Führers". Propaganda war in der frühen NSDAP Hitlers ureigenste Sache: Nicht umsonst bezeichnete er sich als "Trommler", lange bevor er "Führer" war.
Interessant ist Hitlers Ansicht vom Vorrang des gesprochenen Wortes (und der passenden medialen Inszenierung) vor dem geschriebenen Wort: Hitler - ebenso wie seinem späteren Propagandaminister Joseph Goebbels - war das Medium Schrift im Grunde stets verdächtig.
Kein Wunder: Während das gesprochene Wort, am besten eingebettet in Massenszenen und Bilder, erhebliche Teile seiner Wirkung aus der Vereinfachung bezieht, neigen geschriebene Texte zum Analysieren und Differenzieren - taugen also bis zu einem gewissen Grad weniger für suggestive Zwecke.
Weder Hitler noch Goebbels sind allerdings die Erfinder des modernen Propagandabegriffs. Solche zweifelhafte Ehre kommt dem US-amerikanischen Public-Relations-Spezialisten Edward Bernays zu, der auch die Kriegspropaganda der Entente während des Ersten Weltkriegs wesentlich mitgestaltete.
Die überlegene Propaganda auf der Gegenseite - mit ihren eindrucksvollen Bildern etwa von deutschen Soldaten als Schlächtern über abgehackten Kinderhänden - erregte bereits die Bewunderung des Gefreiten Hitler. Dank bewusster Aneignung der entsprechenden Techniken war Hitlers frühe NSDAP den politischen Konkurrenten voraus.
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Die Geldfrage
Ein Mythos ist die Theorie, dass Hitlers Partei sich hauptsächlich aus Spendengeldern von Banken und Großindustrie finanzierte. Für die überwiegende Zeit ihrer Existenz vor 1933 trifft das schlicht nicht zu: Ausschlaggebend waren Mitgliedsbeiträge, die sogar von arbeitslosen Mitgliedern erhoben wurden, und teilweise happige Eintrittsgelder für Massenveranstaltungen.
Hunderttausende kleiner NSDAP-Mitglieder, verblendet durch Hitlers Propaganda, überschrieben der Partei Vermögenswerte oder leisteten unentgeltlichen "Dienst", etwa in den Reihen der SA.
Großindustrie und Banken unterstützten bis fast zum Schluss lieber konservative Parteien, statt ihr Geld dem lange als unberechenbar eingeschätzten Hitler vor die Füße zu werfen. Frühzeitige Hilfe, auch in Form von Waffen und Geld, erhielt Hitler allerdings von der Reichswehr, vermittelt durch den 1934 auf seinen Befehl ermordeten Ernst Röhm.
Die Struktur der Finanzierung änderte sich erst wenige Monate vor der "Machtergreifung". Erst jetzt war das Kapital von Hitlers Ungefährlichkeit, ja sogar von seinem Nutzen überzeugt.
Die nun folgenden massiven Finanzspritzen halfen der NSDAP aus der Klemme, als sie 1932 einen deutlichen Rückgang der Wählerstimmen mittels intensiver (und kostspieliger) Propaganda überwinden musste.
Ein Mythos ist die Theorie, dass Hitlers Partei sich hauptsächlich aus Spendengeldern von Banken und Großindustrie finanzierte. Für die überwiegende Zeit ihrer Existenz vor 1933 trifft das schlicht nicht zu: Ausschlaggebend waren Mitgliedsbeiträge, die sogar von arbeitslosen Mitgliedern erhoben wurden, und teilweise happige Eintrittsgelder für Massenveranstaltungen.
Hunderttausende kleiner NSDAP-Mitglieder, verblendet durch Hitlers Propaganda, überschrieben der Partei Vermögenswerte oder leisteten unentgeltlichen "Dienst", etwa in den Reihen der SA.
Großindustrie und Banken unterstützten bis fast zum Schluss lieber konservative Parteien, statt ihr Geld dem lange als unberechenbar eingeschätzten Hitler vor die Füße zu werfen. Frühzeitige Hilfe, auch in Form von Waffen und Geld, erhielt Hitler allerdings von der Reichswehr, vermittelt durch den 1934 auf seinen Befehl ermordeten Ernst Röhm.
Die Struktur der Finanzierung änderte sich erst wenige Monate vor der "Machtergreifung". Erst jetzt war das Kapital von Hitlers Ungefährlichkeit, ja sogar von seinem Nutzen überzeugt.
Die nun folgenden massiven Finanzspritzen halfen der NSDAP aus der Klemme, als sie 1932 einen deutlichen Rückgang der Wählerstimmen mittels intensiver (und kostspieliger) Propaganda überwinden musste.




