Statthalter im Mustergau
Gauleiter Fritz Sauckel regierte Thüringen von Hitlers Gnaden. Doch seine Herrschaft begann schon Monate vor Hitlers Machtergreifung im Reich. Was ging da vor?Im Haus an der Weimarer Windmühlenstraße schult heute die Bundesanstalt für Arbeit ihre Angestellten: Repräsentativer Eingang, Turm, großzügig angelegter Garten - entworfen hat den Bau 1937 Hermann Giesler, neben Albert Speer Hitlers Lieblingsarchitekt. "Dienstwohngebäude des Reichsstatthalters" hieß das Schlösschen damals auf Bürokratendeutsch. Der Volksmund nannte es "Villa Sauckel".
Fritz Sauckel, Hausherr von 1937 bis 1945, starb 1946 am Galgen. Beim Nürnberger Kriegsverbrecherprozess war er einer der 24 Hauptangeklagten - mit Göring, Ribbentrop, Heß, Speer und anderen Nazigrößen. Über fast alle gibt es detailversessen recherchierte Biografien. Außer über Sauckel. Denn der langjährige Weimarer Gauleiter galt schon zu Lebzeiten als banal, ungebildet und unbeholfen - ein ödes Thema.
Sklavenhalter
Zyniker behaupten, dass dieser Umstand den Nürnberger Richtern half, mit dem kläglich wirkenden, hässlichen Mann kurzen Prozess zu machen. Über Albert Speer, einen gutaussehenden, redegewandten Managertyp, wurde jedenfalls länger verhandelt - und mit anderem Resultat. Immerhin: Sauckel sei "der größte und grausamste Sklavenhalter" gewesen, "seit den ägyptischen Pharaonen", meinte US-Ankläger Robert H. Jackson. Wer Sauckel heute auf einem Foto sieht, findet diese Jacke mindestens fünf Nummern zu groß. Aber so etwas kann täuschen.
Albert Speer, Hitlers Rüstungsminister: Als Wirtschaftsmanager war Speer de facto Sauckels Vorgesetzter. Der aalglatte und intelligente Speer schob die Schuld seinem Untergebenen zu - und überlebte. (Bild: Bundesarchiv, CreativeCommons)
Fünf Millionen Menschen
Hitler betraute seinen getreuen Paladin Sauckel im Frühjahr 1942 mit der Lösung eines schwerwiegenden Problems: Deutschlands Wirtschaft fehlten im dritten Kriegsjahr Millionen vor allem männliche Arbeitskräfte. Arbeiter sollten daher ins Reich gekarrt werden aus allen Winkeln des besetzten Europa.
Rund fünf Millionen Menschen schaffte die von Sauckel geleitete Organisation bis Frühjahr 1945 heran - aus Weißrussland, aus Polen und der Ukraine, Frankreich, dem Baltikum und aus manch anderem Teil von Hitlers Einflussbereich.
Nur wenige ließen sich mit Versprechungen ködern; Ex-Seemann Sauckel "shanghaite" die große Mehrheit mit brutaler Gewalt: Ganze Dörfer im Osten ließ der "GBA" niederbrennen, Städte wurden durchkämmt und Wälder. Die Reise der Verschleppten endete in Lagern, bei härtester Arbeit und wenig Nahrung. Tausende starben in den Stollen unterirdischer Rüstungsfabriken; der Rest vegetierte elend dahin. Dafür verurteilten die Nürnberger Richter Sauckel zum Tod durch den Strang.
Deutsches Propagandabild: Ukrainische Frauen warten "fröhlich" auf die Abfahrt zum Arbeitseinsatz in Deutschland. (Bild: Bundesarchiv, Lizenz: CreativeCommons)
Allerdings, was für das Nürnberger Gericht kaum von Bedeutung war: Sauckel, der "Sklavenhalter", kam nicht aus dem Nirgendwo. Hitlers Vertrauen hatte er emsig erworben. Aber der Reihe nach: Fritz Sauckel wurde am 27. Oktober 1894 im unterfränkischen Haßfurt als Sohn eines Briefträgers und einer Näherin geboren. Fünfzehnjährig ging der Heranwachsende zur Handelsmarine. Den Ersten Weltkrieg verbrachte Matrose Sauckel in französischer Internierung. So errang Sauckel, der gern diente und national dachte, nie die höhere Daseinsform als Soldat - was ihn zeitlebens verdross.
1923 siedelte Hilfsarbeiter Sauckel, von Bildungseifer motiviert, nach Thüringen um, ein Ingenieurstudium in Ilmenau war der nächste Schritt. Als Ortsgruppenleiter der dortigen NSDAP trat er politisch in Erscheinung...
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27. Oktober 1894: Fritz Sauckel kommt im unterfränkischen Haßfurt als Sohn eines Briefträgers und einer Näherin zur Welt.
1909: Sauckel geht als Matrose zur Handelsmarine. Sein Schiff wird bei Ausbruch des Krieges 1914 gekapert, Sauckel wird auf französischem Gebiet interniert. In den Jahren der Internierung liest er völkische und nationalistische Schriften und formt Grundzüge seiner Weltanschauung heraus.
1919: Sauckel kehrt nach Unterfranken zurück und engagiert sich in völkischen Bewegungen. Er verdient sein Geld als Hilfsarbeiter in der Metallindustrie. Dabei entwickelt er sozialrevolutionäre Einstellungen, hält Kommunisten und sogar Sozialdemokraten jedoch auf dem Hintergrund seiner eigenen christlich-konservativen Erziehung für inakzeptabel. 1923 tritt Sauckel der NSDAP bei.
1923 zieht Sauckel nach Thüringen um, beginnt ein Studium am Ilmenauer Technikum und avanciert 1925 zum Gaugeschaftsführer der NSDAP.
1927 ist er bereits Thüringer Gauleiter der noch kleinen Partei, nachdem er seinen Vorgänger aus dem Amt intrigiert hat. Damals gewinnt Sauckel die Aufmerksamkeit Hitlers. Als Student scheitert er. Sauckel arbeitet wieder als Hilfskraft, wobei er sich auf Hitlers Vorbild, der angeblich einmal Bauarbeiter war, beruft.
1929 zieht Sauckel nach Wahlerfolgen der NSDAP als Fraktionsvorsitzender in den Thüringer Landtag ein.
26. August 1932: Sauckel wird Thüringischer Staatsminister des Inneren und übernimmt den Vorsitz der Landesregierung.
1933: Nach der Machtergreifung Hitlers und der folgenden Reichstagswahl ernennt Reichspräsident Hindenburg Sauckel zum Reichsstatthalter von Thüringen. Wenig später wird er Mitglied des Reichstags. Als Amtsträger der NSDAP ragt Sauckel aus der Schar der übrigen Gauleiter heraus. Sein Mustergau genießt Hitlers Zuwendung in besonderem Maß.
1937: Fast gleichzeitig mit dem Bau des Gauforums in Weimar beginnt die Errichtung des Konzentrationslagers Buchenwald auf dem nahe gelegenen Ettersberg. Sauckel begrüßt die Stationierung von SS-Verbänden bei Weimar, um deren Integration in die Weimarer Gesellschaft er sich erfolgreich bemüht.
21. März 1942: Hitler ernennt Sauckel zum Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz (GBA). Bis zum Frühjahr 1945 organisiert Sauckel die Eintreibung von rund fünf Millionen Zwangsarbeitern. Sein engster und zum Teil zu Vorgaben berechtigter Partner ist Rüstungsminister Albert Speer. Sauckel und Speer kooperieren zum Beispiel beim Aufbau der unterirdischen Rüstungsfabrik bei Nordhausen (KZ Dora).
16. Oktober 1946: Sauckel wird nach dem Todesurteil im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess hingerichtet. Albert Speer kommt mit zwanzig Jahren Haft davon.



